Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316306--50344-3377468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 9 DIE^ELT 11 §((□□□□□□ FEUILLETON ^^<~°°°J?°^f GELOBT SEI DER GERECHTE RICHTER! Obersetzt aus dem Jüdischen des L. Kobrin I. Basche Chaje Gittels hatte eine Tochter — ein; Augapfel! Doch leider, sie hatte wenig Freude von ihr. Als der Mann noch lebte, wär's eine Sünde gewesen, sich zu beklagen. Chanele fehlte es an nichts, — Kleider, Schuhe waren immer da, und auch sonst alles, Gott sei gedankt dafür! Man konnte auch einen Lehrer für Chanele halten. Die Welt ist ja jetzt so eingerichtet, — gelobt sei sein Wille! daß man Bildung haben muß. Was für ein feines Köpfchen Chanele hatte! Fast wie ein Mann! Und das Lernen ging bei ihr, — was soll man davon sagen: Wie ein Talmudgelehrter einfach! Ihre Handschrift anzusehen, war eine rechte Augenweide, und erst ihr Lesen! So was gab's nicht leicht zum zweitenmal. Und schön war Chanele, — unmöglich im ganzen Orte etwas ähnliches zu finden. Schwarze Augen, funkelnd wie Edelsteine, das Gesicht leuchtend wie Sonnenschein, und ein Lächeln — die Anmut selbst! Und dazu der Wuchs! Hoch und schlank war sie wie ein junges Bäumchen. Die Eltern, Mosche und Basche, strahlten förmlich, - wenn sie auf ihr einziges Töchterchen blickten. Ihr Chanele, so wohlgeraten, so schön, so klug, — wie leicht" wird sie nicht einen Bräutigam finden, und zwar etwas ganz Exquisites? Aber leider! Plötzlich wurde Chanele eine Waise. Siebzehn Jahre war sie alt, als der Vater starb, — in dem Alter also, wo Mädchen Bräute werden. Über Basche Chaje kamen die Schmerzen, und dann die Sorgen, eine trüber als die andere. Schwerbekümmert ging sie herum: Weh ihr! Was soll die Arme jetzt beginnen? Ohne Mittel zurückgeblieben, hilftos. . . Und Chanele ist ein erwachsenes Mädchen. . . Was wird werden, was wird werden? Und sie begann, Chanele um Rat zu fragen: „Chanele, mein einziges Töchterchen, was soll man tun?" „Verliere nur den Mut nicht, Mütterchen! Laß mich nach Amerika fahren, das wird das beste sein, ich werde mich schon durchbringen. . . Wenn ein solches Unglücksgeschöpf wie Jachne Schmerl Itzes sich dort einen Mann gefunden hat, einen reichen. sogar, einen Fabrikanten, brauch doch ich mir keine Sorgen zu machen," antwortet ihr eines Tages Chanele. „Chanele, Töchterchen, was redest du da? Weh mir! Was soll das heißen: Nach Amerika? Und ich, wo soll ich auf meine alten Jahre bleiben, mit wem soll ich leben, ich Arme, Geschlagene?" „Ich werde dich bald zu mir hinübernehmen" . . . Und Basche weinte, gegen Chaneies Plan ankämpfend, immer von neuem. Wie soll sie sich von Chanele trennen? Und wie könnte sie denn ihr junges, einziges Töchterchen allein auf einen so weiten Weg lassen, nach einem Amerika, in irgendeine Welt unter der Erde! . . . Obers Meer muß man fahren, über endloses Wasser! Und wenn der Allerhöchste — gelobt sei sein Name! — sie schon glücklich hinfibergebracht haben wird, was wird erst drüben mit Chanele sein? Kein Vater, kein Bruder, kein Verwandter, kein Freund, ganz allein und verlassen. Weh ist ihr zumute, bitterweh! ... Ihr Mutterherz weint. ..." Aber schließlich mußte sie sich dreinfügen, und willigte ein, daß Chanele nach Amerika reise. Was soll man tun? Wahrscheinlich hat's Gott so gewollt. Und der barmherzige Gott wohnt doch schließlich überall. ... Und Basche verkauft ihr Häuschen und ist nun keine Hauswirtin mehr. Und was . sie so zusammenbrachte, zweihundert Silberrubel, gab sie Chanele. „Gott sei mit dir, Chanele, mein Töchterchen, deines Vaters Verdienste mögen dir Beistand sein," klagt Basche mit überströmenden Tränen. Und auch Chanele weinte bitterlich und wischte sich mit ihrem Taschentuch unaufhörlich die Tränen aus den schönen Augen. Und dann stieg Chanele in den Waggon. Und Basche blieb unten zurück, allein, allein. ... Im Herzen gab's einen Riß. Und dann ein Glockenschlag . . ein Pfiff ... der Zug beginnt zu rollen. . . Und hastig steckt noch Chanele den Kopf zum Waggonfenster hinaus, aus ihren Augen strömen die Tränen. „Bleib gesund Mütterchen," sagt sie mit einer Stimme, die wie ein Jammern klingt, „bleib ges . . ." Die letzte Silbe wird schon verschlungen vom Lärm der Räder. . . Von der Lokomotive steigt dichter weißer Rauch auf, der zurückschlägt und die Waggons blitzschnell verhüllt. . . . "Mit gläsernen Augen blickt Basche auf den Rauch. .Sie fühlt, man hat ihr etwas weggenommen, etwas Teueres, ohne das sie nicht leben kann. . . . Weggenommen und in die Waggons gesperrt und ist - damit fortgelaufen, vom weißen Rauch eingehüllt. „Haltet doch! Habt Erbarmen! Laßt sie mich nur noch einmal ansehen, einmal küssen! . . . Sie ist doch meine einzige Tochter, mein Teuerstes, meine Chanele! ..." so möchte sie aufschreien. Aber ihre Lippen zittern nur. . . . Und schon ist auch der Zug verschwunden. Und nur der Rauch ist zurückgeblieben. Und ihr ist, als wäre sie und die Welt in diesem weißen Rauch ertrunken. Er steckt ihr im Halse, er brennt ihr in den Augen, er frißt ihr am Herzen! . . . Und sie steht noch lange, lange da, immer auf demselben Ort, und schaut und schaut mit tränenverschleierten Augen nach einer Richtung, in die endlose Weite. Chanele aber sieht sie nicht mehr, immer nur Rauch, denselben weißen Rauch... Plötzlich' rückt sie das Kopftuch, legt beide Hände auf den Kopf, hebt die Augen zum Himmel und ruft tiefschmerzlich : „Gott, du bist gerecht, und dein Urteil ist gerecht. So hüte mir die Krone auf meinem Kopfe, mein 'föchterchen, mein Chanele!..."