Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 DIE^ELT No._9 Traumgebilde der aufgeregten Phantasie da. Für die offizielle Presse ist es selbstverständlich gleich, ob die von ihr beschriebene Gefahr real ist oder nicht. Sie muß die Alarmglocke schlagen. Und das ist ihre Pflicht. Zur Judenfrage in der Duma Der Korrespondent der Warschauer „Nowa Gazeta" hatte eine Unterredung mit dem Dumadeputierten Rechtsanwalt Nisselowttz, der sich folgenderweise über die Judenfrage in der Duma geäußert hat: Man kann vorläufig nichts sicheres sagen. Man würde irren, wenn man die Stimmung nach der Zugehörigkeit der Deputierten zu verschiedenen Fraktionen beurteilen wollte, da es innerhalb verschiedener Fraktionen viele Nuancen von großer Wichtigkeit gibt. Ich arbeitete in drei Dumakommissionen und kann konstatieren, daß ich niemals irgendwelche antisemitische Tedenzen bemerken konnte, trotzdem es viele Gelegenheiten dazu gab. Man kann selbstverständlich daraus keine weitgehenden Schlüsse für die ganze Frage ziehen, aber gewisse meiner Unterredungen zeigten deutlich, daß viele von den Deputierten mit den gegen Juden angewandten Repressionsmitteln keineswegs sympathisieren. Was den rechten Dumaflügel anlangt, so muß man hier die chauvinistischen Nationalisten, deren es wenige gibt, von der ganzen Rechten unterscheiden. Ich hatte bis jetzt noch keine Gelegenheit mit diesen zu sprechen und muß mich deswegen jeder Beurteilung ihrer Ansichten enthalten. Einige einflußreiche Deputierte aus der gemäßigten Rechten haben sich in dem Sinne ausgesprochen, daß sie eine sofortige und vollständige Gleichberechtigung der Juden als vorzeitig betrachten, daß sie aber für eine graduelle Besserung ihrer Lage und Abschaffung verschiedener Beschränkungen stimmen werden. Welche Beschränkungen damit gemeint wurden, ist schwer zu erraten, doch ist Herr Nisselowitz geneigt zu behaupten, daß die Stellung der gemäßigten Rechten zur Judenfrage keine feindliche ist. Seitens der Oktobristen sind viel zahlreichere und weitergehende Konzessionen zugunsten der Juden zu erwarten. Die Initiative .zur Einbringung des Projektes der jüdischen Gleichberechtigung muß von den jüdischen Deputierten ausgehen und wird von allen progressiven Elementen der Duma unterstützt werden. Bis jetzt war noch kein geeigneter Augenblick dazu da, aber er kann jeden Tag kommen. Denn andernfalls könnte es geschehen, daß die Regierung ein Gesetzprojekt über die Juden der Duma vorlegen wird, für das eine kleinere oder größere Mehrheit stimmen wird. Und es unterliegt ja keinem Zweifel, welche Stellung ' die Regierung in diesem Falle einnehmen wird. Die jüdische Rechtlosigkeit Seit einem Jahre melden die Zeitungen von verschiedenen Repressionen, denen die jüdischen Handwerker in Jaroslaw unterliegen. Die administrativen Vorschriften betreffs des Wohnrechts werden aber mit jedem Tage schärfer, und in den letzten Monaten wurden 30 jüdische Handwerkerfamilien aus der Stadt ausgewiesen unter dem Vorwande, daß ihre Legitimationen oder Pässe verschiedene Urlgenauigkeiten aufwiesen: Charakteristisch ist der Fall, wo ein 25 Jahre in Jaroslaw wohnender Handwerker, Herr G., ausgewiesen wurde, weil er in seinem Handwerkerzeugnisse als Abram und in seinem Passe als Awraam figurierte. Infolge dieser höchst kritischen Lage wurde beschlossen, einen Vertreter nach Petersburg zu senden, um die Sache aufzuklären. Unter anderen wandten sich 15 Handwerker an den Dumadeputierten Nisselowitsch mit der Bitte, sich ihres Schicksals anzunehmen. Diese Tatsachen bilden nur ein Beispiel der uns längst bekannten administrativen Willkür auf dem Gebiete der jüdischen Rechtslage. Wir sehen etwas unbedingt Charakteristisches für'die gegenwärtige Lage der Juden in Rußland. Seit dem Aufblühen der neuen reaktionären Strömung ist die jüdische Bevölkerung den alten Normen der- Rechtslosigkeit und der administrativen Willkür überlassen. In den letzten Tagen brachten die Zeitungen die Nachricht, daß das Ministerium für Volksaufklärung der Reichsduma ein Gesetzprojekt vorgelegt hat, nach welchem die Prozentnorm zur Aufnahme der Juden in höhere Lehranstalten folgenderweise bestimmt wird: in den Hauptstädten 3 °.o, in den russischen Provinzstädten 6 °Jo, in den höheren Schulen des Ansiedelungsrayons 10°/o- Der Gesetzprdjekt hat den Juden eigentlich nichts Neues gebracht; es bestimmt dieselben Normen, die seit 1887 eingeführt worden sind. Aber dieses Projekt wie auch die neuen Repressionen auf dem Gebiete des jüdischen Wohnrechts haben eine wichtige prinzipielle Bedeutung für die Lage der Juden in Rußland. Ein l1/2-jähriges Kind ausgewiesen Das jüdische Ehepaar K. wohnte auf Grund einer gesetzlichen Erlaubnis in ganz legaler Weise in Moskau. Da das Ehepaar kinderlos war, so adoptierte es ein fremdes Kind. Die diesbezüglichen Formalitäten wurden durch das Rigaer Kreisgericht aktenmäßig bestätigt. Vor kurzem verstarb K. Es verging kaum ein Tag nach seinem Tode, als die trauernde Witwe einen Polizeibefehl erhielt, das adoptierte Kind aus Moskau zu entfernen, da es ein jüdisches Kind sei und keinerlei Rechte besitze, in Moskau zu „wohnen". Das Kind ist genau Jahre alt Als die Witwe K. den Befehl erhielt, war das Kind krank. Dieser Umstand machte die Ausführung des Befehls unmöglich. Nach einigen Tagen verordnete die Polizei zum zweiten Male die Ausweisung des Kindes sobald es nur sein Gesundheitszustand erlauben wird, auszuführen. Klerikale Missionsgelüste und Kinderraub In Warschau mehren sich die Fälle des Verschwindens unmündiger jüdischer Mädchen. Als Pendant zum „Fall Wiederschall" wird jetzt von einem ähnlichen Falle, von dem eine Witwe Chaja Kath, in der Vorstadt Sielce bei Warschau wohnhaft, betroffen worden ist Es handelt sich um ihre Tochter, ein 16 jähriges Mädchen, die aus dem Mutterhause verschwunden und seither ganz verschollen ist. Eingeleitete Untersuchungen führten auf die Spur von Bekehrungsmachenschaften, und es ist sicher, daß das junge Mädchen in einem Kloster versteckt gehalten wird. Das Mädchen beschäftigte sich mit Näharbeiten und ernährte ihre Mutter samt drei kleinen Kindern. Jetzt ist die unglückliche Witwe in furchtbare Not geraten und besitzt keine Mittel um Bemühungen wegen der Wiedergewinnung ihrer Tochter zu machen. Eine „ Verbrecherbande * Der Petersburger Rechtsanwalt Schmidts die Adelige Agusta und die Künstlerin Trussowa wurden unter der Anklage der Gründung einer Abteilung der russischen sozialdemokratischen Partei zur Verantwortlichkeit gezogen. Die Verhandlungen fanden in dem Jelissawetgrader Kreisgerichte statt. Im Laufe der Verhandlungen stellte es sich mit aller Klarheit heraus, daß die Angeklagten" nichts mit irgendeiner Revolution gemein haben. Ihre „Schuld" besteht lediglich darin, daß sie nach den bekannten Oktober-Pogromen der armen, ausgeplünderten jüdischen Bevölkerung helfen wollten. Der Angeklagte Schmidt, wurde damals vom Petersburger Advokatenverein nach Jelissawetgrad delegiert, um auf Ort und Stelle die Ursachen der Pogrome zu untersuchen und, wo es nötig war, juristische Hilfe zu leisten. Er begab sich alsdann nach.Golta, wo er sich ebenfalls zwei Wochen lang den Untersuchungsarbeiteh widmete. Das Gericht hat die Angeklagten freigesprochen. Zwei von ihnen befanden sich seit zwei Jahren in Haft.