Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9 D1E3| Eine Palästinareise zionistischer Akademiker Die akademische Verbindung „Judäa" in Lemberg will im Sommer dieses Jahres einen Ausflug nach Palästina veranstalten, um das Land unserer Zukunft kennen zu lernen, und fordert nun die jungen Zionisten aus Galizien auf, sich dieser Palästinareise anzuschließen. Die Reise soll zwei Monate dauern und soll einem sachlichen Studium der Verhältnisse in Palästina gewidmet sein. Von Constanza will die Verbindung „Judäa" direkt nach Jaffa gelangen; hier werden die Teilnehmer sich in kleinen Gruppen nach einer der palästinensischen Kolonien begeben, um dort durch 3 bis 4 Wochen das Leben und die Verhältnisse genau zu beobachten. Diese Gruppen werden auch entsprechende Materialien sammeln, welche dann gemeinsam bearbeitet werden sollen. In den letzten drei Wochen werden die Teilnehmer alle jüdischen Kolonien, die wichtigen Volksinstitutionen und Denkwürdigkeiten besichtigen. Der Ausflug wird in Verständigung mit dem Palästinaressort, Odessaer Komitee und Informationsbureau veranstaltet und soll vom Gg. D. Trietsch aus Jaffa geleitet werden. Jeder Teilnehmer wird nur 400 Kronen einzahlen müssen; die ersten 40 Kronen sind an den Verein „Judäa" bis zum 1. Juli zu richten. Zionisten und Assimilanten Auf Veranlassung unseres Gg. Baurat Oskar Marmorek, der vorige Woche zufällig hier weilte, fand in Lemberg eine gemeinsame Konferenz der zionistischen und assimilatorischen Führer statt Es handelte sich darum, daß der heftige Kampf, welcher jetzt zwischen den beiden Parteien rücksichtslos geführt wird, aufhören soll und daß eine Einigung getroffen werde, die eine gemeinsame Arbeit auf manchen Gebieten, wie z. B. in den Kultur- und Emigrationsfragen, ermöglichen sollte. Nach einer langen Debatte, im Verlaufe welcher beide Parteien ihren Standpunkt verteidigten, stellte sich heraus, daß ein Zusammengehen der Zionisten mit den Juden-Polen unmöglich ist Manche der Assimilanten beharrten nämlich konsequent auf ihrer alten Politik, leugneten vollständig eine Existenz der jüdischen Nation und gaben offen der Oberzeugung Ausdruck, daß vom national polnischen Interesse die zionistische Agitation zu verdammen und sogar zu verfolgen sei. Andere wieder anerkennen zwar eine jüdische Eigenart, wollen sich aber auch weiter als Polen ausgeben und das ungerechte, die Juden direkt ruinierende polnische Regime in Galizien unterstützen. Die . Konferenz war also resultatlos und nun wird der Kampf zwischen dem aiten und neuen Judentum in Galizien weiter geführt werden. Zionisten und Landtagswahlen In einer besonderen Sitzung des Zionistischen Zentralkomitees, die vorige Woche stattgefunden hat wurden folgende Kandidaturen zum Galizischen Landtag festgesetzt: Dr. Markus Brau de in Brody, Dr. David Malz in Stryj und Adolf Stand in Lemberg. Die Wahlagitation hat bereits begonnen. Samstag am 22. d. M.. wurde eine Wählerversammlung in Brody einberufen, an welcher über 600 Wähler teilnahmen. Die Versammlung eröffnete Apotheker Silberbusch, in das Präsidium wurden gewählt Gg. P. Brand, H. Taubin (Pole), Pawlik iRutene) und Lewin (jüd. Sozialdemokrat). Als erster Redner referierte Gg. D. Schreiber, welcher auf die Wichtigkeit hinwies, die ein jüdischer Abgeordneter im galizischen Landtag für unsere national-jüdische Politik hat Der Sejm, welcher auch die Interessen einer 800 000 köpfigen Bevölkerung des galizischen Judentums repräsentieren soll, wollte bis nun nichts für die Hebung unseres Volkes tun. Antisemitismus und Asemitismus, Strömungen, welche entweder direkt gegen die Judenschaft gewendet sind oder nichts von jüdischen Bedürfnissen wissen wollen, waren in diesem Landtag vorherrschend. Man gründete und unterstützte landwirtschaftliche Genossenschaften und „christliche Kaufleute", welche die Juden aus dem ganzen Handel in den Dörfern und Städtchen herausdrängten. Das Salzmonopol, welches vor Jahren eingeführt wurde, ruinierte viele jüdische Händler, und das Propinationsgesetz wird wieder tausende jüdische Schänker um ihr Brot bringen. In den Schulen, die der autonomen Leitung des galizischen Landtags unterliegen, werden die Assimilationstendenzen rücksichtslos gefördert, und jüdische Kinder erfahren hier nichts vom Judentum und seiner Vergangenheit. Aufrichtige und nationalgesinnte jüdische Lehrer werden verfolgt, und nur solche machen Karriere, welche sich zum Denunzieren zionistischer- Kollegen und Schüler hergeben wollen. Die zionistische Partei hat also die Pflicht, auch hier einzutreten, um unsere Interessen zu wahren und es ist schade, daß wir bis nun die Landtagswahlen immer vernachlässigt haben. Insbesondere aber müssen wir den Wahlkampf jetzt aufnehmen, da der neugewählte Landtag über eine Wahlreform und wahrscheinlich auch über die Erweiterung der Landesautonomie zu entscheiden haben wird. Für ein autonomes Galizien aber können wir nur KELT 9 dann eintreten, wenn das allgemeine Wahlrecht zum Landtag, der die Macht der Schlachta brechen soll, und die nationale Autonomie mit Berücksichtigung der nationalen Existenz der Juden in Galizien eingeführt werden wird. Dann ergriff dasWortGg. F. Waschitz, welcher insbesondere die Schulverhältnisse in Galizien und die kulturellen Forderungen der Juden besprach. Zuletzt hob er die Person des zionistischen Kandidaten, Dr. Braude im Vergleich mit dem konservativen Polen O. Sala hervor und befürwortete in beredten Worten unsere Kandidatur. Die Versammlung nahm auch schließlich die Kandidatur des Dr. M. Braude mit enthusiastischem Beifall und Händeklatschen an. Sonntag am 23. d. M. hat Gg. Dr. Leon Reich in einer großen Volksversammlung gesprochen, und die Agitation wird mit aller Kraft fortgesetzt Die Wahl wird am 2. März stattfinden. Da Gg. Dr. David Malz seine Kandidatur im Wahlbezirke, Stryj zurückgezogen hat hat das Zionistische Zentralkomitee beschlossen, dort den Abg. Adolf Stand zu kandidieren. Russischer Brief (Von unserem Korrespondenten) Zur .gegenwärtigen Lage Die Presse offiziösen Charakters, die sich von der vorgeschriebenen Linie weder nach rechts noch nach links. wagt, hat sich in der letzten Zeit ein neues Lieblingsthema erwählt. Man kann dieses Thema nicht mal neu nennen; es wurde nur renoviert und in Bewegung gesetzt ad majorem gloriam alles dessen, was nach offiziellen Mustern geschaffen wurde. Bis jetzt sprach man über „Linke Blätter", „Herren aus der Opposition", „Judenfreunde" usw. Jetzt haben diese Angriffe einen anderen Charakter angenommen. Der Gegenstand hat sich qualifiziert es erschien die „geeinigte Opposition". Was bedeutet dieses Phantasiegebilde? In den oppositionellen ' Kreisen ist letztens viel darüber gesprochen worden, daß die Tätigkeit der fortschrittlichen Elemente in den „Semstwos", den Stadtverwaltungen usw. koordiniert werden müßte, da ja die Reaktion immer stärkere Positionen einnimmt und die Stellung der Opposition bedroht. Deswegen hat die fortschrittliche Presse die Frage einer Verständigung der progressiven Elemente untereinander berührt. Doch von einer „Vereinigung der Opposition" im technischen Sinne kann selbstverständlich keine Rede sein. Die Opposition besteht aus Parteien, von denen eine jede ihr Programm und ihre eigene Taktik besitzt Diese taktischen ■ und prinzipiellen Unterschiede auf Null zu reduzieren ist unmöglich, doch ist eine Verständigung unter einzelnen Parteien erwünscht und möglich und für sie haben einige progressive Zeitungen ihre Stimmen erhoben. Für die offizielle Presse genügte das, um von einer „geeinigten Opposition" zu sprechen und ihre Gefahr in den grellsten Farben zu malen. Den Versuch einer Koordinierung der oppositionellen Tätigkeit bezeichnen die offiziellen Blätter als Ergebnis hetzerischer Tätigkeit von Juden und. Revolutionären. Das bedeutet, — sagen die Offiziösen, — daß unter jüdischer Führung sich die Kadetten mit den Sozialdemokraten und Sozialrevolutionären vereinigen, d. h. mit Räubern und Bombenwerfern und zu„Expropriatoren" und Plünderern werden. Gegen diese polizeiliche Argumentation kann keine ernste Polemik geführt werden. Angriffe solcher Art gehören ja zu den professionellen Pflichten der offiziellen Presse. Eine Einigung der Opposition könnte vom Standpunkte der Regierungstreuen wirklich als Gefahr betrachtet werden. Doch ist diese Gefahr leider nicht vorhanden. Die einzelnen Parteien aus der Opposition stehen in fortwährenden Krieg untereinander, und von einer Einwirkung der jüdischen Organisationen oder Parteien als solcher kann ja kaum die Rede sein. Und so steht die „geeinigte Opposition" als ein