Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-02-28 · 9 (28.2.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316306--50341-3377465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Brief aus Galizien (Von unserem Korrespondenten) DIE3§BELT : Der Kampf um das theologische Institut Seit längerer Zeit führen die Orthodoxen in Galizien einen heftigen Kampf gegen das jüdische „theologische Institut", welches im nächsten Jahre in Lemberg errichtet werden solL Bekanntlich hat die Assimilantenpartei, welcher besonders an dem Entstehen eines jüdisch-polnischen Seminars gelegen ist, im vorigen Jahre einen Beschluß im galizischen Landtage durchgesetzt, der die Schaffung einer höheren Schule zur Heranbildung jüdischer Lehrer und Rabbiner bezweckt. Dieser Beschluß des Landtages kam selbstverständlich nicht, — wie es vielleicht scheinen würde, — der Sorge derpolnischen Regierung umdas Wohl der jüdischen Bevölkerung zuliebe zustande, vielmehr soll auch dieses Institut nach der Begründung des Antrages im Landtage ausdrücklich den Zweck verfolgen, den „germanisierenden" Tendenzen, welche die Wiener Rabbinatsschule in Galizien durch ihre Zöglinge angeblich verbreitet entgegenzutreten und zur Assimilierung der jüdischen Masse beizutragen. Nun stellen aber die Orthodoxen, die in diesem Institut ein Werk der „Neologen und Reformjuden" sehen, fest, daß von den 252 jüdischen Kulturgemeinden in Galizien, die einzig und allein über eine so wichtige Angelegenheit nach den Bestimmungen des Gesetzes zu entscheiden hätten, nur 32 der Gründung des geplanten Seminars zugestimmt haben. In zwei Petitionen wandten sie sich an den galizischen Landtag und vor einigen Tagen auch an den Statthalter mit dem Ansuchen, die Landesregierung möge von der Gründung dieser Rabbinerschule gänzlich absehen, da sonst „der konfessionelle Kampf zwischen der konservativen Judenschaft Galiziens und den Neologen, welche in einem grundsätzlichen Gegensatze zu der jüdischen Religion stehen, gesteigert wird, denn das neue Institut bedroht die religiösen Überzeugungen der Mehrheit des jüdischen Volkes." Auch in der polnischen Presse ließen sie ein Communique erscheinen, welches in entschiedener Weise gegen die Bestrebungen der Assimilanten protestierte. In der jüdischen- Presse Galiziens rief dieser Protest der Orthodoxen eine lebhafte Polemik hervor, welche schließlich in einen Zeitungskampf zwischen Zionisten und Assimilanten ausartete. Die offiziellen Organe der zionistischen Partei „Wschöd" und „Tagblatt" erklärten nämlich, daß sie prinzipiell gegen das geplante Institut nichts einzuwenden haben, da sie die Notwendigkeit einer höheren Schule für die Heranbildung qualifizierter jüdischer Lehrer und mit europäischem Wissen ausgestatteter Rabbiner anerkennen und die Zionisten schon vor langen Jahren für die Gründung eines galizischen Seminars eingetreten sind. Es wurde . Protest erhoben gegen die Erklärung des Prof. Sternbach, eines der Gründer dieses Instituts, daß den Zöglingen und Lehrern der neuen Schule streng verboten sein wird, der zionistischen Organisation anzugehören. Um aber den Polen zu garantieren, daß das jüdische Institut keine „separatistischen Tendenzen" (so nennt man bei uns gewöhnlich den Zionismus) verfolgen wird, fordern die provisorischen Verwalter des Seminars von den Lehrern und Rabbinern, denen eine Professur angetragen wird, eine Erklärung ab, in der sie sich „verpflichten", der polnischen Nation anzugehören. Als diese Nachricht in die Öffentlichkeit drang, rief sie einen Sturm der Entrüstung im zionistischen Lager hervor, und es wurde beschlossen, sich an der Gründung dieses Seminars nicht zu beteiligen. Darin aber sahen die Assimilanten ein Bündnis mit den Orthodoxen und werfen nun den galizischen Zionisten vor, daß sie den reaktionären finsteren Chassidismus gegen ihre „Aufklärungsversuche" unterstützen. Es ist noch von Interesse hervorzuheben, daß die Erhaltung dieser Schulen die Juden selbst werden besorgen müssen. Außer einer nicht sehr hohen Subvention des Landtages werden die jüdischen Kultusgemeinden und Privatpersonen die Kosten decken müssen, weil der galizische Landtag, welcher von den 16 Millionen die für Kunst und Kultur jährlich bestimmt sind, mit 4Ö0 (sage: vierhundert) Kronen eine assimilatorische Lesehalle in Lemberg subventioniert, — für jüdische Zwecke nicht mehr Geld hat. Trotz der Proteste wird aber dies Institut, welches ein neues national-polnisches Geschlecht unter den Juden erziehen soll, mit der größten Wahrscheinlichkeit ins Leben gerufen werden. Ob aber der Zionismus nicht bald auch dorthin eindrängen und die Hoffnungen der Polen-Juden zerstören wird, soll noch dahingestellt bleiben. Jüdische Großgrundbesitzer und Polen Im „Wschöd" erschien vor einigen Wochen ein Artikel „Die Wahlkurie der Großgrundbesitzer und die Juden" von M. Frostig, in welchem der Autor manche interessante Daten über die Ent- No. 9 Wicklung des jüdischen Großgrundbesitzes in Galizien veröffentlicht. Auf Grund eines offiziellen Ausweises der galizischen Statthalterei berechnet Frostig, daß die Juden 21°/o der gesamten Großgrundbesitzer im Lande bilden und daß von den 717 Gutspächtern auf die Juden 527 entfallen. Da der Prozentsatz der Juden in manchen Wahlkreisen 30 übersteigt, wäre es also recht und billig, daß von den 44 Landtagsmandaten, welche diese Kurie wählt, eine gewisse Anzahl den jüdischen Großgrundbesitzern eingeräumt werde. Bald darauf erschien auch im Organ der konservativen ostgalizischen Schlachta „Przeglad" ein Aufsatz eines gewissen Fried aus Medynia, der an den polnischen Nationalrat das Verlangen stellte, den jüdischen Großgrundbesitzern wenigstens ein Mandat zu überlassen, um durch diese loyale Stellungnahme den Juden gegenüber die ganze national-jüdische Politik der Zionisten zu diskreditieren und den besten Beweis zu liefern, daß im Lande gar kein Antisemitismus vorhanden ist Die Antwort ließ auf sich nicht lange warten. Dem Polen „mosaischer Konfession", der es wagt für die Juden um ein Mandat in der ersten Kurie, welche ein fest gesichertes Bollwerk des konservativen Polentums und besten Patriotismus sein soll, zu bitten, antwortete der Schlachtzitz Cielecki: „Fried behauptet daß sich gegen die von ihm vorgeschlagenen Kandidaten nichts einwende ließe, als nur, daß sie Juden seien. Sehr richtig, das ist aber gerade genug." Und obgleich Fried von einem treuen polnischen Patriotismus der jüdischen Großgrundbesitzer sprach und ihr echtes Polentum beschwor, will der Schlachtziz davon keine Notiz nehmen, sondern verweist fortwährend auf die wesentlichen Unterschiede zwischen beiden Völkern und lehnt mit aller Kraft die „Anmaßung" der Juden ab. Mit Recht konstatierte daher sogar die polnischfortschrittliche Presse, daß die Juden von den antisemitischen polnischen Feudalen nichts zu erwarten haben. Judisches Rechtschutzbureau Am 5. d. M. hat in Lemberg eine Versammlung, vom Abg. Dr. Gabel einberufen, stattgefunden, in welcher die Frage der Bildung eines jüdischen Rechtsschutzbureaus besprochen wurde. Abg. Gabel berichtete, daß in Wien schon ein Rechtsschutzbureau gegründet wurde, welches unter der Patronanz des „Jüdischen Klubs" steht und vom Gg. Dr. J. Marguli es geleitet wird. Dieses Bureau hat sich zum Zweck gestellt, die Verteidigung jener Juden zu übernehmen, welche, von den politischen Behörden verfolgt, oft schwere Verluste durch den Mangel an Unterstützung seitens der zionistischen Partei zu ertragen haben. Insbesondere soll dieses Bureau die Juden in Galizien vor der Willkür der berüchtigten galizischen Beamten schützen, indem es ihnen im Notfalle schleunigst einen Rechtsanwalt zur Verfügung stellt und eventuell eine Intervention der jüdischen Abgeordneten veranlassen wird. Dr. Gabel wies noch auf die Tatsache hin, daß schon jetzt Maßregeln getroffen werden sollen, um die Juden vor der antisemitischen christlich-sozialen Partei, die allmählich die Regterungsmacht in ihre Hände übernimmt in entsprechender Weise zu schützen, und schlug vor, für Galizien ein solches R'echtsschutzbureau zu bilden. Dieser Vorschlag wurde auch nach einer eingehenden Debatte angenommen, und es wurde sogleich zur Konstituierung des Bureaus geschritten. Zum Präsidenten wurde Dr. Gabel gewählt, als sein Stellvertreter wird Dr. Rosenkranz, als Sekretär Dr. Rapaport fungieren. Es ist zu hoffen, daß das neu gegründete Bureau eine große Wohltat für die galizischen Juden sein wird, die so sehr unter den rücksichtslosen und ungerechten politischen Verfolgungen der Beamten im Lande zu leiden haben. „Iwriah" in Galizien Unter dem Vorsitze von Dr. Braude fand vor kurzem eine zionistische Versammlung in Lemberg statt, in welcher die Frage der Verbreitung der hebräischen Sprache und Literatur auf der Tagesordnung stand. Nach einer lebhaften Diskussion, an welcher sich mehrere Redner, besonders Mitglieder aus dem bürgerlichen Vereine „Tikwat Zion", beteiligten, wurde ein Beschluß gefaßt sich der Organisation der hebräisch Sprechenden, ^Iwriah", anzuschließen. Für Galizien soll ein besonderes Landeskomitee „Iwriah" gebildet werden, welches die Aufgabe haben wird,, neue Vereine und Klubs „Iwriah" zu gründen und durch Kurse sowie andere zweckmäßige Veranstaltungen das Hebräische als Umgangssprache überall zu verbreiten. , In das Präsidium dieses Landeskomitees wurden gewählt Dr. Braud-e, Vorsitzender, B. Jahr, Vizepräsident und S. Jawitz als Sekretär. Der neugewählte Ausschuß hat schon seine Agenden übernommen, und auf der nächsten Sitzung werden die Städte bestimmt werden, in welchen die hebräischen Vereine zuerst entstehen sollen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.