Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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sächlich mit jüdischen Kindern überfüllt sind. Natürlich ist der Unterricht dieser Schulen ein rein christlicher. Wenn trotzdem nur wenig Austritte aus dem Judentum zu verzeichnen sind, so rührt dies lediglich daher, daß die Taufe den Juden in Rumänien keinerlei Nutzen bringt, ihnen aber außerdem auch ihre bisherigen Genossen vollständig entfremdet Ist schon die Lage in der Hauptstadt des Landes überaus traurig, so spotten die Verhältnisse in den Landstädten manchmal jeder Beschreibung. In vielen Provinzstädten sind überhaupt keine jüdischen Schulen, und die Kinder liegen im wahren Sinne des Wortes auf der Straße. Daß auch die zionistische Agitation unter solchen Verhältnissen zu leiden hat, bedarf keiner näheren Begründung. Es' fehlt zwar nicht an begeisterten Zionisten, aber die allgemeine Apathie der Juden gegen alles Jüdische ist so groß, daß auch die eifrigste Agitation dagegen kaum aufkommen kann. Auf der letzten Landeskonferenz der Zionisten Rumäniens kam diese Frage auch zur Besprechung, und es wurde verlangt, daß die Zionisten eine Aktion zwecks Bildung jüdischer Kultusgemeinden einleiten sollten. In den beiden letzten vorjährigen Nummern des Currierul Israelit wird diese Frage behandelt, und es scheint, daß allmählich der Gedanke im Lande Anklang gewinnt. Es wäre wirklich an der Zeit, daß die rumänischen Juden sich aufrafften und sich dessen bewußt würden, daß ein vollständiges Vernachlässigen der jüdisch-kulturellen Faktoren auf den Widerstand gegen die Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik der Regierung vom schlimmsten Einfluß sein muß und auch nicht dazu beiträgt, der unglücklichen Lage der rumänischen Juden die Sympathien des Auslandes zuzuwenden. Eine edle Gemeinde Großes Aufsehen und lebhafte Entrüstung erregt in allen zionistischen Kreisen das Verhalten der Karikatur-Gemeinde von Foscani, die das Porträt Theodor Herzls aus der. jüdischen Schule durch den Schuldiener entfernen und vernichten ließ. Als auf der Landeskonferenz der Zionisten in Galatz der empörende Vorfall zur Sprache gebracht wurde, wußte sich die edle Gemeinde nicht besser zu rächen als dadurch, daß sie die Bibliothek, die die Zionisten in der Schule aufgestellt hatten, aus ihr entfernen ließ. Dank der Intervention des Herrn Rabbiners Dr. Nacht stellte der Philanthrop Wilhelm Scheuer der Bibliothek die von ihm gegründete und unterhaltene Bibliothek zur Verfügung. Dort finden jetzt jeden Sonntag zionistische Vorträge statt. Verflossenen Sonntag sprach Herr Zosner über Richard Voss' Drama „Danielo Danieli" und Rabbiner Dr. Nacht über den kürzlich verstorbenen Dichter Ronetti Romano. ' Antisemitisches „Tow schebagoim harog" und noch einige ähnliche Sätze hat der bekannte Führer der antisemitischen Rowdys, Professor A. C. Cuza, jüngst ausgekramt und zu einigen Hetzartikeln niederträchtigster Sorte verarbeitet, die in der antisemitischen Zeitung des nicht weniger rühmlich bekannten Professors N. Jorga erschienen sind. Die beiden obengenannten Professoren haben neuerdings ein Manifest erlassen, in dem sie zur Bildung einer national-demokratischen Partei auffordern. Aus dem Programm der neuen Partei seien folgende Forderungen hervorgehoben: § 10. Die Ausschließung der Fremden — lies Juden — von allen Staatslieferungen und Staatsarbeiten. § 11. Die Vertreibung der Juden aus den Dörfern. § 18. Die Ausschließung der Juden aus der Armee. § 19. Das allgemeine Wahlrecht ausschließlich für Rumänien. Die beiden Professoren beabsichtigen, auch eine antisemitische Tageszeitung herauszugeben, und haben bereits eine Subskription zur Bildung eines Pressefonds eröffnet. M. Jorga zeichnete selbst 7000 Francs, Cuza 1000 Francs. Mit anerkennenswertem Scharfsinn hat die rumänische Regierung jüngst eine neue Vexaüon in ihrem Kampf gegen die Juden ausgeheckt. Sie hat bestimmt, daß „fremde" Lehrer sich den Prüflingen zur Erlangung des Zeugnisses für den Unterricht in Staatsschulen nur für das Fach ihrer Muttersprache unterziehen dürfen. Welche Muttersprache hat aber der rumänische Jude? Rumänisch erkennt die Regierung als solche nicht an. Nun ist schon jetzt die Zahl der jüdischen Lehrer an Staatsschulen so gering, daß sie an den Fingern einer Hand abgezählt werden können. Wiener Brief (Von unserem Korrespondenten) Antisemitische Schnorrereien Die Wiener christlich-sozialen und klerikalen Piusvereinsler waren nie so unklug, jüdisches Geld zu verschmähen. Daß aber die Wiener reichen Juden so dumm sein werden, tief in ihre Taschen zu greifen, um antisemitische Fonds und Kassen zu füllen, das hielt man für unglaublich. Man schätzt aber unsere oberen Zehntausend noch immer viel zu hoch ein. Die Wiener Juden haben den Ehrgeiz, mit klerikal-antisemitischen Fürsten. Grafen und „Edlen der Nation" in einer Spenderliste zu glänzen. Oder soll es Politik, eine finanzielle Penetration des feindlichen Gebietes, eine kunstvoll verschleierte Pazifizierung, Aussöhnung des Antisemitismus sein? Es ist müßig, nach den Beweggründen und Triebfedern einer armseligen Parvenue-Psychik zu forschen. Die chamäleonhafte Anpassungsfähigkeit der Assimilanten ist unerschöpflich. Es gibt in Wien einen Verein zur Errichtung von Kindersehutzstationen. Seine stimmberechtigten Mitglieder dürfen nur Katholiken sein. Kurz, er ist satzungsgemäß judenrein. — Das hindert den Verein selbstredend nicht, an Juden heranzutreten und ... wirklich namhafte Spenden zu bekommen. Jüngst veranstaltete der Piusverein einen „Lustigen Sonntag für die katholische Presse-1, was in Wien mit der „antisemitischen" gleichbedeutend ist. Im Ehrenkomitee dieser Veranstaltung war auch Herr Louis v. Rothschild. Wieviel er für die Ehre bezahlt hat, als Gönner der christlich-sozialen Presse zu fungieren, wissen wir nicht. Im antisemitischen Witzblatt „Kikeriki" kam aber sehr bald der Lohn. Herr Louis v. Rothschild wurde als das goldene Kalb dargestellt, um dem die fürstlichen und gräflichen Piusvereinsmitglieder einen Reigen aufführen . . . Die antisemitische Presse ist doch nicht ganz unbrauchbar. Als Erziehungsmittel für jüdische Reiche ist sie manchmal nicht zu verachten. Die jüdischen Ärzte in der Armee Es gibt noch jetzt welche. Der Oberstabsarzt Herr v. Uriel -will jedoch diesem Zustande ein Ende bereiten und sein_Ressort judenrein machen. Seit Jahren werden keine jüdischen Ärzte in die Armee zugelassen. Abg. Dr. Gabel interpellierte bereits den Landesverteidigungsminister über die von Herrn v. Uriel angeordnete Sistierung der Verfassung. Der sozialdemokratische Abg. Schuhmeier berührte ebenfalls in seiner Delegationsrede diesen Punkt. Vom Regierungstische erfolgte keine Antwort. „Studentenschlägerei" Am Schlüsse des Bummels kam es diesen Samstag an der Universität zu einem Zusammenstoß zwischen zionistischen und. „deutschliberalen" Studenten. Es gibt in Wien nur eine einzige liberale Verbindung „Fidelitas". Sie besteht, wie die deutschliberale Bezeichnung besagt, ausschließlich aus Juden. Nun, da kommt das unendlich Lustige an der Sache. Diese deutschliberalen Juden, denen die Deutschnationalen die Satisfaktion verweigern, tun das gleiche den Jüdischnationalen gegenüber. Sie halten die Juden für minderwertig, für nicht satisfaktionsfäh'g! . . . Der Standpunkt ist ja bequem. Die Deutschnationalen verweigern ihnen die Satisfaktion, sie geben wiederum den Jüdischnationalen keine Genugtuung, ihre kriegerische Tüchtigkeit und Unerschrockenheit kann nicht angezweifelt werden, denn sie erlitten noch nie eine Niederlage. Dieser Samstag war aber ein schlechter Tag für sie. Die Blätter berichten darüber: Die deutschliberale Verbindung „Fidelitas" verweigerte der jüdischnationalen Verbindung „Makkabäa" die Satis faktion. Die Mitglieder der „Makkabäa" sammelten s'ch nun vor der Rampe der Universität an. Als die Fideliten nacn Ende des Bummels die Universität verließen, kam es auf der Rampe zu einer Schlägerei, die größere Dimensionen anzunehmen schien, da sich auch Studenten anderer Verbindungen einmengten. Es wurde mit Stöcken und Schirmen zugeschlagen. Den Fideliten wurden die Kappen vom Kopfe gerissen. Als die Sicherheitswache, die an Samstagen stets in der Nähe der Universität Bereitschaft hält, eingreifen wollte, zerstreuten sich die Studenten. Dr. Ruppin in Wien Dr. Ruppin hält hier Donnerstag den 27. d. Mts. im Jüdischen Kolonisationsverein einen Vortrag über „Die wirtschaftliche Lage der Juden in Palästina". Dr. Ruppin ist auf der Reise nach Palästina.