Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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schaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", die Großloge und mehrere Einzellogen des U. O. B. B., die jüdischen Gemeinden zu Berlin, Wien, Frankfurt a. M., Hamburg, Köln, Breslau, Stettin, Posen, Danzig, Hannover, Kassel, Wiesbaden, Elberfeld' Mainz u. a. Auch liegen bereits neue wissenschaftliche Aufträge für das „Bureau für Statistik der Juden" vor. So erteilte die Großloge den Auftrag zur Herstellung einer Statistik der jüdischen Bevölkerung im Großherzogtum Hessen, welche sich nicht nur auf das vorhandene amtliche Material beschränken, sondern auch auf eigene Erhebungen stützen wird. Ferner ist eine Arbeit über die Juden in Österreich im Drucke nahezu vollendet; ihr Erscheinen steht unmittelbar bevor. Weitere Untersuchungen über die Juden in Rumänien, Deutschland, Holland usw. werden folgen. Was die in Aussicht genommene Statistik für Hessen anlangt, so haben sich die hessischen Behörden bereit erklärt, dem Bureau ihr statistisches Urmaterial (die Zählkarten der letzten Volkszählung) zur Verfügung zu stellen. Ein derartiges Entgegenkommen zeigen die Staatsbehörden nur höchst selten und jedenfalls nur solchen Institutionen gegenüber, mit deren Zielen sie einverstanden sind und deren Leistungen sie als rein wissenschaftliche anerkennen. So hat sich der „Verband für Statistik der Juden" heute schon die Stellung einer für Dinge der jüdischen Statistik allein maßgebenden Instanz erobert und sich den Weg, den er in Zukunft zu gehen hat, vorgezeichnet. Er wird alle diejenigen Aufgaben erfüllen, welche im Augenblicke notwendig sind, und alle erforderliche statistische Gegenwartsarbeit leisten. Überall, wo das Wohl der jüdischen Gesamtheit oder eines ihrer Teile auf dem Spiele steht, wird er tatkräftig eingreifen und die exakten Grundlagen liefern, sobald es sich um die Organisation oder Konzentration einzelner Volksteile, um. Hilfstätigkeit oder Kolonisationsfragen, um die Verbesserung der sozialen oder politischen Lage der Juden in irgendeinem Lande handelt, — ganz abgesehen von der theoretischen Bedeutung der jüdischen Statistik. Hieraus ergibt sich auch das Hauptziel des „Verbandes für Statistik der Juden", die Gewinnung einer Gesamtstatistik der Juden, gleichzeitig aber die Tatsache, daß mit der Erreichung dieses Hauptzieles der Zweck des Verbandes keineswegs erschöpft ist, sondern daß der Verband und das von ihm begründete Bureau dauernde Institutionen bleiben müssen. Um seine großen und bedeutenden Aufgaben erfüllen zu können, wird der Verband vorerst zahlreiche .Schwierigkeiten überwinden müssen. Zunächst besteht die Notwendigkeit, das bereits vorhandene statistische Material, welches überall verstreut ist, in zweckentsprechender Weise zu verarbeiten und in ein System zu bringen. Da solches Material aber für viele Länder überhaupt nicht, nirgends aber in ausreichender Weise vorhanden ist, müssen vielfach selbständige Enqueten vorgenommen werden. Hierbei wird sich erst recht zeigen, welche Arbeit des „Verbandes" harrt; diese wird noch besonders erschwert durch das Fehlen des staatlichen Zwanges und den Mangel der räumlichen Geschlossenheit der jüdischen Gesamtheit. Durchführbar erscheint die Arbeit nur, wenn dem Verbände neben tüchtigen geschulten Kräften, denen die Leitung obliegt, die nötigen Geldmittel sowie das Verständnis und das Entgegenkommen der gesamten jüdischen Bevölkerung zur Seite stehen. Diese muß es auch ohne Zwang als ihre Pflicht empfinden, die statistischen Arbeiten zu unterstützen und ihre Durchführung zu erleichtern. Und hierzu kann ein "jeder das Seinige beitragen, zunächst in der einfachsten Weise, indem er die bei Enqueten an ihn gerichteten Fragen ausführlich nnd wahrheitsgemäß beantwortet, und dann dadurch, daß er dem „Verbände für Statistik der Juden" als Mitglied beitritt oder ihm auf andere Weise Mittel zuwendet. Aber auch darüber hinaus werden zahlreiche Arbeitskräfte gebraucht werden. Ihnen wird es einmal obliegen, bei Erhebungen als Zähler zu fungieren, und zum anderen, diejenige Arbeit zu leisten, welche keiner Zentralisation und keiner berufsmäßigen Vorbildung bedarf. In 'dieser Beziehung gibt es noch genug zu tun, und es handelt sich nicht etwa um mechanische Tätigkeit; in der Hauptsache dürfte das Exzerpieren aller für die jüdische Statistik wesentlichen Quellen in Frage kommen. In der Tat sind auch bereits, wie oben erwähnt, an mehreren Orten Arbeitsgruppen begründet worden, welche teilweise neue eifrige und erfolgreiche Tätigkeit entfaltet haben. Die Organisation des „Verbandes für Statistik der Juden" muß aber in dieser Richtung noch viel weiter ausgebaut werden, damit jedem „Arbeitswilligen" die Möglichkeit der Arbeit gewährt wird. An dem Werke der jüdischen Statistik mitzuarbeiten, sollte aber jedem, der sich seiner Zugehörigkeit zum alten Judenstamme gern und freudig bewußt ist, eine selbstverständliche Ehrenpflicht sein. Aus Rumänien (Von unserem Korrespondenten) Kulturelle Sorgen Wir sind gewohnt, für die traurige Lage der rumänischen Juden die Regierung verantwortlich zu machen. Indessen darf man nicht verschweigen, daß cum grano salis auch die rumänischen Juden selbst ein Teil Schuld an den furchtbaren Zuständen haben. Was ihnen zum Vorwurf gemacht werden muß, ist, daß sie nicht verstanden, ja nicht einmal versucht haben, aus sich heraus die Möglichkeiten zu schaffen, die ihnen gegen die maßlose Unterdrückung eine, wenn auch noch so geringfügige Waffe in die Hand gegeben hätten. Die rumänischen Juden stehen den Brutalitäten der Regierung ganz wehrlos gegenüber. Wenn ihnen schon die Möglichkeit genommen war, einen politischen oder sozialen Zusammenschluß zum Zwecke der Abwehr der Regierungsrepressalien oder der inneren Stärkung und Gesundung des rumänischen^ Judentums zu bilden, so sollte man doch annehmen, daß sie alle anderen Möglichkeiten der Zentralisation, die ihnen offen standen, auch ausgenützt hätten^ Aber auch das haben sie nicht versucht, und so kommt es, daß sie sich nicht einmal zu Kultusgemeinden vereinigt haben. In ganz Rumänien gibt es de facto keine -jüdische Kultusgemeinde. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß, wenn schon die äußere Lage der rumänischen Juden eine geradezu entsetzliche ist, die innere Lage des rumänischen Judentums immer unerträglicher wird und, wenn nicht bald Hülfe kommt, einem. Zusammenbruch entgegengeht. Ist es nicht ungeheuerlich, daß Bukarest mit einer jüdischen Bevölkerung von etwa 50 000 Seelen keine jüdische Kultusgemeinde besitzt, ja nicht einmal die fiktive Abart einer Kultusgemeinschaft, wie sie in einigen Provinzstädten besteht? Die Lage des Klerus ist daher eine überaus traurige. Die Rabbiner haben keinerlei feste Bezüge, sie sind fast ausschließlich auf Almosen angewiesen. Infolgedessen betrachten viele von ihnen das Rabbinat als ein Geschäft, und es fehlt auch nicht an Reklame, Konkurrenz usw. Die Lage der Schulen ist nicht minder traurig. Bekanntlich sind seit dem Jahre 1894 die Staatsschulen jüdischen Kindern verschlossen. Mit Hilfe der Allianz und der Ica bildeten sich daher Schulvereine und gründeten Schulen, deren Verwaltung je einem Schulkomitee untersteht. Diese Komitees sind meist aus Leuten zusammengesetzt, die, jeder pädagogischen Bildung bar, von den Bedürfnissen einer hebräischen Schule gewöhnlich keine Ahnung haben. Der Lehrer ist ihnen ein.ganz gewöhnlicher Subalternbeamter, der dementsprechend zu behandeln ist. Die Gehaltsverhältnisse des Lehrers entsprechen dieser Auffassung und sind erschreckend niedrig. Daher besteht das Lehrpersonal meist aus Studenten, die das Lehramt lediglich als ein Provisorium betrachten, das nur dazu dient, ihnen eine momentane Existenz zu verschaffen. Sowie sie eine Anstellung gefunden haben, lassen sie die Schule im Stich. Daher sind die jüdischen Schulen Rumäniens allmählich gänzlich demoralisiert, d*r Unterricht läßt sehr viel zu wünschen übrig. Beim Verlassen der Schule können die meisten Schüler kaum Rumänisch, von einer Kenntnis des Hebräischen kann gar nicht die Rede sein. Infolgedessen schicken die meisten Familien ihre Kinder in die Schulen der protestantischen und katholischen Gemeinden, die tat-