Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 — mE3g werden. Von den „drei Grundpfeilern": Politik, Vorbereitung des Volkes und Vorbereitung des Landes darf kein einziger stiefmütterlich behandelt werden, am allerwenigsten der Ursprung unserer Bewegung, die Wiege unserer Nationalität, der Mittelpunkt unserer Einheit, das Ziel unserer Bestrebungen: Palästina. Die Palästinaarbeit ist die formgewordene Kraft unseres Gedankens; sie ist zugleich ein Gradmesser und ein Ansporn unseres Interesses. Sie wirkt erziehlich, sie ist die erste, anschauliche Lebensform eines jüdischen Gemeinwesens, wie es vor uns träumend auftaucht. Diese Arbeit mit all ihren Fährnissen und Hindernissen ist das Leben, das sich in der natürlichen Auslese des' Allerbesten und Allertauglichsten entwickelt. Es .sind keine fixen, soliden,unveränderlichenFormen.DieVersuche müssen geändert und wiederholt, wiederholt und geändert werden. Wir erinnern uns noch der ersten Zeit des Chowewe-Ziontums. Der Weg, welchen die Philanthropie eingeschlagen hatte, um das Ziel zu erreichen, hat sich schon in seinen ersten Pfaden als ein Labyrintherwiesen, in welchem die Verwaltungen herumirrten, und aus welchem sie den Ausweg nicht finden konnten. Es fehlte ihnen ^— so schien es uns — die durchbrechende Gewalt des Volkstums, und das drückte den früherenMethoden den Stempel der Schwäche und der Hinfälligkeit auf. Die Kritik war begründet, aber auch wir haben noch nicht das Große erfunden, und es ist nicht mit einem 'Male zu erfinden. Es muß, freilich mit großer Vorsicht, aber viel, und lange versucht werden, um zum Richtigen zu gelangen. Das Mißlingen eines Planes hat immer etwas Schmerzliches, es wirkt aber verschieden auf den Schwachen. Der^ Schwache gelangt dadurch ineine Gereiztheit, der Starke tritt wohl einen Schritt zurück, behält aber das Ziel fest im Auge und sucht, auf welchem anderen Wege er es erreichen kann. Wir müssen zu. den Starken gehören. Vieles muß versucht werden; was lebenskräftig und lebenstauglich ist, sich den Bedingungen anzupassen, wird sich erhalten. Es gelingt manchmal ohne Biegungen und Enttäuschungen das Richtige zu treffen. So ist es mit der Anglo- Palestine-Company gelungen. Andere Unternehmungen sind komplizierter, aber die Vorbereitungen müssen entwickelt werden. Für einen Existenzkampf — und ein solcher ist ja ein Kolonisationsprozeß — müssen alle Arbeitswaffen geschmiedet werden. Wie sich Sandkorn auf Sandkorn, die das Meer ans Ufer spült, zu den riesigen Gebirgen aufeinanderstapeln, bis sie dort als Bergmassen emporragen, wo früher Meere sich endlos gedehnt, so müssen sich vielfältige und verschiedenartige Vorbereitungen und Versuche aneinanderreihen, um uns der Lösung des Problems praktischer Arbeit näher zu bringen. Man darf, wenn man gerecht sein will, die Leitung nicht irgendeiner Gleichgültigkeit gegen diesen Hauptpunkt, zeihen. Unser Programm gibt diesem Arbeitsteil einen großen, gebührenden Platz; die Tagesordnungen unserer Versammlungen sind voll von Fragen, die zu diesem Gebiet gehören; die Beschlüsse zeigen eine unausgesetzte Sorge für die weitere Entwicklung der realen Arbeit; der allergrößte Teil unseres Bankkapitals ist bereits in und um Palästina in Anspruch genommen. Um die Verwaltung zu vereinheitlichen, wurde das Palästinaamt gegründet und das neue bedeutungsvolle Unternehmen der Palästina-Land-Development Gesellschaft mitbegründet. Deutlicher karm [ELT No. 9 ein praktisches Programm nicht zum Ausdruck kommen. Es wäre müßig, jetzt noch den Palästinismus etwa in Schutz nehmen zu wollen. War es. doch nie so klar wie jetzt, daß Zionismus "und Palästinismus identische Begriffe sind. Die Förderung der auf genossenschaftlicher Grundlage zu gründenden Häuserbaugesellschaften und der tüchtig" sich bewährenden Anfänge einer Industrie empfehlen sieh ganz besonders als einer gesunden Privatinitiative entspringenden Unternehmungen der Unterstützung seitens unserer Institution, sofern" sie von sachverständiger Seite als wirklich praktische Fortschritte bezeichnet werden. " " -Es ist. der Fluch fast aller einseitigen Parteipolitik- Polemiker, daß sie die 'Ereignisse nicht im Zusammenhang überblicken. Sie nehmen den Gesichtspunkt zu niedrig, sie sehen nur Bäume, keinen Wald. Kein Wunder,.daß nur trostlöse Gedankenbilder vor sie hintreten. In allem Lebendigen sehen sieden Todeskeim, sehen, wie ein Ideal, gestaltlos, als bloße Sehnsucht in den Herzen und Köpfen der Menschen zitternd, nicht anhaltend wirken kann. Sie drängen daher zur Praxis, sie sehen dann; wie man laborieren und probieren muß, um nach unsäglichen Anstrengungen kaum Nennenswertes zu erreichen, und da .kommt ihnen' die Praxis furchtbar klein und zwerghaft vor. 'Was können sie da für den „Schwärmer", der noch immer dieselben ersten „Phrasen" wiederholt, den Phantasten, der noch an die Möglichkeit einer Erreichung des Zieles glaubt, anders haben - als ein Lächeln des Mitleids? Sie wähnen sich auf den höchsten Höhen der Erkenntnis und glauben sich berechtigt, selbstbewußt und spöttisch auf die immer noch Arbeitenden herabzulächeln. Gegen Verärgertheit und Unlust dieser Art muß sich die. praktische noch mehr als "die politische Arbeit wappnen. Qualvoll .müssen wir mit der uns innewohnenden Neigung zu einem zersetzenden Skeptizismus ringen. Unbarmherzig, wie den bösen Feind, müssen wir auf dem Wege nach Zion den Sarkasmus, der auf anderen Gebieten sein Gutes hat, ausmerzen. Man kann, wenn man will,, alles ins Lächerliche ziehen. Einzelschritte politischer Aktionen, - zur Karikatur verzerrt, oder eine praktische Versuchshetze bis ins kleinste ad absurdum führen, — ist leicht. Wer dazu verdammt ist, ewig auf dem flachen Boden zu kriechen, möge bei einer solch ironisierenden, trostlosen Auffassung der Dinge, beharren. Wem noch Kraft, genug blieb, auf die Berge zu steigen und von wirklicher Wqlkenhöhe herunterzusehen, dem offenbart sich trotz allem, ein anderes Bild. Nicht, daß ihm eine der Klippen und Riffe entginge, auf die jene Superklugen hinweisen; auch nicht, als ob er die Gegensätze der Stimmungen, die Verschiedenheit der Arbeitsgebiete und die Schwächen der einzelnen oder gänzer Gruppen wahrzunehmen nicht vermöchte; aber er sieht sie nicht als die Hauptsache. Er sieht tiefer und weiter, die Dinge erscheinen ihm nicht als in einem statischen, sondern in einem dynamischen Zustande ge- , löste Formen und fließende Linien. Und die Teile fügen sich ihm in einer Zukunftsperspektive zu dem großen, harmonischen Gesamtbilde, in dem sie sich vereinigen müssen, zusammen. So schauen wir die Dinge, und deshalb verzagen wir nicht. Für die Vorbereitung des Landes ist eine nicht etwa wie in der Weltschöpfungstheorie nach einer Cuvierschen Kata-