Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316305--50322-3377313- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
rief Örlöw mit seiner tiefen Baßstimme, als er Achim sah, wie er mit dem Taschentuch sich die Augen wischte — haben Sie denn kein Herz im Leibe, Sie Schwerenöter? — Die gleiche Lage und die lange Reise machten die beiden Männer zu vertrauten Freunden. Achim, dessen ritterliches freies Wesen und Feinfühligkeit das Nichtals-Jude-Erkanntwerden stört, macht Orlow darauf aufmerksam, er sei Jude. Daraufhindonnert ihn Orlow barsch-gutmütig an: Jude?! Potztausend Donnerwetter! .... Mir ist es schließlich einerlei . . . Daß dich der...! Ich habe alle anständigen Menschen gern . . . Reich mir die Hand! Die beiden Männer drücken sich liebevoll die Hände. Was Nikita Nikititsch und Graf Iridow. ersterer — den ruchlosen „Ketzern" und „Konkurrenten", letzterer— den salonfähigen Heloten gegenüber nicht vermochten, vermochte der burschikos-ehrliche, naiv-gutherzige Leutnant Orlow mit seinen offen in die Welt blickenden Augen und mit seiher martialen Geradheit, die in ihm einen Offizierstolz erzeugte, der so großzügig war, daß er sich über den engherzig-blöden, parvenümäßig aufgedunsenen üblichen Leutnantsübermut hinwegsetzte : Orlow wurde zum intimen Freund des jüdischen Arztes. In dieser Schilderung steckt viel Wahrheit. Sowohl die Magd Paraska, die das Rabbinerhaus vor einem Pogromangriff mit ihrer breiten, ikona-gepanzerten Brust beschirmte, wie Orlow, der zum aufrichtigen Freund und Duzbruder eines Juden wird," sind wahr. Ich würde sogar die Paraska als die verläßlichere betrachten. Ob Orlow mit seiner Brust eine jüdische Familie beschützen würde, — diese Sicherheit steht freilich auf einem wackligen Postament. Es ist auch schon so etwas vorgekommen. Orlow ist der Typus eines hellen, durch-. sichtigen, heiteren Russen. Keine 3pur von Prinzipien; er hat Instinkte, gute, noch gar nicht kultivierte, vielleicht deshalb so gute, menschliche Instinkte. Er ist heiter und spottet über die Vorurteile, über die 'Sitten, über die dumme verrottete Gesellschaft. Die löbliche „Regierung" ist ihm auch nicht viel wert. Seine Mundwinkeln verziehen sich zu einem spöttischen Lächeln. „Choroschy Tschelowiek" (ein guter Mensch) ist ihm alles. Ein Herzenskerl — und doch jeder Zoll ein Russe. Die Polizei, die über die Heiligkeit der ersten Residenz Rußlands ängstlich ihre schützenden Arme ausbreitet, treibt die Mutter und die Schwestern Achims aus Moskau rasch heraus, nachdem er nicht mehr da ist und seine „Rechte" ihnen nicht mehr zugute kommen. Das stimmt. Just zu derselben Zeit trifft Achim in Mandschurien ein und erlebt die fürchterliche Schlacht bei' Liaou-Yang. Nachdem er einen ganzen Tag sich in seinem Zelte abgequält hat, das einige Kilometer von der Front, wo der Kampf wütete, entfernt war, allerhand chirurgische Operationen an den verwundeten Soldaten auszuführen, unternahm er abends einen Spazierritt über das Schlachtfeld. Ein grell weißes Feld, eine gelbblasse Wiese mit nassen Stellen. Hier und da Krummkiefern. Beim grauenvollen Anblick der turmhohen, von blassem gespensterischem Mondlicht beschienenen Hekatomben hingestreckter Massenopfer eines einzigen Tages, die die platte, endlos sich ziehende mandschurische Ebene bedeckten, gegen die die wenigen Verwundeten, denen er im Laufe desselben Tages das Leben gerettet hatte, einen Tropfen im Meere bedeuteten, wird Achim von der furchtbaren Frage durchrüttelt, ob seine berufliche Arbeit für die Menschheit überhaupt irgendeinen Sinn hat, solange er selbst anderseits^ die sündige bürgerliche „Gesellschaft" mit all ihren Übeln und Gebrechlichkeiten, mit ihrer Fäulnis und„ Verderbtheit zusammen mit allem anderen aufrecht erhält. Schlägt er nicht mit der einen Handmehr Wunden, als er mit der andern zu heilen vermag? Und da entsteigt vor ihm, in nebelspinnender Dämmerung, aus den Finsternissen des Kerkers die Gestalt des geliebten Brudeis, die Gestalt Mischas, schweigsam und reglos, einer Sphinx gleich . . . Vielleicht hat er doch recht? Die Fülle der Ereignisse verwirrt sich in seinem Geist zu einem quälenden Erinnerungsbild . . . Sentimentale Leser werden hier von etwas gerührt sein, was mich unheimlich anmutet . . . von der „Tendenz". Ich bin von etwas ganz anderem durchflutet. Hier wirkt ein vielleicht unbeabsichtigter großer künstlerischer Effekt: daß in dem denkenden jüdischen Arzte gerade dort, wo alles ringsum so klirrend und gewappnet ist, eine zarte und grüblerische Gedankenarbeit vorgeht. Dieser'Gegensatz ist von hoher edler Tragik. Eine gute Fee diktierte dem Erzähler diese traumverloren ausklingende Schlußszene. . Er löst den Knoten nicht. Er verläßt uns hier, in den Regionen des Todes, in Gesellschaft eines, mit beklommener Seele kämpfenden Menschen . . . Ein unheimlich tragischer Abschluß! Das ist stark. Der neugierige Leser mag die Erzählung weiter spinnen: Achim kommt nach Moskau zurück und widmet sich dem Freiheitskampfe, oder er verkommt in Mandschurien, Mutter und Schwestern betteln im Ansiedelungsrayon, Natascha, enterbt, erteilt Unterricht, oder Achim gerät in Gefangenschaft nach Japan, wandert nach Amerika aus, nimmt die Familie hin, bemerkt auch dort, daß die Gesellschaft stark „angefault" ist, usw., — wie es einem gefällt. Möge jeder, wie in „Tausend und einer Nacht", das Seinige erzählen. Als jüdischer Roman hat mich dieses Buch enttäuscht. Das jüdische Leben, isoliert in seiner Reinheit aufgefaßt, mit seinen Kämpfen und Beklemmungen und Hoffnungen, in seiner Eigenart zurückgezogen, mit seinen intimen Reizen, wie unsereiner sie schaut, von einem Fühlenden tind Verstehenden scharf gezeichnet — dazu haben wir kaum Ansätze, Versuche, aber noch nichts Großes, Durchdachtes. Das Gemischte wurde schon mehreremal bearbeitet. Immer kommt diese Landschaft wieder, wo der Judenfluß in das Christenmeer mündet. Es bedarf ganz besonderer Schönheiten und Reizmittel, um diese Plattheit neu und interessant zu machen . . . Aber als allgemeine Erzählung ist dieses Buch im ganzen zwar kein Meisterwerk, aber es hat manche herrliche Stellen und nicht wegzulöschende Züge von Lebenswahrheit, verblüffender Realistik und Plastik. Die christlichen Gestalten sind besser als die jüdischen gezeichnet, — fast kein Tupf ist an ihnen geschminkt, — Mandschurien besser als die Ukraina, das Schlachtfeld besser als der Schauplatz des Pogroms. Man kann eigentlich nichts dagegen haben: Spiritus flat, ubi vult! Aber der Roman trägt ja den Titel: „Die man verachtet . . .", — man sollte also meinen, daß den Titelträgern, ihrem Leben, ihren Sorgen und Freuden und Nöten der Löwenanteil gehört. Oder vielleicht meint der Erzähler: Nikita, Iridow, die löbliche Moskauer Polizei und diejenigen, die die Hekatomben in Mandschurien verursacht haben? Wir hätten beileibe mehr recht, sie zu verachten ...