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Die Welt · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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beträchtlichen Gewinn hätte einbringen müssen, war fast vereinbart. Plötzlich fiel es A'chim ein, er müsse, um jedem Mißverständnis vorzubeugen, dem Grafen die unangenehme Enthüllung machen, er sei Jude — man dürfe kein Versteckspiel treiben! Da war Graf Iridow niedergeschmettert. . Wird er doch nicht die Erziehung seines Sohnes einem Juden anvertrauen! Düster, trostlos und verzweifelt erscheint das Verhältnis dieser Russen zu den Juden. Beim Grafen Iridow wirkt nicht die unbewußte Triebkraft der Instinkte des Nikita Nikititsch; ihn beherrscht nicht das religiöse, sondern das adelige Vorurteil, nicht die Xerkow" (Kirche), sondern der Salon. Nikita empfindet einen von Lebensblut rot durchpulsten kraftvollen Haß, Graf Iridow einen erkünstelten ästhetischen Ekel — nicht der Person gegenüber, denn Achim macht eigentlich auf beide einen bestrickenden Eindruck, sondern dem Begriffe, der Spitzmarke, dem Aushängeschild „Zyd" gegenüber! Der nachäffende russische Adel ist eigentlich in dieser Beziehung nicht originell. Er hat es vom westeuropäischen Adel gelernt. Kein zorniges Aufbäumen und keine müde Gebrochenheit—eine schlendrianartige nachgeahmte Sitte. Nach langen Qualen und Leiden fand Achim zuletzt für kurze Zeit bei einer reichen Wiener Familie, die in Petersburg weilte, eine Hauslehrerstelle. Sein Einkommen reichte nunmehr für ein studentisches Leben mit Natascha und für die Unterstützung seiner Familie aus. Den ganzen Tag, bis, spät in die Nacht, war er von eigener Studienarbeit und Erteilung von Unterricht überbürdet, zerrissen, hin und her in der großen Stadt in fieberhafter Eile mit den großen Entfernungen kämpfend gehetzt. Er schlief nachts bei einem armen Kollegen, um Natascha bis zur geplanten Vermählung in seiner Wohnung allein zu lassen ... Er absolvierte endlich seine Studien, bekam den wohlverdienten Doktortitel, begleitete die Familie seines Schülers nach Wien, um sich dort speziellen chirurgischen Studien zu widmen und um dort einen in Rußland unzulässigen bürgerlichen Eheakt mit Natascha zu schließen. Als er seiner Mutter darüber eine Mitteilung machte, wurde sie angst und bang, aber schließlich fügte sie sich mit Ergebung in das Unvermeidliche. Der Erzähler macht uns hier eine schmeichelhafte Verbeugung, — vielleicht ein Danaergeschenk. Iridow kann es nicht über sich gewinnen, einem Juden die Erziehung seines idiotenhaften Bengels anzuvertrauen, trotzdem Aussicht vorhanden ist, daß dieser Jude Merkwürdiges leisten wird und trotzdem er ihm persönliches Wohlwollen abgerungen hat. Auch Nikita Nikititsch ist unerschütterlich. Er tötet in sich die Liebe zum einzigen Kinde. Die Juden hingegen sind windelweich. Eine solche Sache muß man aber nicht nur erzählen, man muß sie auch glaubhaft machen. Sonst ist es keine Belletristik, sondern einfach Zeitungs- — ich möchte fast sagen — Polizeibericht. Senkte die alte Mutter betrübt das Haupt, um still zu trauern? Schöpfte sie aus der Tiefe ihres Gemüts Trost? Dieses Problem scheint die Phantasie des Erzählers gar nicht beschäftigt zu haben. Nikita mit der ursprünglichen abergläubischen Kraft,*der französelnde, anglisierende, highlifierende Iridow mit seinem ästhetischen Sport sind ihm mit ihrer unversöhnlichen Abgeschiedenheit recht begreiflich, aber' die „Rebetzin" — wenn auch nur eine „Kronsrebetzin"— hat nichts gegen die Mischehe einzuwenden. Es ist eine Niedlichmacherei, die es nicht verstehen will, daß gerade hier, in dem schwerbedrängten, von allen Hunden gehetzten, seit Jahrtausenden in einem förmlichen Belagerungszustände — ohne Kriegsgesetze — sich befindenden Volksstamme gewaltige, hartnäckige Kräfte eines Selbsterhaltungstriebes sich aufgespeichert haben, daß ein viel heftigeres und tieferes Aufeinanderprallen des bewußten oder unbewußten Volksethos und des Einzelwillens bei einer Frage, wie es die Mischehe ist, als bei einem tölpelhaften Nikito, oder dem blassen und kraftlosen Iridow, ausbrechen muß! Hier kommt nun aber just das Gegenteil heraus: die Stammsonderheit der alten Russen — knorrig und felsenfest, die der alten Juden — bleichsüchtig und blutleer. Nach einiger Zeit übersiedelt Achim mit seiner Frau und ihrem neugeborenen Bob nach Moskau, wohin er auch auf Grund einer speziellen „Erlaubnis", die er von der Polizei erlangt hatte, seine Mutter und seine beiden Schwestern kommen läßt. So leicht, wie man dies in Paris druckt, wird es einem jüdischen Arzt in Moskau doch nicht sein, die unerschwingliche „Erlaubnis" zu erwirken. Achim widmet sich seiner Berufstätigkeit. Eine glückliche Vermengung von Milde und Tatkraft, von Arbeitsamkeit und Heiterkeit, von Verstand und Herz und Umsicht hilft ihm die Widerlichkeiten, die Trivialitäten und Verdrießlichkeiten des ersten Stadiums der Praxis zu überwinden und sich eine achtbare Stellung zu erkämpfen. Irgendeine neue Erfindung, die er gemacht hat, erweitert den Kreis seiner Tätigkeit, die er mit eiserner Energie betreibt. Er ist ganz in seinem Elemente und beginnt schon den Erfolg zu kosten, an dessen, Vorbereitung er sich schier ganz aufgerieben hatte. Hier blühen die letzten Rosen eines rasch endenden Glückes . . Denn die unberechenbare Tücke des Geschicks läßt den Ausbruch des russisch-japanischen Krieges in den bis jetzt normalen Entwicklungsgang der Lebensereignisse Achims wie ein Fatum hineinpralleh. Vierundvierzig Ärzte werden aus Moskau nach dem Kriegsschauplatz gerufen, darunter sind neununddreißig Juden, und selbstverständlich wurde auch unser Achim nicht übersehen. Das Zahlenverhältnis ist etwas zu hoch gegriffen, aber das ist kein großer Fehler, denn anderseits schildert der Erzähler die Drangsalierung der Juden viel zu milde; das Zuviel wird also anderwärts durch ein Zuwenig kompensiert. Die Trennungsszene ist tragisch und rührend. Ich habe manche dieser Szenen miterlebt und finde die Schilderung viel zu schwach . . . Man muß leise und kalt beginnen und seinen Atem, seine Kraftfülle bis zur Entscheidung und Vollendung aufsparen. Diese feine Kunstregel hat der Erzähler vernachlässigt. Er war früher zu sehr pathetisch und wurde jetzt zu lau. Als das letzte Signal zur Abfahrt laut wird, entreißt sich Achim mit Gewalt den Armen seiner Mutter und seiner Frau, die förmlich seine „Uniform" umklammerten. „Noch einen Kuß zum Abschied" haucht eine warme, kosende Stimme in sein Ohr. Ein langanhaltender, tieftrauriger Pfiff der Lokomotive, — und der Zug verschwindet. Achim hörte nur noch ein gedämpftes Schluchzen. Es schwirrte ihm im Kopfe. Zum Glück befand sich im Coupe ein Leutnant, Peter Orlow, ein ehrlicher, lebenslustiger Mensch, der ihn eindringlich mit seinen blauen, Vertrauen einflößenden Augen anblickte. — Sie werden ja vom Weinen ganz zerfließen! — .

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