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Die Welt · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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will den" Einfluß nicht preisgeben, den man mittels des Protektorats, namentlich in Palästina und Syrien,- erworben hatte, zumal andere Staaten, insbesondere Deutschland wetteifern, das Erbe Frankreichs anzutreten. Um nun einerseits das Prinzip der Verweltlichung aufrecht zu halten, und um anderseits das in besagten Gegenden durch langwierige, jahrhundertJange Missionsarbeit gewonnene Übergewicht nicht zu zerstören, verfiel die Regierung auf den Gedanken, Laienmissionen einzurichten. Also Missionen ohne Religion. Ob sich diese neue Form bewähren wird, scheint sehr zweifelhaft. Die Laienmissionen sind so etwas, wie die „p6netration pacifique". Tatsächlich sind, wie ein Korrespondent des „Journal des Debats" berichtet, die kleineren französischen Vertretungen im Orient aus Rand und Band. -Aber auf all die Projekte einer Reform dort, wo schon früher ein französischer Einfluß existierte, übt der neue, ungesunde Marokkoappetit einen lähmenden Einfluß aus. Die lebenskräftigen Keime und Ansätze einer Gesundung der algerischen Verhältnisse, die Festigung des Protektorats im Tunis, all dies wird in den Hintergrund geschoben. Die jüdische Volksuniversität Diese segensreiche Institution, über die nächstens genau berichtet werden wird, wurde bis jetzt durch unsichere, mit großen Anstrengungen gesammelte Beiträge erhalten. Naturlich ist das keine Grundlage für eine Anstalt, die von Tag zu Tag wächst. Nun ist es Herrn Dr. Alexander Marm orek, der seit Jahren die Seele dieser Institution ist, gelungen, von der Baronin Edmund Rothschild, aus dem Nachlaß der Baronin Adolphe Rothschild, 10000 Frcs. als erste Grundlage zum eisernen Fonds für die Erhaltung dieser Anstalt zu bekommen. Es ist mit Genugtuung zu begrüßen, daß der unermüdliche, mit liebevoller Hingebung für das Wohl der jüdischen Massen arbeitende Dr. Marmorek diesen ernsten Vorstoß zur Konsolidierung der Volksuniversität unternommen hat. Nachdem ein so schöner Anfang gemacht worden ist, wird man für den Fonds weiter sammeln und für die Anstalt größere Räume suchen müssen. Es gibt einige Anhaltspunkte dafür, daß diese Frage unüberwindliche Schwierigkeiten nicht bereiten wird. FEUILLETON AUS DER FRANZÖSISCHEN BELLETRISTIK |Von NAHUM SOKOLOW (Schluß) Die Verbindung der geliebten Tochter mit dem Juden saust wie ein Richtbeil auf Nikita Nikititsch nieder. Er vermag diesen Schicksalsschlag nicht abzuwehren. Was in ihm Menschliches vorhanden ist, die Funken inniger Liebe und verklärender Hoffnung, die noch unter der Asche des groben Katzapenherzen des echtrussischen Shyloks glimmen, gehören ganz dem Herzenskind, dem „Täubchen" Natascha. Da kanfein Jude und entriß ihm all dieses; er hätte ihm ebensogut das Herz aus der Brust entreißen können. Einem Ehebündnis mit dem Juden zustimmen? Unmöglich! Die unbeugsame Macht der Überlieferung, die Allgewalt der Vorurteile, der tiefe Abscheu, die Glaubensangst, die herrschende Sitte, die Rücksicht auf die Umgebung — alles, -was seine Schritte lenkt, seine Gedanken bestimmt und sein Tun leitet, schließt die Möglichkeit einer Zustimmung aus. Nur Natascha, das Edelprodukt einer geistigen, selbstgeschaffenen Überkultur, auf der moskovitischen Unkultur gepfropft, die im Vaterhause im Dufte des Heiligenbilderweihrauchs umströmte und durch den Geist des Widerspruches so innerlich von aller Macht der Tradition befreite Natascha, setzt sich über diese Hindernisse spielend hinweg. Auch ein echtrussisches „Nitschewo*. ... Es fehlen eben1; die Lombrososchen „Hemmungszentrendie auf die Triebe regulierend wirken. Sie ringt nicht einmal mit sich. Man merkt nichts von einem Konflikt, nichts von einem flammenden Zorn oder einer glühenden Begeisterung. Herkömmliche Sitte, soziale Rücksichten, religiöse Unterschiede? — Ja, was kümmern sie diese Worte, „was geht sie diese Hekuba an"? Diese Werte haben nicht, einmal die Kraft der Märchen; sie sind in ihr schon lange in nichts zerflossen. Alte, hohle, nicht erwähnenswerte Narreteien! Tempora mutantur! Rücksichten auf den Vater? Ja,- vielleicht ist es etwas unangenehm, aber der Mann ist eben rückständig. Mit Leichtigkeit, ohne überhaupt darüber nachzudenken,?entsagtfsie den Bequemlichkeiten des Wohlstandes ~und."£der überschwänglichen väterlichen*fFreigibigkeit, die ihr starkes, einfaches und freies Wesen immer störend empfand. Sie will jauchzen und in den So'nnenschein hinausjubeln. Gesprengt sind die Ketten! Inzwischen ging der Kronsrabbiner unter der Last der Geschehnisse elend zu Grunde. Eine Herzkrankheit, die sich nach der Verhaftung des gelieöten Sohnes bei dem schwächlichen, nur für eine Idylle geschaffenen ungewandten Lebensvirtuosen bösartig entwickelte, hatte ihn jäh ins Grab getrieben. Der verwaiste, betrübte Achim setzte seine Studien fort. Seine Not war groß und seine Mutter konnte ihm nicht helfen: die Familie blieb unbemittelt, in verschämter, nicht würdeloser, aber hoffnungsloser Armut. Achim mußte seine Kräfte übermäßig ausnützen; er mußte meist achtzehn, zwanzig Stunden arbeiten und seine Kost war viel zu gering. Seine jugendliche Begeisterung und seine Arbeitsfreudigkeit überwanden alles. Der mühsalbeladene Student mußte nicht nur für sich, sondern auch für die liebe, in Armut darbende Mutter und.für seine Schwerster Katja, die in Paris ihren medizinischen Studien oblag, Sorge tragen. Eines Tages geschah es, daß er, nachdem er für einige Rubel, die er für Kopierarbeiten ergattert hatte, ein Inserat in den Zeitungen wegen Lektionen, die er suchte, eingerückt hatte, eine Offerte bekam, er möchte, sich nach Peterhof zum Grafen Iridow in Angelegenheit einer Lektion für dessen Söhnchen begeben. Graf Iridow hatte einen verhätschelten, geistig zurückgebliebenen Buben, bei dem die sinnreichsten Anstrengungen vieler Künstler der Pädagogik, ihm das Lesen und Schreiben beizubringen, sich bis jetzt fruchtlos erwiesen hatten. Und der gräfliche Sproß war schon zehn Jahre alt. Achim vertiefte sich in das schwierige Problem und sagte nach einigem Nachdenken dem Grafen, er habe „eine Idee". Man müsse, meinte er, dem Kleinen nicht durch Bücher, die seinen Widerwillen erregen, sondern durch Spiele das Lesen und Schreiben zugänglich machen. Der Graf war von dieser „fine fleur" der modernen pädagogischen Kunst ganz entzückt; das Abkommen, das Achim einen

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