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Die Welt · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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existiert-da und was kann -man da zentralisieren? —r Die Wahlen, an sich waren auch 'ganz; sonderbar. Für jeden .Kandidaten sprach ein anderer Delegierter — eine Lobrede. _ So etwas wie bei den „Unsterblichen". Alte Juden erzählten mir, es sei Sitte gewesen, wenn man einen Rabbiner wählen sollte, einige tüchtige, im Rabbinismus bewanderte Privatgelehrte zu entsenden, um den Rabbiner sozusagen einer Prüfung zu unterwerfen. Sind die Herren, die in Paris die Lobreden von Stapel gelassen haben, sachkundig genug, um über rabbinische Tüchtigkeit, ein Urteil abzugeben? Ich glaube, daß diese Herren sehr reich und angesehen sind. Das ist alles. Nach den Lobreden begannen die Wahlen, und der Turnus mußte einigemal wiederholt werden. Das Zünglein an der Wage bewegte sich immer und immer wieder zwischen Israel und Alfred Levi, bis im Namen des Hauses Rothschild er^ klärt wurde, daß es sich ganz neutral Verhalten wird. Erst dann senkte sich die Schale von Lyon um ein Haar tiefer. Es scheint, als ob man die Rotschilds für Israel-Leviten gehalten hätte. Ihre Neutralitätserklärung hat die Bedenken gehoben. Herr Israel Levi ist tatsächlich einer der tüchtigsten jüdischen Gelehrten Frankreichs, aber die Mehrheit — eine verschwindend kleine Mehrheit — scheint noch andere Eigenschaften gesucht zu haben. Wollen wir hoffen, daß sich diese Mehrheit nicht täuschen wird. Naquet und die Hüter franzosischer Traditionen Noch ein alter. Rabbiner hat von sich in den letzten Tagen hier wieder reden machen; Alfred Naquet. Ein Ketzer, ein Gottesleugner, ein nicht-Jude-sein-wollender Jude; aber dieser jüdische Gelehrtenkopf, dieser tiefsemitische Typus, diese überlegene Logik, dieser Sarkasmus — ein echter, scharfsinniger Talmudist. Schon lange hatte man von ihm nichts gehört. Nun ist Bowiget gegen die" Ehescheidung aufgetreten — mit Dogmen, mit „christlichen" Theorien, sentimental-dichterisch, mit „französischen Traditionen". Das hat den alten Löwen aus der Höhle herausgelokt. Er rückte hervor mit einem scharfen Aufsatz in der Presse: der Ehescheidungs- Nacquet. Mit kühlem praktischen Verstand, mit Kraftausdrücken, mit verblüffenden Gleichnissen analysierter die Rechtsverhältnisse, die Sitten und Gebräuche, die starren und kalten Formen, und führt den Nachweis, daß all diese Dinge nicht unter dem Gesichtspunkte der Tradition, sondern .im Lichte des Sichewigwandelnden, des sozialen Fortschritts betrachtet werden müssen. Die antijüdische Presse hat die Sache, schon aufgegriffen: der Hang zum Grübeln, Sezieren, Zergliedern, Aufstöbern und sehr oft — Zerstören, sind — sagt sie — jüdisch. Aber so hilft nichts. Naquet lex sed lex. In offiziellen Kreisen sucht man mit allerlei Verbrämungen die Tatsache zu verdecken, daß das Ehescheidungsgesetz ein Werk Naquets ist. Aber Naquet selbst ruft dieses Faktum von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis der Zeitgenossen. Und jedesmal hört man in antisemitischen Kreisen ein dumpfes Grollen. Nachklänge der „affaire" Ein anderer auch stark verallgemeinerter Jude hat der antisemitischen Presse auch den Anlaß zu einem Triumphschrei: Der Jude ist gerichtet! gegeben. Ich meine Herrn Joseph. Reinach. Mit einer Stimme Mehrheit wurde der Antrag seiner Rehabilitation in der Ärmee einer Kommission zurücküberwiesen. Dreyfuß ist schon lange frei; Henry tot, Esterhazy verschollen, er selbst, Reinach, sitzt schO:i wieder in der Kammer, aber noch eine Ehrenrettung fehlt ihm: die Epauletten. Die jüdische Rachsucht — sagen die ' Hetzpatrone. Es ist eigentlich keine Rachsucht, es ist Zähigkeit. Man wollte ihn mit einem allgemeinem Gesetz quittieren: Rehabilitation sämtlicher wegen der Affäre und ähnlichen Affären gemaßregelter Militärs. Letzterer Antrag wurde auch von den Sozialisten unterstützt. Das genügte ihm nicht, „dem eigensinnigen Juden". Da ergab sich gegen ihn eine Stimme Mehrheit. Nun, der gute Mann hatte schon früher mehr als eine Stimme gegen sich: Er kann warten. NFeinere, wenigstens politischere Instinkte für die Volksstimmung hat Herr Clemenceau, der sogar bei den Triumphen, die er feiert, eine andere als die Dreyraßnote herausklingen läßt. Seine Rede währendderEnthüllungdes Denkmals für Scheurer-Kestner galt nicht der Affäre, sondern dem Patriotismus und den Tugenden der Elsässer. Ein schlauer Fuchs! Scheurer-Kestner war ein würdiger Greis, aber niemand würde von ihm etwas gewußt haben, niemand würde sein Andenken feiern, und von der Errichtung eines Denkmals wäre trotz aller evangelischen Tugenden des alten Biedermannes gar nicht die Rede, würde er sich nicht bei der Affäre so nervorgetan haben. Das bezeugt auch das Denkmal mit der Gestalt der nackten Wahrheit . '.. . Aber der geschickte Staatslenker wollte nicht das Menetekel der Wahrheit und der Drohung für ihre Widersacher, sondern einen patriotischen Pean erschallen lassen. Er ist gar zu sehr Politiker. Es ist auch möglich, daß bei der_bevorstehenden Zeremonie der.Überführung der irdischen Überreste Zolas nach dem Pantheon." sofern der Staat diesen Akt vollziehen wird — es soll auch auf Staatskosten geschehen —, die großen Reden, das Zola'sche „La verite est en marche" entweder gar nicht, oder in einer verflachten Form erwähnen werden. Wird Clemenceau sprechen, so wird er die „Affäre" ganz oberflächlich mit den Fingerspitzen berühren. Ob das die Hetzpresse abhalten wird, den in diesen Tagen begonnenen Ullmo-Prozeß für ihre Zwecke auszubeuten, ist sehr fraglich. Drumont, der mit der Beflissenheit eines Schweißhundes, das Ausschnüffeln von Verrätern unter jüdischen Offizieren betreibt, hat schon hundert Aufsätze, Abbildungen, Karikaturen dem Ullmoprozeß gewidmet. Vorläufig zieht es nicht. Ullmo ist wohl jüdischer Abstammung, ein leichtsinniger, charakterschwacher junger Mensch, der sich in dumme Chantagestreiche verstrickt hatte. Aber es fehlt hier die Tragik eines Verrats, das Leugnen, die Unschuld, die " Machenschaften, einen Unschuldigen zu verurteilen, mit einem Wort: es. fehlt alles für eine Affäre. Es ist eine der sehr häufig vorkommenden' traurigen Fehltritte, die von Christen und Juden begangen werden. Die öffentliche Meinung interessiert sich nicht einmal recht für die Iangweil.ge Geschichte. Es geht einfach nicht, eine neue Affäre zu schaffen. Man lebt noch immer von der alten — und wer weiß' wie lange noch. Außer der Scheurer-Kestner-Denkmalenthülllungs-: feier hatten wir noch die Aufnahme des neuen Justizministers, des Herrn Briand, durch den hohen Kassationshof mit Herrn Ballot-Beaupre an der Spitze. Der neue Siegelbewahrer sagte in seiner Erwiderung, es erfülle ihn mit Stolz; daran zu erinnern, welchen Beweis seiner Unabhängigkeit und seines Rechtssinnes der Kassationshof unter schweren Umständen gegeben hat. Die Rede Briands erschien nur in. einigen Blättern; die meisten Blätter haben sie einfach unterdrückt. In stiller Zurückgezogenheit ist ein Veteran der „Affäre", der Oberstaatsanwalt Man au, der gewesene Ehrenpräsident des Kassationshofes gestorben. Man wird sich seiner wunderbaren Reden und seiner für die perfiden Erwägungen einer sogenannten Staatsraison unzugänglichen Rechtschaffenheit erinnern. Er war 85 Jahre alt und legte vor sieben Jahren sein Amt nieder. Er brachte seine letzten Jahre in Vernon zu, wo er von einer allgemeinen Verehrung umgeben war. Marokkanische Leiden Um aus der Affäre herauszukommen, — muß ich leider die vorhergesagten Leiden der marokkanischen Juden, die infolge des „Krieges im Frieden", der in Marokko vor sich geht, herbeigeführt worden sind, erwähnen. Also aus Settat schlössen sich 150 Juden der französischen Armee, um Schutz flehend, an.' Man kann sich leicht denken, welche Zerstörung der Kriegin der jüdischen „Mellah" angerichtet hat. In Fez, Marakesch, Mekines soll es noch viel gefährlicher sein. Man spricht so gleichgültig hier darüber, man zuckt nicht mit der Wimper. Wäre dies wirklich ein förmlicher Feldzug gegen Marokko, so könnte man sich über die schweren, allzu schweren Opfer, die die Juden tragen müssen, mit der Hoffnung trösten, die Bedrängten gehen einer Emanzipation entgegen. Aber wie die Dinge mit der Algecirasakte, mit Aziz und Hafid, mit dem Machsen und dem Jehüd, mit den Stämmen, hauptsächlich aber mit" den undurchdringlichen Wegen der internationalen Politik liegen, -»wird ja früher oder später dieses Abenteuer der „Bestrafung von Stämmen" aufhören müssen, — wozu also das unschuldig vergossene jüdische Blut? Die franzosische Orientpolitik Zur orientalischen Politik Frankreichs, die uns vom zionistischen Standpunkt nahe angeht, dürfte folgendes nicht eines gewissen Interesses entbehren. Zwischen der Hohen Pforte und dem Vatikan schwebten bereits vor zehn Jahren Verhandlungen behufs Umwandlung der Apostolischen Delegation in Konstantinopel in eine Internuntiatur und Errichtung einer osmanischen Vertretung des Osmanenreiches beim Vatikan. Damals legte Frankreich, das durch solche türkisch-vatikanische Annäherung eine Schädigung seines Protektorats im Orient befürchtet, sein Veto ein, und die Sache unterblieb. Nun ist die Sache jetzt etwas anders geworden. Trotz der Kirchenfeindlichkeit, die das Regierungssystem beherrscht, hat das gegenwärtige Ministerium seinem Vertreter im Orient geheime Weisungen erteilt, an den alten Vorrechten, was Zeremonielkund Repräsentation anbelangt, zähe festzuhalten. M*"?

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