Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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io; .DIE 3^ Jadenexzesse in Galizien Die Erregung der ruthenisch'en Bauern im Wahlkreis Horodenka über die unerhörte Vergewaltigung und Verhöhnung: der Bevölkerung bei den Urwahlen zum Landtag (siehe Nr. 6) führte schließlich in Czortowice zu Ausschreitungen der Bauern gegen diejenigen Juden, die für den polnischen Kandidaten gestimmt haben, indem man ihnen die Scheiben einschlug. .Wir sind weit entfernt, die freilich erzwungene Haltung der jüdischen Wähler in Czortowice zü billigen, aber wir können nicht umhin, an die Führer der radikalruthenischen Partei, die den größten Einfluß in der ruthenischen Bauernschaft besitzt, die Aufforderung zu richten, diesen Gewalttätigkeiten ein Ende zu machen.. Die demokratischen Elemente im Judentum erkennen vollkommen den Wert eines Zusammengehens, eyies friedlichen Nebeneinander mit den politischen Vertretern der für ihre Befreiung ringenden ruthenischen Bauernschaft. Aber dieses freundschaftliche Einvernehmen, diese entente cordiale zweier unterjochter Nationen kann und wird nicht durch Pogromdrohungen oder Pogrome erzwungen werden. Das heißt, die unaufgeklärten, wirtschaftlich schikanierten Juden in die Arme der schützenden polnischen Behörden treiben. Die politische Erziehung der jüdischen. Massen kann nur von der jüdischen Intelligenz, nicht aber von ruthenischen Fäusten besorgt werden. Die Christlich-Sozialen in Galizien . Galizien soll noch eine Partei erhalten. Im Kampfe:um die Herstellung des nationalen Gleichgewichtes im Lande, wird sie gewiß nicht auf der Seite der Unterdrückten zu finden sein. Den polnischen Nationaldemokraten entstehen neue Bundesgenossen. Die Statthalterei in Lemberg genehmigte die Satzungen der Ortsgruppe Rosenberg-Szczerzec des Bundes der christlichen Deutschen in Galizien. Es ist die erste christlichsoziale Organisation in diesem Lande. Die parlamentarische Blockpolitik Glombinski-Geßmann war keine unfruchtbare Paarung: Sie. hat dem Polenklub die erschwindelten Mandate, den Christlichsozialen — die Führung im Reichsrat gesichert. Nun soll der Blockgedanke in die Bevölkerung getragen werden, das Zeichen der Volkstümlichkeit erhalten. „So entstehen in Galizien deutsche Schutzorganisationen". Die Christlichsozialen können sich als Reichspartei und Beschützer des Deutschtums (die neueste Mission) in den weitesten Landen gebärden; den Allpolen -ist ein stillschweigender Bundesgenosse hinzugekommen, aber auch ein.Popanz, auf den man losschlagen kann, indem man den Polen Germanisierungsgefahren vorgaukelt. Oberschätzt soll der neue „Bund" nicht werden; es gibt in Galizien zu wenig Deutsche, um wirksame „christlich-deutsche" Politik zu machen.. Aber übersehen darf man ihn ebenfalls nicht. Ein Obmann des Landeskomitees der zionistischen Organisation Österreichs kann nur vom Zionistentag gewählt werden. Bis dieser über einen Nachfolger Dr. Schalits schlüssig wird, führt den Vorsitz im Landeskomitee sein erster Obmann- Strellvertreter Dr. Brau de, die laufenden Geschäfte werden vom Sekretariat in Wien (Ing. Rob. Stricker) erledigt. Die Wahl des Präsidenten des Jüd. Nationalvereins soll dagegen in der nächsten Zeit erfolgen. Samstag den 15. d. M. fand eine Besprechung der Mitglieder des Nationalvereins statt. Es sind keine Beschlüsse gefaßt worden, da dies der Generalversammlung vorbehalten bleibt. Pariser Brief iVon unserem Spezialkorrespondehten) Beurteilung des Zionismus Über die Juden in Palästina bringt der ministerielle „Temps" eine Korrespondenz aus Konstantinopel, die augenscheinlich den' Zweck hat, ein gewisses Mißtrauen gegen die Juden zu wecken. „Die Zahl der Juden in Palästina" ^— schreibt der Korrespondent — „wächst mehr und mehr. Am Ende wird auch der Sultan die Juden nicht entbehren können, weil er ohne sie keine Käufer für Kron- und Regierungsgüter in Palästina finden wird.. ." Nach dieser hämischen Einleitung "fährt der Korrespondent fort: Man kann sicher sein, daß binnen 10 Jahren 2 000 000 Juden in Palästina sein werden. Er. hebt dann die hohen Vorzüge der jüdischen Einwanderer hervor. „Das sind keine Bettler, sondern ackerbautreibende Arbeiter, Handwerker und Kaufleute. Ein Menschenmaterial, aus dem ein Volk und ein Staat aufgebaut werden können. Zwar stoßen die Einwanderer dort auf. viele Hindernisse, aber sie überwinden all eelt........... _......; i,,.";,...,;:„...... .....'no. s diese .Schwierigkeitendurch <iie Kraft einer großen, mächtigen Liebe zu ihrer, alten Heimat und scharfen.die Grundlagen für eineri; neuen Staat. ■ „So webt die Zeit auf ihrem Webstuhl ein Leichengewand für den einen und wanne Kleider für den andern > . . Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, daß die Juden binnen des nächsten Vierteljahrhunderts auf der Weltbühne als Kämpfer für ihr Vaterland auftreten werden.: „Viele behaupten, die Christen werden einer solchen Entwicklung energisch entgegentreten und werden es nicht dulden wollen, daß die Juden dort über christliche Heiligtümer walten. Das ist ein Irrtum! Die Christen wollen nur diese Heiligtümer von einer . unparteiischen Macht bewahrt wissen. Die Türkei ist unparteiisch, und die. Juden werden ihre Stelle einnehmen." Diese jetzt in der französischen Presse vielzitierte Korrespondenz, die ä la Bileam rühmt und segnet, ist. dazu bestimmt, vor der Türkei eine Judengefahr an die Wand zu malen. Es sind überflüssige Liebesdienste. Die Türkei weiß es aus ihren jahrhundertlangen Erfahrungen am allerbesten, daß diese Ratgeber, die angeblich um die Integrität des türkischen Reiches so besorgt sind, nur darauf losgehen, Stücke an sich zu reißen, und daß die Juden das einzige Element sind, die mit politischen Hazardeuren nichts Gemeinschaftliches haben, sondern ein ruhiges, tatsächlich ihm historisch heiliges und liebes Refugium suchen als Arbeitsfeld und Kulturzentrum. Daß dies für die Sicherheit, die Machtstellung und den Aufschwung des türkischen Reiches nur förderlich sein kann, ist für jeden Unvoreingenommenen klar. Ein Reich der Leviten Ein Levite ist Oberrabbiner von Frankreich geworden! Für einen Fremden ist es wegen der Gleichnamigkeit der hiesigen Juden nicht leicht, sich hier zurechtzufinden. Jeder dritte Jude heißt Levy, wenn er nicht gar Cahn heißt Siehe Bottin. Als der gelehrte Naturforscher Levy gestorben war, konnte man aus den "Nekrologen gar nicht erfahren, welcher Levy. Es gibt eben verschiedene Levis, auch verschiedene Naturforscher, die diesen schönen Namen tragen. Zu den einheimischen kommen noch Fremde, so z. B. der österreichisch-jüdische Levy (Maurice), Direktor des Observatoriums, der vor einigen. Monaten gestorben ist Unter den Kandidaten für -das Oberrabbineramt waren auch einige Levis. Meine prophetische Muse neigte sich auf seiten des Rabbiners Israel Levi. Nicht, weit gefehlt Ein Levi ist gewählt worden, aber nicht Israel, sondern — wie es die Zeitungen bereits ausposaunt haben—' Alfred Levi, der Obberrabbiner von Lyon. Ein älterer, biederer, etwas jovialer, aber hochernster Mann. Er ist ein alter erfahrener, die Kunst der Beredsamkeit beherrschender Grandrabbiner. Er hat auch einiges geschrieben:- Beiträge zur Geschichte der Juden in Lothringen, über den Trauerritus unter den Juden und ähnliches. Diese beiden Gebiete entsprechen so sehr der Richtung des französischen Judentums 1 Geschichte und Kaddisch. * Er hat auch einen Band seiner Predigten herausgegeben. Was an dem unvergeßlichen Zadoc Kahn besonders wertvoll war, das war sein Verständnis für die osteuropäischen Juden und seine Liebe für Palästina. Zadoc Kahn war ein Chowew-Zion durch und durch; er beglückwünschte seinerzeit auch den ersten Kongreß, trotzdem er aus Rücksicht auf seine offizielle Stellung sich zum Zionismus nicht bekennen konnte. Zu jener Zeit war. das Oberrabbineramt noch offiziell: jetzt ist es das nicht mehr. Wie wird sich der .neue Oberrabbiner Frankreichs zu den großen Strömungen des Judenvolkes stellen? Es ist kaum anzunehmen, ein französischer Provinzrabbiner sei. über diese Angelegenheiten unterrichtet, In Paris, mit den 40 000 Einwanderern aus dem Osten, hat man Gelegenheit, etwas zu erfahren, was außerhalb der Kulturfragen steht;, in der Provinz ist der Horizont viel beschränkter. Es klingt freilich respektabel: Oberrabbiner von Lyon; aber wie groß ist die ganze jüdische Gemeinde in Lyon? Ein Häuflein." Soviel man bis jetzt weiß, ist der neugewählte Grand-Rabbin ein frommer, gutherziger und toleranter Mann. Die persönliche, in seinem Lebenskreise betätigte Frömmigkeit war eigentlich der ausschlaggebende Vorzug, der diesem Kandidaten das Obergewicht gegeben hat Die Gottesgelahrtheit verstehen nicht viele zu beurteilen, die Frömmigkeit hingegen wird von einem Rabbiner, auch seitens derjenigen, die ganz und gar nicht religiös sind, verlangt. Die Politiker des jüdischen Gemeindelebens faseln von einem Siege der .Provinzialen. Paris, heißt es, möchte alles zentralisieren; nun ist es in diesem Falle nicht gelungen, und die Provinz hat die Oberhand gewonnen. In bezug auf allgemeine Politik hat dieser Wetteifer wahrscheinlich einen Sinn, aber auf jüdische Angelegenheiten übertragen, istdas eine hohle Phrase. Welche Gewalt