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Die Welt · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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So gelang es der unermüdlichen Tätigkeit Nossigs, im Jahre 1902 zunächst ein vorwiegend aus Zionisten bestehendes „Komitee zur Errichtung eines Bureaus für Statistik des jüdischen Volkes" und dann auf breiterer Grundlage den „Verein für jüdische Statistik" ins Leben zu rufen. Dieser bestandaus der Zentrale Berlin und den Sektionen Wien, Lemberg, Odessa, Warschau, Tomsk, Philippopel, Bern und Hamburg und hatte außerdem in einer Reihe anderer Städte Vertrauensmänner und Korrespondenten. Die Tätigkeit des Vereins begann damit, daß seine vornehmlich aus Studenten bestehenden Arbeitsgruppen eine Bibliographie der jüdischen Statistik herstellten. Diese Bibliographie ist im Jahre 1903 in dem umfangreichen Sammelwerk „Jüdische Statistik" veröffentlicht worden. Letztere bedeutsame Publikation enthält außerdem eine Anzahl wertvoller Aufsätze und ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil auch die großen nichtzionistischen jüdischen Organisationen sich mit Beiträgen an dem Werke beteiligten. r. Die Arbeiten des Vereins litten allerdings darunter, daß. fachmännisch gebildete Kräfte noch fast ganz fehlten, vor allem aber nicht die Mittel vorhanden waren, um die Zentralisation der Arbeiten und die Anstellung besoldeter Beamten zu ermöglichen. (Schluß folgt.) Russischer Brief (Von unserem Spezialkorrespondenten) Um die Duma Aus der Mitte der Rechten hat sich eine selbständige Gruppe abgesondert, welche sich „Gruppe der Nationalisten" nennt Die Ursachen ihrer Entstehung sind nicht schwer zu erraten. Ein Teil der Rechten, der sich dieser Gruppe anschloß, steht auf dem Standpunkte nicht einer gesetzgebenden, sondern einer beratenden Duma und arbeitet trotzdem gleichzeitig an der Verwirklichung der gesetzgebenden Macht der Duma. Die prinzipielle Inkonsequenz und Unaufrichtigkeit dieser Position liegen klar zutage. Ein die Pflichten des Deputierten ernst auffassender Deputierter kann mit dieser Sachlage nicht zufrieden sein. Und deswegen kann man wohl die Gründung einer neuen Gruppe als Reaktion auf die Zweideutigkeit der Position der Rechten ansehen. In ihren Ansichten nähert sich die „Nationale Gruppe" den Oktobristen. Sie vertritt das Prinzip der Integrität Rußlands, das System zweier gesetzgebenden Kammern, der Unverletzlichkeit der Person usw. usw, Dieses Programm gehört zum Typus der polemischen Programme, deren es so viele bei den zahlreichen „rechten" Organisationen gibt. Es enthält eine ganze Reihe von Prinzipien, die von niemandem bestritten werden, und Aufgaben, die einen für die Partei praktischen Zweck verfolgen. Aber gerade diese sind für die Partei von besonderer Wichtigkeit, weil sie ihre patriotische Stimmung manifestieren. So z. B. § 1: Die Integrität des russischen Reiches. Dieser Punkt wurde von keiner Partei, auch nicht von der extremen Linken, jemals bestritten. Aber für die neue Gruppe ist dieser Punkt von besonderer Wichtigkeit weil er ihre feindliche Stellung zum Prinzip der Autonomie der Grenzländer unterstreicht. In demselben Geiste sind auch andere Punkte des Programms verfaßt. Die Entstehung der „Nationalen Gruppe" wird keine großen Veränderungen in der Gruppierung der Parteien nach sich ziehen. Ihre Haupttendenz ist wie auch früher: reaktionär und nach rechts. Zur Judenfrage in Finnland Wie bereits an dieser Stelle gemeldet wurde, haben die Sozialdemokraten Finnlands dem finnländiscfaen Landtage eine Petition über die Erteilung der vollen Gleichberechtigung an die Juden eingereicht. In einer der letzten Nummern der „Nowoje Wremja" veröffentlichte ihr Korrespondent ein Interview mit den Vertretern der . verschiedenen Fraktionen des .finnländischen Landtages und ihre Ansichten über die Judenfrage in Firmland. . Nach der Meinung der Mehrheit der Ländtagsdeputierten wird der Landtag den Juden'keine Gleichberechtigung erteilen. Die Lage der Juden in Finnland ist eine viel schlimmere als in Rußland, da sie absolut rechtlos sind. Ihr Wohnrecht erstreckt sich nur auf Helsingfors, Wyborg und Abo, und; in diesen Städten nur dann, wenn sie in Finnland geboren sind und sich nur mit Handel beschäftigen. Indessen hat die Idee der jüdischen Gleichberechtigung fast gar keine Anhänger im finnländischen Landtage, mit Ausnahme der sozialdemokratischen Fraktion. Nicht nur die „Ältfinnen", die ja eingefleischte Antisemiten sind, sondern auch die „Jungfinnen" wollen die Petition nicht unterschreiben und motivieren das damit, daß die jüdische Gleichberechtigung vom ökonomischen Standpunkte aus eine große Gefahr für die finnische Bevölkerung in sich birgt Und so hat die Petition der sozialdemokratischen Fraktion nach der Meinung des Korrespondenten der „Nowoje Wremja" nur wenig Aussichten auf Erfolg. Es darf aber nicht vergessen werden, daß von den 200 Stimmen im finnischen Landtage die Sozialdemokraten 80 Stimmen besitzen. Repressalien gegen den Zionismus Die von uns seinerzeit berichteten Repressalien gegen den Zionismus dauern inzwischen fort Die zionistische Organisation ist zurzeit die einzige bestehende Organisation der Juden in Rußland. Grund genug für die Regierung, um dagegen vorzugehen. Neuerdings wurde eine Zirkularverfügung erlassen, die die Arbeit für den Nationalfonds untersagt Die Genehmigung zur Herausgabe der Wochenschrift „Das jüdische Volk" wurde bisher immer noch nicht erteilt In den letzten Tagen lief zwar eine Genehmigung ein, aber nur unter der Bedingung, daß die Zeitschrift keine zionistische Agitation treiben dürfe. (!) Infolgedessen sah sich die Zentrale in Wilna genötigt, eine Jargonwochenschrift unter dem Titel: „Volksblatt" herauszugeben, deren erste Nummer soeben erschienen ist Sie enthält Beiträge von Gurelik, Smiliansky, Joffe, Pasmanik und zeigt das ernste Betreben, trotz der bestehenden großen Schwierigkeiten ihrern Lesern eine gute und gutnationale Kost zu bieten. Es ist klar, daß jede zionistische Tätigkeit unter diesen Umständen fast unmöglich ist Die Regierung überbietet sich im Aushecken von Beschränkungen und einengenden Bestimmungen, um nur ja jede Arbeit für den Zionismus zu ersticken. So wurde Gg. Brutzkus-, der in das Kuratorium einer Talmud-Thoraschule gewählt worden war, nicht bestätigt, lediglich' weil er Zionist ist und weil die russische Regierung in ihrer rührenden Liebe für das Wohlergehen der Talmud-Thoraschulen offenbar von der Anwesenheit eines Zionisten im Kuratorium Bedenken für die ersprießliche Arbeit der Schule empfand. Der Redakteur des „Rasswjet", des ausgezeichneten Zentralorgans unserer russischen Freunde, erhielt wegen Aufnahme eines Artikels „Jüdische Rechtlosigkeit" eine Geldstrafe von 500 Rubeln auferlegt Und vorderhand ist kein Ende dieser sinnlosen und empörenden Quälereien abzusehen. Wiener Brief (Von unserm Spezialkorrespondenten) Die preußische Ausweisungspraxis in den Delegationen Der Österreich-ungarische Minister des Äußeren, Baron Aehrenthal, wurde in den Delegationen über die. häufigen Ausweisungen von Juden aus Deutschland interpelliert Es handelt sich nicht um russische Juden, für die bekanntlich die Gesetze nicht gelten, sondern um vollberechtigte Bürger, einer „befreundeten und verbündeten" Großmacht — Österreich-Ungarns.

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