Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 8 DIE^ELT Träger dieses Programms und seine Organisation es bereits bewiesen haben, daß sie es bei Worten nicht bewenden lassen. Und so bedeutet uns Dr. Nathans Programm in Hinsicht auf Palästina eine partielle, aber sehr Wertvolle Erfüllung unseres Wunsches, alle jüdischen Energien der Diaspora* irrt Heiligen Lande fruchtbar werden zu lassen. '; Die jüdische Statistik Von Dr. Bruno Blau Während die Geschichte die Wissenschaft der Entwicklung ist, ist die Statistik die Wissenschaft der Zustände. Die Statistik beschreibt die Gegenwart, 'aus ihr schöpfen wir unsere Kenntnis von den bestehenden Verhältnissen auf allen Lebensgebieten. Diese Zustände zu kennen, ist aber nicht nur notwendig für denjenigen, welcher sich irgendwie mit der Gegenwart beschäftigt, sondern auch aus einem doppelten anderen Grunde, nämlich, weil man die Gegenwart betrachten kann und muß, einmal als etwas Gewordenes, als das Resultat des Geschehenen, und zum anderen als den Keim des Zukünftigen. Eine zweite exakte Methode zur Erforschung der gegenwärtigen Zustände neben der Statistik gibt es nicht Eine andere Art, die kulturellen und sozialen Verhältnisse zu beschreiben, als mit Hülfe ihrer zahlenmäßigen Erfassung, erscheint uns heute als ein Unding, als Scharlatanerie, und kann sich im besten Falle als Aufstellung von Hypothesen und unbeweisbaren Behauptungen charakterisieren. Das Wesen der Statistik beruht aber nicht nur darauf, daß sie eine Wissenschaft der Zahlen'ist, vielmehr kommt noch ein zweites Merkmal hinzu: Sie ist die Wissenschaft der großen Zahlen, sie beschäftigt sich allein mit Massenerscheinungen und verhindert so vor allem, daß Einzelfälle als typisch hingestellt und verallgemeinert werden. Die Statistik als solche kann unbedenklich als die objektivste Wissenschaft bezeichnet werden, da sie nur Tatsachen behandelt, welche unmittelbar durch mechanische Zählung gewonnen werden und deren Richtigkeit zu jeder Zeit nachgeprüft werden kann. Wenn der Statistik häufig der Vorwurf gemacht wird, es könne ein jeder aus ihr dasjenige herauslesen, was ihm für seine besonderen Zwecke passe, so trifft dieser Vorwurf einmal den ernsten, nach Wahrheit strebenden Forscher überhaupt nicht; dann aber handelt es sich bei jener Tätigkeit gar nicht mehr um Statistik. Denn diese hat nichts weiter -zu tun als die durch Zahlen erfaßbaren Tatsachen zu sammeln, systematisch zusammenzustellen und zu ordnen. Was darüber hinausgeht, insbesondere die Verwertung statistischer Ergebnisse zu irgendwelchen Schlußfolgerungen, ist die Sache anderer Wissenschaften. Und was hier die Dunkelmänner und Fälscher — solche gibt es in jeder Wissenschaft — leisten, kann weder durch die Statistik verhindert noch auch ihr zugerechnet werden. Die Bedeutung der Statistik für alle Lebensverhältnisse eines Volkes dürfte heute wohl von allen Kulturstaaten erkannt und anerkannt sein; in die Praxis umgesetzt, hat man diese Erkenntnis durch Veranstaltung statistischer Erhebungen und Einrichtung ständiger statistischer Institute.' Ein begründeter, Zweifel über die Notwendigkeit und den Wert der Statistik besteht heute nirgends. Viel wichtiger aber als für andere. Staaten und Völker ist die-Statistik für ein Volk, welches sich in'einer anormalen. Lage befindet Eine solche Gemeinschaft ist die jüdische, welche, von einem Territorium losgelöst über die ganze Erde verstreut ist und sich zum großen Teile in der tiefsten Not und in dem erschreckendsten Elend befindet. Keine rationelle und systematische jüdische Arbeit wird der Statistik entraten können. Die Kenntnis der Verhältnisse aller Gruppen der Judenheit ist die Vorbedingung für jede' Tätigkeit, welche die Besserung der Lage der Juden in irgendeiner Beziehung im Auge hat. Die mannigfachen Bewegungen, welche auf diesem Gebiete ins Leben gerufen werden, müssen ergebnislos sein, wenn man sich nicht von vornherein darüber klar wird, mit welchem Menschenmaterial man es zu tun hat, mit welchen Schwierigkeiten man rechnen muß, und welche Erwartungen man hegen darf. Erst die Statistik wird den jüdischen Volksheilkünstlern die Mittel zur rechten Diagnose an die Hand geben und ihnen den oft beschwerlichen Weg zur erfolgreichen Therapie ebnen. So hat die jüdische Statistik nicht nur eine ideelle und wissenschaftliche, sondern vielleicht in noch höherem Maße eine eminent praktische Bedeutung. Ebenso bedürfen der Judenstatistik die nichtjüdischen Völker, in deren Mitte die Juden leben, zur Lösung der heute in allen Staaten vorhandenen Judenfrage vom Standpunkte der betreffenden Völker aus. Auch die allgemeine Wissenschaft wird die jüdische Statistik nicht entbehren können: aus den Lebenserscheinungen eines uralten Volkes, welches so viele mächtigen Völker untergehen sah, kann sie gar manche Lehren für die gesamte Menschheit ziehen. Daß auch tatsächlich bereits alle größeren jüdischen Organisationen und sogar .ein deutscher Bundesstaat für die jüdische Statistik großes Interesse an den Tag legen, ist später zu zeigen. ,t~ Das Verdienst die Bedeutung der jüdischen Statistik als erster erkannt zu haben, gebührt Leopold Zunz, welcher im Jahre 1823 den Aufsatz „Grundlinien zu einer künftigen Statistik der Juden" veröffentlichte. Nichtsdestoweniger ist die Judenstatistik bis vor' kurzer Zeit recht stiefmütterlich behandelt worden, wenn auch einzelne Staaten bei ihren statistischen Erhebungen die Juden als Angehörige einer Religionsgemeinschaft berücksichtigten und eine Reihe von Schriftstellern Eirizelfragen aus dem Gebiete der jüdischen Statistik behandelten. Von systematischen Versuchen sind zu erwähnen einmal der Beschluß der israelitischen Synode zu Augsburg im Jahre 1871, ein „zentralstatistisches Bureau über die wissenswertesten Kultus- und Unterrichtsverhältnisse des Judentums" zu gründen, und dann die im Jahre 1887 erschienenen „Materialien zur Statistik des jüdischen Stammes" von Dr. Alfred Nossig. Das von der Synode für die Erhebungen beschlossene Fragenschema beschränkte sich auf die Gemeinde-, Kultus- und Schulverhältnisse sowie auf Feststellungen, welche die Gebäude der Gemeinden, die Wohltätigkeitsanstalten, Vereine und Stiftungen und endlich die auf Juden bezüglichen Gesetze betreffen. Die Folge des Beschlusses von Augsburg waren zwei Arbeiten von Engelbert und Schimmer, welche die Statistik des Judentums im Deutschen Reiche (ausschließlich Preußens) und in der Schweiz bezw. in'den österreichischen Ländern behandelten. Nossig stellte das damals vorhandene statistische Material für die Juden der einzelnen Länder zusammen, um später zu einer Gesaihtstatistik der Juden zu gelangen. Da er jedoch damals keine geeigneten Mitarbeiter fand und auch sein Appell an die jüdischen Organisationen, eine systematische jüdische Statistik in Angriff zu nehmen, ungehört blieb, mußten seine Bestrebungen zunächst erfolglos bleiben, da ein einzelner nicht in der Lage ist, ein so gewaltiges Werk, wie das von Nossig gewollte, durchzuführen. Trotz des Wiedererwachens des jüdischen Selbstbewußtseins und der Verbreitungnationaljüdischer Ideen fehlte noch längere Zeit hindurch das volle Verständnis für die jüdische Statistik, welche immer noch vorwiegend zu apologetischen Zwecken benutzt wurde. Erst eine von Dr. Max Nordau auf dem fünften Zionistenkongreß gehaltene eindrucksvolle Rede erweckte in zionistischen Kreisen einiges Interesse für die Judenstatistik.