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Die Welt · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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jüdischen Standpunkte aus den Besuch dieser Anstalten als nicht wünschenswert erscheinen läßt. Die Juden. Amerikas und Europas könnten für die Hebung ihres Stammes im alten Judäa kein segensreicheres und dauernderes Denkmal errichten, als es durch die Errichtung einer jüdischen höheren Schule nach dem Muster der eben erwähnten amerikanischen geschähe, wo gewiß auch Christen und Mohammedaner willkommene Aufnahme fänden, wo aber der Glaube der jüdischen Hörer nicht Gefahr liefe, aus den Herzen getilgt zu werden." .. Dem aufmerksamen Leser wird_ ohne weiteres klar geworden sein, daß zwischen den Überschriften (selbst wenn wir ein Stück Übertreibung auf das Konto „Amerika" setzen und demgemäß in Abzug bringen) und der ersten Hälfte dieses Interviews einerseits und dessen zweiter Hälfte anderseits ein krasser Widerspruch besteht. Was sollte der Hinweis auf die künftige Mitarbeit der Juden an den wichtigsten Angelegenheiten der Türkei, was die begeisterte Empfehlung der Schaffung eines Netzes von Bildungsanstalten, was endlich die bekannte Tätigkeit des Hilfsvereins in letzterer Hinsicht für einen Sinn .haben unter der Voraussetzung, daß Palästina kein in Betracht kommendes Immigrationsland für Juden wäre, d. h. also auch keine zukünftige Entwicklung im jüdischen Sinne erwarten lasse. Es drängt sich also von selbst die Überzeugung auf, daß hier auf Seiten des Interviewers ein Mißverstehen obgewaltet haben muß. Bei der großen Beachtung nun, deren sich Dr. Paul Nathan in de«- jüdischen Öffentlichkeit erfreut und die er in Hinsicht auf die Palästinafrage um so mehr verdient, als die von ihm geleitete Organisation im Lande bereits mancherlei geschaffen hat und noch schaffen will, und als er persönlich gründlichere Informationen an Ort und Stelle sich zu verschaffen "gesucht hat, hielten wir es für wertvoll, ihn durch einen unserer Freunde um eine nähere Erklärung der in dem obenerwähnten Interview enthaltenen Äußerungen anzugehen. Herr Dr. Nathan war so freundlich, dem durch unseren Vertreter geäußerten Wunsche sofort und in ausreichendem Maße zu entsprechen. „Sie fragen mich," sagte er, „ob es denn wirklich meine Ansicht sei, daß auch in einer näheren oder ferneren Zukunft eine stärkere Immigration in den Orient, insbesondere seitens unserer Glaubensgenossen, ausgeschlossen erscheinen müsse. Nicht im geringsten. Ich bin nur der Ansicht, daß in diesem Augenblick und in allernächster Zukunft eine solche Immigration in keiner Weise -heilsam wäre. Die asiatischen Länder der Türkei sind jetzt — ich betone jetzt — noch nicht aufnahmefähig für einen Masseneinziig; aber sie aufnahmefähig zu machen, das ist es gerade, was angestrebt werden muß, und man ist in dieser Beziehung schon auf dem besten Wege. Die Eisenbahnen entwickeln das Land, und unsere Aufgabe muß es sein, unsere Glaubensgenossen, die bereits im Orient wohnen, zu befähigen, an dieser Entwicklung teilzunehmen. Ist alsdann mit der Einführung moderner Technik der Reichtum der türkisch-asiatischen Länder, den sie zweifellos bergen, zu steigender Entfaltung gelangt, dann wird natürlich auch das Problem der Immigration ein ganz anderes werden, als es jetzt ist. Und wenn die Türkei heute noch auf dem Standpunkt steht, daß die Einwanderung aus politischen Gründen bekämpft werden muß, so ist zu hoffen, daß sie alsdann diese Einwendungen zurückstellen wird, in der Erkenntnis,- daß geeignete Einwanderer zur wirtschaftlichen Erschließung der Länder außerordentlich beitragen, — und jede wirtschaftliche Stärkung der Türkei bedeutet zugleich eine wesentliche politische Stärkung des Staates. Man muß also unterscheiden zwischen der. Gegenwart und der nächsten Zukunft einerseits und späteren Zeiten anderseits. Heute braucht die Türkei Intelligenz und Kapitalien in erster Reihe. Wie die Kapitalien beschafft werden können, das will ich in diesem Augenblick nicht untersuchen, aber .die Intelligenz im Lande selbst zu stärken, dazu können wir beitragen, indem wir für unsere orientalischen Glaubensgenossen gute und geeignete Schulen von der Dorfschule herauf bis zum modernen Technikum errichten. Sind diese Vorbedingungen einmal vorhanden, dann wird der Orient auch imstande sein, weit größere Menschenmassen zu ernähren, als er das heute vermag. Und mit Hilfe der modernen Technik kann dann dort eine Bevölkerung leben, die unvergleichlich größer sein wird, als sie selbst in den blühenden Zeiten des Altertums gewesen ist." Dies die Äußerung des Herrn Dr. Nathan, die das Mißverständnis des amerikanischen Interviewers sofort aufklärt. Wie man sieht, unterscheiden sich Dr. Nathans Ansichten über Palästina und die Nachbarländer als Kolonisationsgebiet nicht allzu sehr von den unsrigen. Auch wir Zionisten behaupten nicht die Möglichkeit einer Massenbesiedlung Palästinas im gegenwärtigen Augenblick oder die einer Ablenkung der jüdischen Massen.eniigration nach dem Heiligen Lande, solange nicht die „Bedingungen" politischer und wirtschaftlicher Natur hierfür geschaffen sind. Daß wir natürlich dort, wo Einzel initiative, sei es. proletarischer, sei es kapitalistischer Kräfte, schon jetzt bei genügenden privatrechtlichen und privatwirtschaftlichen Sicherheiten ihre Beteiligung in Palästina sucht, solchen Zuzug nur willkommen heißen, weil er eben an der „organischen Entwicklung" des jüdischen Elements im Lande, an der Schaffung der „Bedingungen" mitarbeitet, ist kein Widerspruch, sondern im Gegenteil die realpolitische Ergänzung zu dem oben entwickelten Grundsatz. Die. Hauptsache aber ist und bleibt für uns, daß Palästina und der nähere Orient — wenn einmal unsere vorbereitende Arbeit glücklich zu Ende geführt und die industrielle, landwirtschaftliche und kulturelle Erschließung des Landes vollzogen sein wird — ebenso ein Immigrationsgebiet von hervorragender Eignung sein wird, wie es vom historisch-jüdischen Standpunkte das jüdische Land ist, das einzige, in dem sich unsere Eigenart zu entfalten imstande ist. Was uns in den Äußerungen Dr. Nathans aber am erfreulichsten erscheint, das ist das hervorragende Verständnis für den Zusammenhang zwischen jüdischgeistiger und wirtschaftlicher Entwicklung und sein deutlich zum Ausdruck gebrachter Wille, an der Stärkung des jüdisch-kulturellen Elementes vor allem arbeiten zu wollen. Wir begrüßen dieses Programm aufs freudigste und erhoffen uns um so mehr davon, als der

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