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Die Welt · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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denn, daß sie in eine, dem Leben entrückte Weltabgeschiedenheit sich zurückziehen. Was nützt das Spinnen an Geweben, welche der nächste Tag zerreißt? Ja, das Große im Auge behalten, — das ist Pflicht. Aber tlie Methoden der Alltagsarbeit können unmöglich dem Schwünge der Phantasie folgen. Niemand verwirft mehr als wir eine geistlose Organisation. Ohne Ideen, ohne geistigen Inhalt ist jede Organisation ein Bau ohne Fundament. Kultur und Organisation müssen sich in jedem Volke durch gegenseitige Wechselwirkung fördern und steigern, — um wieviel mehr in einem idealistischen Volke, wie das unserige, das mit Recht „das Volk des Buches" genannt worden ist! Aber beide Arbeitsteile müssen auf ein berechtigtes Maß beschränkt werden. Und über alles muß eine Zähigkeit, ein treues Festhalten, ein emsiger Fleiß, eine logische Arbeitsteilung und eine „Freudigkeit am Detail" leuchtend emporragen. Die Lage ist in jenen Teilen der Diaspora, in denen der größte Teil unseres Volkes lebt und leidet, so trübe,' daß es sich auch auf den Zionismus wie eine Nebelwolke lagert. Die fieberhafte Ungeduld, die Goluthinstinkte, die stärker als die Gesichtspunkte sind, die Stimmungen und Launen, die Widersprüche und die Begriffsverwirrung, die den Blick für das Ganze trübt, die Müdigkeit, die sich bei den einen "in einer dumpfen Apathie, bei den anderen — in einer graziös-melancholisch tändelnden Skepsis äußert, — all diese 'Zeiterscheinungen entspringen dem Dunkel, in das die _Schicksale der jüdischen Masse jetzt gehüllt sind. In Ägypten ist es finster, aber in Gosen soll es doch hell sein. In unseren Köpfen und Herzen möge es klar bleiben. Was die Gegenwart heischt und was die Zukunft fordert, soll uns gleich wichtig sein. Also, — was für die Rettung, die Selbstwehr in all ihren möglichen Formen geleistet werden kann, soll geleistet werden. Wenn wir nicht alles zur Ausführung bringen können, seien wir die Wecker und die Rufer! Seien wir die Einsichtigeren, die ein feineres Ohr für die- Regungen des leidenden Volkes haben und die nicht auf Pogrome warten, um dann einen verspäteten Hilfsversuch zu machen. Seien wir die Vertreter und die Befürworter einer gesunderen Gegenwartsarbeit, wir, die wir im Zionismus das Prinzip der Voraussicht repräsentieren. Auf allen Gebieten jüdischen 'Lebens, auf denen wir vereinzelt tätig sind, in allen Vereinen und Institutionen bringen wir das unverfälschte, lebendige Judengefühl und Judeninteresse einem verblaßten „Judentum^ entgegen zur Geltung. Das ist die Gegenwartsarbeit, die schon im Baseler Programm angedeutet und auf einigen Kongressen empfohlenundbesprochenwordenist. Fürdie Organisation, damit sie sich nicht ins Uferlose verliere, bleiben die Grenzen des palästinensischen Zionismus bestehen. Da soll es kein Wanken und kein ad absurdum getriebenes Grübeln geben! Da gilt's unaufhörlich zu arbeiten. Wir machen keine selbsterfundene Randglosse zur jüdischen Geschichte. Unzertrennbar sind wir mit ihrem Gesamtinhalte verbunden. Wir wollen uns auch nicht als ein Bruchteil des jüdischen Volkes isolieren. Im Gegenteil, unser Ziel ist seine Sammlung. Aus dieser Gesinnung heraus und im Vollgefühl unserer allgemeinen Lebensinteressen und Zusammenhänge, haben wir bei verschiedenen Anlässen die Notwendigkeit einer eifrigen und unermüdlichen Betätigung auf der ganzen Arena jüdischen und menschlichen Schaffens betont. Schon darin liegt die Wertschätzung anderer Hilfswerke. Fast , sämtliche zionistischen Organe haben bei jeder sich darbietenden Gelegenheit das gleiche getan. Unsere Arbeitskomitees und unsere Versammlungen vermeiden auf das sorgfältigste die Fragen wegen der Methoden der Palliativmittel breitzutreten, was als Herabwürdigung und Störung der Arbeit Anderer irgendwie ausgelegt werden könnte — nicht aus Feigheit," sondern weil wir aufrichtig die Bedeutung vieler anderer Hilfsmittel, wenn sie auch ephemerer Natur sind, anerkennen. Aber alles das hat nicht verhindern können und verhindert nicht, daß von Zeit zu Zeit Orgien des Zionshasses in einer halb oder ganz gegnerischen Presse gefeiert werden. Die leichtfertige, witzig-sein-sollende Bespöttelung hochernster und streng sachlicher Mitteilungen über die günstigen Aussichten des Zionismus — natürlich' ein tatkräftiges Eingreifen der jüdischen Gesamtheit vorausgesetzt — spricht in dieser Beziehung 'Bände. Ein Mahnruf an die jüdische öffentliche Meinung gerichtet, sollte doch ernster behandelt werden! Sind wirklich noch jetzt, in dieser grauenvollen Zeit, bei uns Elemente vorhanden, welche sich die Schürung eines Parteihaders etwa zum Zeitvertreib angelegen sein lassen? Es liegt uns fern, leugnen zu wollen, daß auch bei uns in früherer Zeit nach der Seite der Polemik nicht immer, jene weise Mäßigung und jener tiefe Ernst auf der' ganzen Linie herrschte, wie es zu wünschen wäre. Viele von uns haben schon damals gegen die zu heftige Leidenschaftlichkeit des Kampfes ein ernstes- Wort gesagt. Nun war und ist ab.er. eine gesunde _ Polemik begreiflich, sofern es sich um Ideengegensätze handelte, und wir wollen auch jetzt gar nicht in die Zuckerkrankheit gegenseitiger Süßlichkeiten verfallen. Die ängstliche Selbstverleugnung, die feige kriechende Sichentäußerung, das Nicht-Sicheinsfühlen-Wollen mit dem eigenen Fleisch und Blut und das hartnäckige Sichanklammern dort, wo-man. abstößt, verachtet und auslacht — das Nachlaufen allen erdenklichen fremden Phantasien, während man die eigene berechtigte Hoffnung als „Utopie" verwirft — dieses bizarre Ghettowesen, gegen das jüdischer Männerstolz sich aufbäumt, haben wir bekämpft und werden wir mit Geisteswaffen bekämpfen. Aber haben wir je eine bestehende Institution, wie es gegen unsere Kolonialbank geschehen ist, durch Verleumdungen zu untergraben gesucht? Haben wir je einen rabbinischen Areopag veranlaßt, einen Bannstrahl zu erlassen? Haben wir je daran gedacht, Professoren von ihren Ämtern abzusetzen, weil sie mit uns nicht einig sind? Unser Prinzip zu verteidigen, ist unser gutes Recht. Aber so etwas, wie ein frivoles Belächeln ernster anderweitiger Bemühungen, konnte doch bisher uns nicht nachgesagt werden. Nehmen sie z. B. unser Verhältnis zu einem anderen Kreis von Opfern und Anstrengungen und Hoffnungen — nicht zu unserer angestrebten vollständigen Autoemanzipation, sondern zu der so zweifelhaften und unzulänglichen Emanzipation! Fiel es den Zionisten je ein, diese Aussichten zu verhöhnen? Und fällt es jemand jetzt ein, mit Schadenfreude darauf hinzuweisen, welche Kräfte und Opfer — mit einem Teile derselben könnten wir ja bestimmt unser Ziel erreichen! — diese Hoffnung z. B. in Rußland verschlungen hat? Wenn z. B.' ein Judentag beschließt: gegen die Beeinträchtigung unserer Rechte wollen wir dies und jenes unternehmen und

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