Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316305--50311-3377302- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIEÄELT KÖLN AM RHEIN, KAROUNGERRING 6\/ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 21. Februar 1908 Wnb abnn'ei -int* a'-> No. 8. ZUR KLÄRUNG DER LAGE ii. Wohlgemerkt: die Aufgabe des zionistischen Denkens. und Fühlens auf dem Gebiete der Gegenwart, nicht aber des organisierten Zionismus, der ein scharf abgegrenztes Tätigkeitsgebiet haben muß. . Letzterer zieht die Konsequenzen des Judenleids im großen und ganzen. Er muß die Ruhe und die Kraft einer Unbekümmertheitum die Augenblickssorgen haben, weil er nicht auf dem Augenblick basiert und nicht für den Augenblick bestimmt ist. In der Beschränkung zeigt sich der Meister; das gilt auch von einer zielbewußten Organisation. Wird einmal bei anderen jüdischen Organisationen der Gedanke eines Zusammenwirkens heranreifen, so wird die zionistische. Organisation gewiß nicht fehlen, dehn bei ihr ist dieser Gedanke schon lange reif geworden. Solange diese Idee nicht tüchtig und deutlich hervortritt — die Pflege und Förderung sind Sache einer kulturellen Propaganda — wird die zionistische Organisation nichts unternehmen, was außerhalb ihres eigentlichen Gebietes liegt. Daß man in der Mitte der Gegenwartssorgen die Zweckarbeit einer nationalen Rettung nicht nur fortsetzt, sondern mit wachsender Tatkraft entwickelt, — das ist es, was die Intelligenz und den weitausschauenden Blick einer Nation ausmacht! Soll die ewige Frage des Martyriums gelöst werden, sollen wir nicht einer Zersetzung entgegengehen, die auch bei all unserer Energie, die wir anwenden müssen und werden, uns aufrecht zu erhalten, fortschreitet, und soll das berechtigte Sehnen des jüdischen Volkstums nach einer Sicherung seines Bestandes befriedigt werden, so kann man über die Mittel zu diesem Zwecke nicht im Zweifel sein. Die Pflanze, der Volksstamnt, muß zurück in seinen" Boden versetzt.werden, damit -er treibe. Auch für die Wiederholung dieser Wahrheit muß man den Mut der .'.. Langweiligkeit haben. Eine grobe Wahrheit. Nichts für eine hypersensitive Verfeinerung der Nerven. Aber wenn ein Volk nicht im Bereiche dieser groben Wahrheit, trotz aller Fährnisse und Täuschungen, kämpfen und jubeln, lieben und ringen, schwärmen und lodern kann, so ist es eben kein Volk. Wir glauben aber, daß unser Volk ein Volk ist. Hat es doch so lange gelitten und alle Leiden und alle Mißstimmungen nicht nur überlebt — das wäre ein veraltetes Argument —, sondern auch einen festen Willen zur Selbstrettung, gezeigt. Daß die Trägheit immer wieder düster heranschleicht, — es ist ein Gesetz! Daß eine Zukunftsparole auf viele nicht mehr mit jener Gewalt, mit jenem Reiz des Neuen wirkt wie zuvor, — ja, ist es denn mit den Gegenwartsparolen anders? „Hindert der Sauerteig* nicht überall? - Überall muß man die Ausdauer haben, den Geist zu wecken, die Gemüter aufzuwühlen, die Tatkraft anzuspornen. Gegenwarts- und Zukunftsarbeit sind in dieser Beziehung ganz gleich. Auf beiden Gebieten ist die Zeit der Alchimie schon lange vorüber, und — fürwahr! — die zerfasernde und selbstquälerische Kasuistik wird sie nicht ersetzen. Die Kasuistik ist eine Kette, die uns schwer am Fuße hängt und unsere Bewegungen in einen ganz engen Raum bannt, in den Theorienraum, den die Talmudisten als „4 Ellen der Halacha" bezeichneten. In Rußland — und hier kehren-wir zum Ausgangspunkte unserer Betrachtungen zurück — haben wir im Läufe der letzten zwei Jahre sehr viel gesucht und gegrübelt, jeden Tag Theorien geschaffen, die die Geister berauschten und die Welt erobern sollten. Ein überladenes, sich selbst aufhebendes Nationalgefühl, ein zersplittertes, kräftevergeudendes, unfruchtbares Bestreben* Fraktionen und Fraktiönchen, die eine tiefer und nuancierter als die andere zu bilden, eine jüdische Romantik, die sich so weit verstieg, daß sie sich gegen sich selbst richtete, — und nur ein beschränkter Dickkopf könnte über all diese Feinheiten lachen. Sie wirken auf jeden von uns, sie verlocken, — aber nun steht man und man ist „so klug wie zuvor". Man muß sich wieder in der Gegenwart gegen die Beschränkungen schützen und — ganz nach den alten Systemen, sofern die neuen noch in der Luft schweben. Und für die Zukunft muß man nach der für manche Feinschmecker banal gewordenen Methode des Zionismus wirken; So ist das Leben! Die Unversöhnlichsten müssen sich mit den Verhältnissen "durch dick und dünn schlängeln, — es sei I*