Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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höheren Kultur und der heuchlerischen Behauptung, eine höhere ethische Zivilisation unter den sogenannten Barbaren zu verbreiten. Die Völker des Orients haben angefangen, ihre eigene Literatur und ihre eigene Ethik mit der der Völker Europas zu vergleichen, und der Vergleich fällt nicht zugunsten der letzteren aus. Sie sehen, wie die schwersten Verbrechen, die Pogrome in Rußland, Verfolgungen in Rumänien und ähnliche Maßregeln, denen hunderttausende von Menschen zum Opfer fallen, ungeahndet bleiben. Die christliche Welt hüllt sich in ihren christlichen Mantel und gleitet über ihre Verantwortlichkeit leicht hinweg. Das christliche Gewissen existiert da nicht, aber wehe dem Sultan oder dem Schah, wenn in einer wilden Gegend ein Räuber einen Reisenden ausgeplündert hat oder wenn eine übertriebene Schuldforderung eines westlichen Wucherers nicht gleich voll bezahlt wird. Da wacht das Gewissen auf, und es spricht durch den Mund der Kanonen. Gegen diese Ungerechtigkeit erhebt sich jetzt die Welt des Orients. Sie will das Joch abschütteln, das ihr aufgezwängt ist Hand in Hand damit geht damit die literarische Renaisance, und eine neue Kultur, die an die alte anknüpft, ist im Entstehen begriffen. Ober kurz oder lang werden die beiden Kräfte vielleicht aufeinanderprallen. Und Japan ist ja ein Beispiel, daß der Westen nicht unüberwindlich ist. Hier tritt unsere Rolle ein. Wir sind an der westlichen Kultur großgezogen, wir haben das Beste von ihr aufgenommen und manche in ihrem Eifer sind in der Assimilation zu weit vorgegangen, so weit, daß sie das Fremde ganz für das Eigene eingetauscht haben. Anderseits haben wir den Zusammenhang mit dem Orient nicht verloren. Uns ist eigen, daß wir diese beiden Kulturen stets harmonisch vereinigen konnten. Uns bleibt es daher vorbehalten, die Brücke zu bilden, die von der einen zur andern hinüberführt, aber auch das von beiden Gewonnene zu einer höheren Einheit zu verbinden und ihr den Stempel unserer Individualität aufzudrücken. Ein neues Licht wird in das verfallene Westen hineinfallen. Wir waren die Fackelträger der Wahrheit in der Vergangenheit! Uns ist es vorbehalten, Fackelträger der Zukunft zu sein und das heilige Feuer der Wahrheit, der Ehre, der Freiheit, im heiligen Lande zu schüren. Daran wollen wir unsere Fackeln anzünden und so der Welt voranleuchten! Dr. Tschlenows Rede in Berlin Als Nachtrag zu unserem Berichte über die Volksversammlung anläßlich der A. C. Sitzung in Berlin bringen wir nachstehend den Wortlaut der dort gehaltenen Rede von Dr. E. W. Tschlenow, deren Text uns vom Redner in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt worden ist. Sehr geehrte Damen und Herren! Seitdem das Judenvolk seinen Heimatboden verlassen hat, ist es ein Wandervolk geworden. Im Laufe von 2000 Jahren haben wir. die Erdoberfläche umkreist; erst in den letzten 18 Jahren haben 2000000 Juden zum Wanderstab ihre Zukunft nehmen müssen. Und wie das Volk, ebenso ist die Volksorganisation, die einzige weltumfassende Organisation, welche das jüdische Volk in der Diaspora geschaffen hat, die zionistische. Seitdem Th. Herzl die blauweiße Fahne des politischen Zionismus aufgerollt hat, haben wir unsere Versammlungszelte in Österreich, Schweiz, England, Holland, Deutschland aufgeschlagen. Und nun sind wir, nach 10 jähriger Tätigkeit, in dieser großen Hauptstadt des großen Staates zum ersten Male versammelt. Dieses Ereignis ist kein Zufall. Es muß betont werden, weil es ein Signum ist. Der erste Gedanke unseres unvergeßlichen Führers war auf eine deutsche Stadt gerichtet: München war es, wo er den ersten Kongreß einberufen wollte. Aber diese mosaische Gemeinde hat es abgelehnt, die Stätte nationaler Schwärmereien einer nicht existierenden Nation zu sein. Wir mußten weiter gehen nach der mehr gastfreundlichen Schweiz. Der Kongreß hat einen mächtigen Widerhall in der ganzen Judenwelt gefunden. Wir standen vor dem Zweiten. Da hat hier, in diesem Staate, eine Konferenz stattgefunden, welche in der Geschichte des Zionismus, wie auch der allgemein-jüdischen, unvergeßlich bleiben wird. Die Seelsorger des jüdischen Volkes haben herausgefunden, daß die jüdische Geschichte und Literatur, welche voll glühender Sehnsucht nach dem Wiederaufbau des Judenstaates sind, mit den Ideen und Bestrebungen des Zionismus im Gegensatze stehen, und riefen allen Gottestreuen zu, sich fern von den gefährlichen Zionisten zu halten... Einige Jahre sind verflossen, und gerade in dieser Stadt hat der liberale jüdische Verein durch den Mund des Dr. Vogelstein urbi et orbi erklärt, daß wir alle längst das Volkstum von uns vollständig abgestreift haben. Ein reifer Mann, behaupten diese Leute, wird doch nicht seinen Beruf Pietätsgefühlen opfern. Und dabei sind die Herren nicht geblieben. In ihrem Eifer haben sie erklärt, daß Zionismus und Landespatriotismus im Gegensatze stehen. Wie unbegründet und unvernünftig diese Behauptung auch" war, sie hat einen Widerklang gefunden; zuerst bei uns in Rußland, wo man sie im Wahlkämpf gegen uns angewendet hat, dann auch in den Vereinigten Staaten. Wir werden nicht viele Worte dabei verlieren. Wir wollen nur die Tatsache konstatieren, daß die Juden überall ihre Bürgerpflichten voll und treu erfüllen. Wo sie,als Menschen behandelt werden, dienen sie mit Gut und Blut dem Lande. Ja, sogar zu den-Ländern, aus welchen sie herausgejagt werden, bewahren sie nachher in Amerika, sogar in Palästina, zarte Gefühle. Wenn man aber von Liebe spricht, so könnten wir gerade in dieser Hinsicht die schwersten Klagen der ganzen Menschheit, allen Nationen gegenüber stellen. Welche Nation hat sich jemals Mühe gegeben, beim jüdischen Volke Liebe zu verdienen und zu erhalten? Wir müssen übrigens betonen, daß es nicht die anderen Völker sind, die uns solche Forderungen stellen, sondern unsere eigenen Brüder sind es, die plus patriotique,' als die Landespatrioten selbst sind, Vogelstein, Geiger und desgleichen. So waren die Beziehungen des offiziellen deutschen Judentums zum Zionismus. Und doch sind jetzt die Deutschen in unsern Reihen sehr stark vertreten. Ein großer Teil der leitenden Persönlichkeiten, die Hauptbureaus unserer Institutionen sind fast alle in Deutschland konzentriert, und eine, wenn auch zahlmäßig nicht sehr große, aber immer wachsende, stramme Organisation ist im ganzen Lande verbreitet, die unserer Sache treu zu Diensten steht. Wie kommt das, woher diese Änderung? Meine Damen und Herren, das ist die Kraft des Lebens; die Kraf£ einer Idee, die in der Volksseele wurzelt und aus dem Volksherzen ihren Saft aufsaugt. Das sind die Folgen einer Evolution, die jetzt alle Teile-unseres Volkes auf der Erdoberfläche durchmachen. Ja, eine schwere, ernste Krise macht jetzt das Volk durch; eine schwere, aber heilvolle. Nationale Wiedergeburt nennt man sie, Renaissance, und im Zionismus gipfelt sie. Nicht leicht war und ist es, diese Gedankenvolution durchzumachen, unsern deutschen Brüdern vielleicht am schwersten. Hier lebte und wirkte der große Mendelssohn, der in uns bloß eine Religionseinheit sehen wollte. Der große Jude und Deutsche, Heinrich Heine,' war es, der vor 70 Jahren schrieb: „Europa kennt keine Nationen, bloß Parteien." Ein anderer großer Jude, K. Marx, wieder in Deutschland, lehrte, daß' es nur eine wichtige Teilung der Menschheit gebe: exploitierende und exploitierte. — Diejenigen aber, welche in diesem Lande das nationale Moment hervorrückten, haben es als Vorwand für Druck, gewaltsame Assimilation, Ungleichheit ausgenutzt. Eine ganze historische Wendung mußte durchgemacht werden die individuelle, bürgerliche Freiheit mußte gewisse Garantien erobern, bis die denkende und feinfühlende Menschheit zur Überzeugung gekommen ist, daß ebenso wie ein Individuum, eine Nation zu ihrer normalen Entwicklung voller Freiheit bedarf, und daß in der freien, ungestörten Entwicklung aller, auch der kleinsten Nationen die höchste Stufe der Zivilisation gipfelt. Kein Druck, keine Vergewaltigung, sogar in Ideen, Sitten, Eigenschaften. Alles was Lebensfähigkeit ist, was zum Himmel und zur Sonne sich zieht, soll keine. Hindernisse finden, soll die Möglichkeit haben, sich frei, nach seiner Eigenart auszuleben, frei zu wirken und zu schaffen. Dies ist die Evolution, welche die ganze' Menschheit darunter auch das jüdische Volk, jetzt durchmacht. Und in ihr findet der Zionismus, diese uralte Volksströmung, welche wir seit dem Tage der Verbannung nähren, seine stärkste Stütze, die moderne Forrn, in welcher sie allen Schichten des Volkes zugänglich wird. — Selbstverständlich ist das, was wir jetzt im Judentum beobachten, noch bei weitem nicht immer Zionismus. Rückkehr zum Judentum ist es vorläufig. . Aber das bildet den Boden, auf .welchem nur unsere, und keine anderen Ideen wachsen können und werden.. Meine Damen und Herren! Beispiellos, tragisch und erhaben ist das Schauspiel, welches das jüdische Volk vor unseren Augen jetzt darstellt. „Rechte"! politische und bürgerliche Rechte, — dies war die Losung, der wir im Laufe eines ganzen Jahrhunderts dienten. Wir sehen nun, wie schwer dies zu erreichen ist. In den Ländern, wo der größte Teil des jüdischen Volkes lebt, haben sie entweder keine Rechte, oder nur scheinbare Papierrechte. Aber auch in den Ländern, wo die Juden gleichberechtigt sind, haben sie doch ihre Ausnahmestellung im Leben bewahrt Denn um ein normales und volles Leben zu führen, muß ein Volk seinen eigenen Boden haben. Und jetzt bei voller Erkenntnis dieser Tatsache, steht unser Volk da, voll Kraft und Lebenslust, voll Sehnsucht nach dem alten, eigenen Lande, aber noch weit vom Ziele. Es hat endlich das Ziel seiner Wanderung ersehen, den Endpunkt der in den Ausgangspunkt mündet. Wird es Kräfte