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Die Welt · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 7 diee|kelt 15 spiegeln unserem Volke keine falschen Hoffnungen vor; wir verweisen es nicht auf die Gabe des Einen oder die Spende des Andern. Wir sagen unserem Volke: In dir selbst liegt die Kraft der Befreiung! Benütze sie weise, — und morgen bist-du frei! Verlasse dich auf dich selbst und vertraue dein Schicksal keinem anderen! Folge nicht dem Rufe, Zelte zu bauen auf fremdem Strand, die der erste Windstoß des Vorurteils wegfegen, die erste Welle einer mißleitenden Volksbewegung wegschwemmen kann. Nur auf festem Grunde muß gebaut werden. Nur auf dem Grunde des erwachten und gestärkten Selbstbewußtseins, der nationalen. Ehre, der Manneswürde, der Unabhängigkeitl Durch die Umstände, unter denen wir leben, durch die sich kreuzenden Einflüsse ist unser Bewußtsein geschwächt, unsere Tätigkeit gelähmt. Wir gehen planlos herum und wissen nicht, zielbewußt unsere Kräfte zu einigen, um große Fragen, die uns betreffen, zu lösen, Gefahren vorzubeugen und unsere Stellung in der Welt zu sichern. Das* jüdische Bewußtsein ist ein Moor, bietet keine Unterlage für einen soliden Bau. Nun lassen Sie' mich erzählen, wie Venedig gebaut worden ist. Ein moorartiger Boden, im Sumpf, wenn Sie wollen, aber so gelegen, daß, wenn einmal befestigt, es die größten Aussichten für eine herrliche Zukunft bot. Das erkannten die Gründer von Venedig, und was taten sie? Sie nahmen lange Holzpfeiler und trieben sie in den Sumpf, bis sie auf festen Boden stießen, und während sie es taten, hörte man den lauten Schlag des Hammers, und manchmal spritzte der Schlamm auf die Arbeiter. Der Schall verhallte, und der Schlamm wurde leicht abgewaschen, — aber der Pfeiler blieb fest stecken, und Pfeiler reihte sich an Pfeiler, und darauf wurden wunderbare Paläste gebaut, und Venedig wurde die Königin der See, die da vermittelte den Osten und den Westen^ die da aufhäufte die Schätze des menschlichen Wissens und der menschlichen Kunst. Und Venedig war das Zentrum der Welt! Wir folgen diesem Beispiele, und die Beschlüsse, die wir hier fassen, sind Pfeiler, die wir einrammen in das jüdische Bewußtsein, um es zu kräftigen und zu stärken. Und unermüdlich wollen wir an der Arbeit bleiben, um Pfeiler .an Pfeiler zu reihen, unbekümmert, ob der Schlag des Hammers zu laut an zarte Ohren schallt oder der Schlamm aufspritzt. Wir schaffen die feste Grundlage für ein selbstbewußtes, starkes, festes und freies jüdisches Leben! Wir bereiten das wahre Heim für das jüdische Venedig der Zukunft vor! Wenn aber eine solche Arbeit Erfolg haben soll, so muß sienach einem festgezeichneten Plane unternommen werden. Wenn dies vom Städtebau auf das Staatsleben übertragen wird, so nennt man es Politik, und nur jenes Volk ist groß und mächtig, das sich einer einheitlichen Politik bewußt ist und - durch Jahrzehnte und Jahrhunderte zähe daran festhält, ohne sich durch die schwankenden Ereignisse des Tages davon abbringen zu lassen. Unter allen Völkern sind wir Juden diejenigen, die bisher weder Politik verstanden noch Politik getrieben haben! Wir haben die Politik der anderen geführt und gefördert und uns vergessen! Wir Juden leben nur von Hand "zu Mund; wir vergessen, was gestern geschehen und denken nicht an den morgigen Tag! Wir werden stets von den Ereignissen überrascht, weil wir uns den Tatsachen verschließen, und wenn die Katastrophe eingetreten ist, dann stehen wir hilflos da, denn wir haben keine Vorbereitungen getroffen, Eventualitäten vorzubeugen. Eine weise Politik ist diejenige, die weit vorausreicht, und wenn sie auch zu der Zeit, w> sie formuliert wjrd, nicht ganz verstanden wird, so wird das Volk doch" allmählich durch -das Festhalten an derselben dadurch erzogen, die große Bedeutung derselben zu würdigen. Nehmen wir hier ein Beispiel an Lord Beaconsfield, den ich vorziehe, Disraeli zu nennen. Er hat mit ungeheurem Scharfsinne Jahrzehnte bevor seine Zeitgenossen die ganze Tragweite derselben ermessen hatten, die imperialistische Politik, die heute das ganze politische Leben Englands beherrscht geschaffen. Das Volk hat daran festgehalten, und es gibt heute keinen politisch geschulten Engländer, der sich der Bedeutung dieser Politik nicht bewußt ist In kleineren Zügen, aber von nicht minderer Tragweite ist der Zionismus jetzt die jüdisch-nationale Politik. Und Ihre Aufgabe, meine Damen und Herren, ist es, daran mit eiserner Zähigkeit festzuhalten, mit uns durch dick und dünn zu gehen, sich nicht durch die Schwankungen der Ereignisse des Tages ablenken zu lassen und uns nach allen Kräften zu unterstützen, so daß wir das ersehnte Ziel zusammen erreichen werden. Unser Volk ist bekannt durch die außerordentliche Liebe der Eltern zu ihren Kindern! Möge es immer so bleiben. Kein Opfer ist den Eltern zu groß, das sie sich nicht willig auferlegen, um dem Kinde das Weiterkommen zu erleichtern. Wieviele Eltern geben nicht ihren letzten Bissen Brot her, in der Hoffnung, das Leben für ihre Kinder zu erleichtern, wieviele zahlen nicht Beiträge zu Versicherungsanstalten, um sogar nach ihrem Ableben für ihre Kinder zu sorgen. Aber trotz alledem sage ich, daß sie in/e Pflicht noch lange nicht erfüllt haben ihren Kindern gegenüber. Wohl werden sie die materielle Lage ihrer Kinder einigermaßen erleichtern, aber wo bleibt die soziale, politische und nationale Lage? Auf welche Weise sichern sie ihre Kinder vor Verfolgung, vor Unterdrückung und Beschimpfung und Verhöhnung, vor sozialer Hintansetzung und politischer Rechtlosigkeit, vor religiöser Gleichgültigkeit oder Apostasie? Dagegen gibt es nur eine Versicherungsanstalt und das ist der Zionismus. Nur durch den Zionismus können wir, soweit menschenmöglich, die Zukunft unserer Kinder sicherstellen. Und wir alle sind Bürgen dafür, wenn jeder von uns dafür eintritt, wenn jeder seinen Schein unterschreibt und das moralische Kapital unserer Bewegung aus Millionen von jüdisch-begeisterten, opferfreudigen Seelen besteht Und wo wollen wir das Kapilal anlegen? In dem Lande unserer Väter, in der Wiege der Vergangenheit, in dem rechtlich sichergestellten Heim unserer Zukunft. Ich sage: „rechtlich gesichert" nicht nur als Wunsch für die Zukunft, sondern auch als Tatsache der Gegenwart. Es ist meine Antwort an alle diejenigen, die da fragen, ob man in Palästina rechtlich gesicherte Unternehmungen machen kann, ob man überhaupt dort sich ansiedeln kann oder etwas unternehmen kann. Meine Antwort ist: Gehet hin und versuchet! Hat bisher noch irgendeiner ein Haus zu kaufen gesucht und konnte es nicht, oder Land zu kaufen gesucht und konnte es nicht? Oder ist etwas dort gegründet worden und wurde gestört oder verhindert? Jedes Land hat seine Gesetze. Und die Türkei hat mindestens ebensolch gute Gesetze und vielleicht noch freiere und liberalere als irgend ein Land der Welt. Ein Fremder kann z. B. Land in Palästina oder in der Türkei erwerben, aber kein Fremder in den Vereinigten Staaten! Die Schwierigkeiten, die von vielen Seiten erhoben werden, rühren von den. Feinden jüdischer Bestrebungen her und deren haben wir genug, sogar in unseren eigenen Reihen. Wir wollen auch nicht hinkommen als ein destruktives Element, sondern als ein konstruktives. Wir wollen gute und treue Bürger des türkischen Staates sein und wir wollen das heilige Land wieder zu einem Lande machen, das von Milch und Honig fließt Wir wollen zur ökonomischen Stärkung des türkischen Staates beitragen, aber auch zugleich ein Zentrum schaffen für die Entfaltung jüdischer Rührigkeit nach allen-Richtungen, sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht Bisher haben wir durch unseren Geist und durch unsere Tätigkeit noch jedes Land bereichert wo uns Wohnrecht gestattet wurde. Aber in dem Momente, wo wir ein Anteil nehmen wollten an dem politischen Leben des Volkes, wo wir einen Anspruch erhoben an der Anerkennung unserer Mitarbeiterschaft im Staate, da wurden wir barsch zurückgewiesen und in die Ghetti zurückgetrieben. In Palästina wollen wir das Land auch für uns geistig und materiell bereichern, denn es soll wieder unser Erbbesitz werden. Es soll der Punkt werden, wo wir den Hebel einsetzen können zur Verteidigung unserer armen Brüder, gemordet, geschändet, geplündert, gedrückt, getrieben wie Parias von Land zu Land, ohne Schutz und ohne Hilfe, das Opfer jedes Tschinownik, jedes Gendarms, jedes Grenzbeamten, jedes Schiffskapitäns, jedes Landungskommissärs! Aber das ist noch nicht alles, was wir von unserer Rückkehr nach unserem alten Heim erwarten! Die ökonomische Lage, die uns so schwer drückt berühre ich jetzt nicht; denn diese hängt zumeist von den wirtschaftlichen Verhältnissen ab, die in den verschiedenen Ländern herrschen, wo Juden wohnen. Die Brotfrage kann vielleicht für einen Teil des jüdischen Volkes einigermaßen erleichtert werden. Darin sind wir uns doch alle einig, daß der Zionismus kein Fütterungsplatz ist für Arme und Brotlose! Was wir erstreben, ist, arbeitsamen Juden die Möglichkeit zu verschaffen, sich durch redliche Arbeit mindestens ihren notdürftigen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich bin sicher, daß ich Ihnen von Herzen spreche, wenn ich behaupte, daß jeder von Ihnen es vorziehen würde, trockenes Brot zu essen, das durch eigene Arbeit verdient als Kuchen anzunehmen als Gabe von Reichen! Ich will daher lieber zu der idealen Seite einer Heimkehr nach Palästina mich wenden, denn ich ziehe es vor, unserem Volke ein Bild vorzuführen, welches uns vorschweben soll voll idealer " Begeisterung und uns eine Aussicht eröffnet auf die Mission, die wir noch erfüllen können in der Lösung großer Probleme. Durch den ganzen Orient geht eine tiefe Bewegung. Man nennt sie Panislamismus, weil die Völker, bei denen sie zum ersten Ausdruck kam, mohammedanisch waren und weil uns die Bewegungen im fernen Osten, die vielleicht diesen ganz genau entsprechen, nicht so nahe sind, daß wir sie aus persönlichem Augenschein beurteilen können. Ohne mich auf politische Fragen einlassen oder die Tragweite dieser Bewegungen ermessen zu wollen, genügt es für mich, darauf hinzuweisen, daß es ein Wiedererwachen des mohammedanischen Geistes ist, ein ins Lebenrufen einer großen und glänzenden literarischen und politischen Vergangenheit, ein Protest gegen die gewaltsame Bevormundung von Seiten der Mächte Europas, gegen die: ökonomische 'Ausbeutung des Orients unter dem Mantel einer

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