Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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14 DIE3qKELT No. 7 ing. Zenaty das freundschaftliche Verhältnis der tschechischen Studentenschaft zur jüdisch-nationalen. Nun präzisierte Herr Oberrabbiner Dr. Levy seine Stellung zum Zionismus. Trotz seiner ablehnenden Haltung würdigte er in ausführlicher Weise dienationalen Bestrebungen der jüdischen Studentenschaft, welchen er ein siegreiches Vordringen wünschte, und schloß mit einem Toast auf die „Veritas". Zloczow. Am 17. v. M. veranstaltete der hiesige Damenverein „Leah" im eigenen Lokale einen Palästina-Abend, auf dem der Delegat des Lemberger Vereins „Juda" einen bis ins kleinste Detail gelungenen Vortrag über Palästina hielt. Derselbe Verein beabsichtigt, nächstens einen zweiten Palästina- Abend zu veranstalten, auf dem voraussichtlich Reichstagsabgeordneter Dr. Heinrich Gabel die Festrede halten wird. Italien Mailand. Allgemein rüstet man zum Parteitag (National- Kongreß), der am 22. und23.Februar in Venedig stattfinden wird. Als erfreulichstes Moment wird er die Gründung einer neuen Ortsgruppe in Turin konstatieren können, die namentlich wegen der hervorragenden Persönlichkeiten, die sich ihr angeschlossen haben, bemerkenswert ist. Es befindet sich darunter Achille Loria, einer der bedeutendsten Volkswirte Italiens. Der Parteileitung wird am Kongreß von den „Zione-Zion" vorgeworfen werden, daß" sie gegen territorialistische Strömungen zu lau ist. Die von Dr. E. Morpurgo geführte Opposition richtet sich aber nicht gegen die Person des Präsidenten Dr. F. Ravenna. In vielen Orten haben sich „Komitees für hebräische Kultur" gebildet welche überall intensiv arbeiten. In der hiesigen großen Ortsgruppe hat der derzeitige Leiter Dr. G. Racah allwöchentlich stattfindende Vortragsabende eingeführt, an denen bedeutende Redner, wie die Universitätsprofessoren Arias (Rom), Vitale (Turin) u. a. sprachen. Auch gemeinschaftliche Ausflüge werden veranstaltet, und am 2. Jänner erscholl von den Bergen am Comosee das „Hatikwah" ins Tal. Zu Purim wollen wir „Doktor Kohn" aufführen. — In allen anderen Ortsgruppen Italiens herrscht ein ähnliches Leben. England Rede gehalten von Dr. Gaster bei dem Massenmeeting in Manchester am Sonntag den 2. Februar 1908, nach dem Schlüsse der Jahreskonferenz der English Zionist Federation Meine Damen und Herren! Ich habe die Ehre, Ihnen folgende Resolution zu unterbreiten, die Sie ohne Zweifel mit Begeisterung aufnehmen werden, und zwar: daß diese Versammlung sich verpflichtet, den Prinzipien des Zionismus, die erstreben, ein rechtlich gesichertes Heim in Palästina für das jüdische Volk zu erreichen, treu zu bleiben und sie nach Kräften zu fördern, und zugleich sich auch verpflichtet, treue Folge den Führern zu leisten. Ich habe die Ehre gehabt, diese einfache und doch in ihrer vollen Bedeutung weittragende Resolution unzählige Male vonzionistischen Plattformen aus Versammlungen zur Annahme zu verbreiten und hoffe es noch viele Ma}e zu tun; denn sie enthält ein Prinzip und einen Entschluß, der für die Schicksale unseres Volkes entscheidend ist. Es ist eine Wahrheit, die da ausgesprochen wird, und man kann nie müde werden, sie zu wiederholen, ja im Gegenteil, je häufiger sie wiederholt wird, destomehr hoffen wir, daß sie in das Fleisch und Blut übergehen und ein Teil des nationalen Bewußtseins und der nationalen Pflicht werden wird, so daß wir von Worten zu Taten werden schreiten können, gestützt auf dieses gestärkte, geläuterte und zielbewußte Pflichtgefühl des nationalen Lebens. Ein Brief ist soeben verlesen worden von Mr. Winston Churchill dem Unterstaatssekretär des Kolonialamts, worin er betont, daß Ostafrika tatsächlich ausgeschlossen von irgendwelcher jüdischen Besiedelung, zu gleicher Zeit aber hinzufü^, daß nur Palästina das einzige Endziel der Aspiration des jüdischen Volkes sein kann. Er bemerkt jedoch ferner, daß er sich nicht anmaßen kann, darüber zu entscheiden, ob die ganze Tätigkeit des jüdischen Volkes sich ausschließlich auf die Erwerbung von Palästina konzentrieren soll, oder ob nicht inzwischen eine Unterkunft gefunden werden könnte, um den Tagesnöten der armen, unglücklichen Juden momentan abzuhelfen. Was Mr. Churchill sich nicht anmaßen konnte, zu beantworten, das erlaube ich mir zu tun. und das, so bin ich überzeugt, werden auch Sie in unzweideutiger Weise tun. Für uns gibt es nur ein Endziel, das Land unserer Väter, Palästina, der einzige Platz in der Welt, wo wir ein wirkliches Heim errichten können, dauernd, fest, solid, allen Stürmen trotzend für uns und unsere Nachkommen. Das ist zur Zeit die Bedeutung der Resolution, die ich die Ehre habe, Ihnen zu unterbreiten. Die Tragweite werden wir noch am besten erkennen, wenn wir sie mit den anderen Bestrebungen vergleichen, die auf der entgegengesetzten Seite der Straße vor kurzem vorgebracht wurden*). -Wir stehen uns eben gegensätzlich gegenüber. Wir arbeiten für Heim und Haus, jene für zeitliche Unterkunft und Zelt; wir arbeiten für die Befreiung vom Ghetto, jene arbeiten für ein „Ghetto auf-Rädern"; wir arbeiten, um unser Volk vom Joche zu befreien, jeneschiffen Leute nach Galveston, d. h. die armen Leute zahlen für ihre Fahrt allein, aber sie werden .von den anderen nach Galveston dirigiert, um dort, wenn, was die amerikanische Presse berichtet, auch nur zum Teil wahr ist, zu »weißen Negern" herabgedrückt zu werden. Die Männer, die den Versprechungen geglaubt haben, daß ihnen dort ein Land der Freiheit und Selbständigkeit winke, wurden in die Urwälder geschickt, um unter der Aufsicht von Negern Bäume zu fällen. .Diese Fronvögte schlugen ihre Untergebenen mörderisch; sie mußten sich flüchten nach dem Norden Amerikas, um dort in Hospitälern ihre Wunden heilen zu lassen. Es ist eine unerhörte Schmach, und zum ersten Male sind Weiße zu Sklaven von Negern herabgedrückt worden. Anstatt nun den. wahren Tatbestand aufzuklären, haben sich die Herren damit begnügt, eine beleidigende Notiz in einer englisch-jüdischen Zeitung, die sich gerne zu solchen Sachen hergibt, einzurücken, und damit haben sie ihr Gewissen beruhigt.'.') Aber nicht unser Gewissen und nicht das Gewissen des jüdischen Volkes. Mit dem Elende unseres armen jüdischen Volkes wird ein frevelhaftes Spiel getrieben von diesen Leuten! Eine Tragikomödie wird aufgeführt, die die traurigsten Folgen nach sich ziehen muß, wenn wir nicht mit aller Macht eintreten, um dem Übel zu steuern, das. Spiel aufzudecken und diese „Bestrebungen" an den Pranger zu stellen. Vor drei Jahren haben wir es schon gehört: „Wir werden das Volk von seinem Elende retten und zwar unverzüglich, denn das leidende, hungernde Volk kann doch nicht solange warten, bis die Zionisten ihr Ziel erreicht haben werden, — und sie werden es nicht erreichen; — und wenn sie es erreichen sollten, so ist doch 'Palästina ein Land, das dem Sultan gehört, wo keine Sicherheit des . Besitzes ist, wo man nichts anlegen, nichts tun. kann durch die türkische Regierung und türkische Verwaltung. Sie aber werden ein Land von der englischen Regierung bekommen, das von Milch und Honig fließt, das unter englischem Schütze steht, wo sie alle Freiheiten und Privilegien genießen und doch einen autonomen Staat haben werden." Man muß das alles wiederholen; denn die Menschen haben ein kurzes Gedächtnis, um zu sehen, wie weit die Versprechungen den- Tatsachen gleichkommen. So wurde vor drei Jahren mit Nachdruck betont: „Die Erlösung ist da, das Heil kommt von uns usw. usw." und so vor zwei Jahren und auf jeder großen Versammlung der Herren. Inzwischen aber begnügten sie sich nicht mit Land unter englischem Schutze allein; sie hatten Land von zwölf Mächten, und die Wahl wurde ihnen schwer. Es, scheint, daß keine dieser Mächte Land besaß, das gut genug war, um den Ansprüchen der Herren zu genügen, und so "wurde eine geographische Kommission in London eingesetzt, um Exkursionen in das Gebiet der Staatenbildung zu unternehmen und um neue Kontinente zu entdecken. Endlich hörten wir die frohe Botschaft: „Land in Sicht!" — hörten und staunten, — im Norden Afrikas, eine höchst wichtige Entdeckung. Aber welche Ironie des Schicksals! Der einzige Strich, der in Betracht kommen kann, —- es sei denn, daß vielleicht die Sahara gemeint ist, wo die Herren ein neues Kaiserreich errichten wollen, — gehört demselben Sultan, dem auch Palästina gehört. Es ist dieselbe Wirtschaft, dieselbe Sicherheit oder Unsicherheit, dieselbe Verwaltung wie in Palästina, nur mit einem Unterschiede, der für uns wesentlich in die Wagschale fällt: Palästina ist das Land unserer Väter und . wird das Land unserer Kinder sein, und darauf haben wir verbriefte Rechte, während Nordafrika in unser Geschick nie eingegriffen hat. Und überhaupt lebt ja das ganze Projekt von Nordafrika nur in der Einbildung dieser Herren, und es wird nur unter die „Masse" geworfen, um ihren Anhängern etwas zu bieten, wenn es auch nur ein geographischer Begriff ist. Es ist höchste Zeit, diesem Treiben ein Ende zu bereiten! Wo ist denn der gesunde Menschenverstand unseres Volkes, wo ist denn der Sinn für das praktisch Reale, wie können vernünftige Menschen an solche Albernheiten glauben? Psychologisch kann ich es mix leicht erklären, wenn Menschen im Ertrinken nach dem Strohhalm greifen, wenn politischer Druck und ökonomisches Elend einen Glauben erzeugt bei den Hungernden und Darbenden, der Berge versetzt und die Sahara in ein Paradies verwandelt Aber diese Armen sind Fieberkranke, die ganz anders behandelt Werden müssen. Wie groß auch das Elend unseres Volkes sei, so gibt es noch kein Grund zur Verzweiflung, und gerade der Zionismus ist der Heiltrunk, den wir den Fiebernden reichen. Wir •j'JIB. Zangwill Territ.-Meeting wurde in dein Saale vis-a-vis abgehalten. **) VgL [hierzu die Berichtigung des Zeatral-EmigrantenTnireaus'der. Ito in Nr. 6 der „Welt". (Anmerk. der RedA