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Die Welt · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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No. 7 : DIE LT 11 glücklichen und Enterbten liebevoll pocht, die das eigennützige Treiben, die geschwollene, bequeme, langweilige und innerlich hohle „Bourgeoisie" haßt, die die Vorurteile der Geburt verabscheut und die Traditionsunterschiede in die alte Rumpelkammer wirft, erblickt in dem emsigen, armseligen, zwischen allen Scyllen und Charybden der Ausnahmegesetze und der sozialen Beschränkungen sich durchkämpfenden Sohne des verfolgten Volkes — ihr Ideal! Es ist wie ein Schmetterling, der einem Blütenstrauch zustrebt. Wunderschön ist dieses Sichverlieben. Kein süßlich-gelüstiges Erträumen und Erzählen von -Gemüt", kein belletristischer Geist, keine eitel-lügenhafte Sentimentalität höherer Töchter. Evangelisch, prinzipiell begründet ist diese Liebe für die Mühseligen und Beladenen, der „verrotteten Gesellschaft" zum Trotz. Der arme Achim erwidert die Liebe des bildschönen und herzensguten Mädchens, aber trotz des stärksten Gefühls und blühender Hoffnung, Karriereaussichten und was dergleichen praktische Erwägungen noch sind, ringt er mit sich schwer und entschließt sich, der Geliebten zu erklären, er könne sie nicht heiraten, um sie nicht ins Unglück zu stürzen, da er als Jude zu den Verfolgten und Verachteten gehört. Natascha ruft in höchster Erregung: „Aber gerade deshalb! Ich bin Christin! Mein Platz ist bei.den Verfolgten und nicht bei den Verfolgern!". Der Anfang war sehr gut und wahr, nur wirkt das christliche Motiv, moralisatorisch vielleicht kraftvoll,' aber künstlerisch — schwer und platt. Diese Mädchen sind wohl Christinnen, vielleicht sind es die einzigen, die den ersten Christinnen so gleichen, jedoch haben. sie das Wissen und den Geist der Neuzeit zu sehr in sich aufgenommen, um das Christentum in dieser Weise hervorzustreichen. Es ist ein greller Mißton — theatralisch, gespreizt. Nikita Nikititsch wird über die lange Studiendauer seiner einzigen Tochter ungeduldig. Auch der Verfasser wurde offenbar ungeduldig, und deshalb füllte er eine beträchtliche Seitenzahl mit einer abgedroschenen Geschichte, wie sie in jeder Erzählung zu finden ist. Die Geschichte vom reichen Bauer, den Nikita als den Bräutigam für seine Tochter ausersehen hat. Herr Verdun verflechtet auch die Begebenheit nicht mit einiger Mühe, um ihre ersten Knoten den Augen der Leser zu entziehen, er operiert offen und einfach: Vater, Tochter, reicher Bräutigam. Plötzlich taucht auch eine Mutter auf, eine ängstliche, bigotte Frau, die sich gegen die Wutausbrüche ihres Herrn nur durch Heiligenbilder schützen kann. Das Nikitasche Haus ist mit Heiligenbildern förmlich ausstaffiert: der Ölgeruch der vor den Bildern hängenden Lampen macht die Luft schwer. Nikita ist Getreidehändler, und haßt er die Juden überhaupt, so ist er noch als Getreidehändler ganz besonders feindselig, da sie die Vermessenheit haben, ihm, dem Russen, auf dem heiligen russischen Boden Konkurrenz zu machen. Er hat nur eine Zärtlichkeit, eine Liebe und eine Furcht: die wunderschöne, die einzige und so freisinnige Tochter. Er hat Angst, ihr seinen Plan mit einem Mal mitzuteilen. Er tut es'vorsichtig, mit Andeutungen und Einleitungen; kaum erfährt aber Natascha, um was es sich handelt, da erklärt sie ihm frei und offen, sie sei mit dem jüdischen Studenten fürs Leben geeint . . Es war. wie ein schweres Geschütz auf Nikita abgefeuert. Der Eindruck war niederschmetternd. Nikita brüllt, wie ein geschlachteter Stier, er wälzt sich in ohnmachtiger, aufschäumender Wut auf dem Boden, zuletzt treibt er aus seinem Hause die liebe, die einzige Tochter. Nikita Nikititsch ist ziemlich gut skizziert. Er ist eine der bestgelungenen Gestalten dieses Romans. (Schluß folgt) oooooooi O O O OOO Ol AUS DER BEWEGUNG Abänderung der Bankstatuten Unter Bezugnahme auf die in Nr. 40 des vorigen Jahrgangs der „Welt" veröffentlichte Bekanntmachung der Herren Lewis und Yglesias in Sachen der Abänderung der Statuten der Jüdischen Kolonialbank ersuchen wir hierdurch die Landsmannschaften wiederholt dringendst, dahin zu wirken, daS eine möglichst groBe Zahl von Aktionären die in der Bekanntmachung aufgeführten Formulare unterzeichne und rechtzeitig, d. h. bis spätestens JBnde Februar, an die Jüdische Kolonialbank einsende. Die -Landsmannschaften mögen die erforderliche Anzahl vonFonnularen von der Jüdischen Kolonialbank beziehen und sie den Aktionären zur Verfügung stellen. Im Interesse einer sorgfältigen Ausfüllung der Formulare und einer zahlreichen Beteiligung der Aktionäre an der vom Gerichte vorgeschriebenen Abstimmung, durch die allein der tatsächliche Wille der Mehrheit bezüglich der Abänderung sich ermitteln laßt, liegt es, wenn die Landesorganisationen selbst die rechtzeitige Ablieferung der unterzeichneten Formulare an die Kolonialbank in die Hand nehmen. Zu diesem Zwecke soll seitens der Landsmannschaften allen Vereinen und allen bekannten Aktionären mitgeteilt werden, daS die Formulare bei der Federation zu haben sind und daß diese dieübermittelung der unterschriebenen an die Bank besorgt Auch soll bei jeder Gelegenheit für eine ausgedehnte Sammlung der Unterschriften der Aktionäre: agitiert *erden- Ziomstisclies Zentr^lburegu Slavonien Zwei Vorträge des Präsidenten Wolffsohn Essegg: Gelegentlich seiner Anwesenheit in hiesiger Stadt hielt der Präsident des A. C„ Herr David Wolffsohn, am 3. Februar einen Vortrag über die Ziele der zionistischen Bewegung. Die „Slavonische Presse" berichtet über diesen Vortrag u. a., wie folgt: Herr David Wolffsohn sprach vorgestern zum erstenmal in Österreich-Ungarn in einer öffentlichen Versammlung, er war dazu noch nie zu bewegen gewesen. Er versicherte, daß er nur deshalb eine Ausnahme mache, weil er in den Verein „Theodor Herzl" große Hoffnungen setze , und von Essegg aus für ganz Kroatien, Slavonien und Bosnien spreche. Und in der Tat waren einige Gesinnungsgenossen aus Bosnien eigens zur Versammlung herbeigeeilt — wobei sie eine Eisenbahnfahrt von 24 Stunden mitmachen mußten —, um. den Präsidenten zu hören. Es waren dies Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. Urbach (D. Tuzla), Albert Alcalay (D. Tuzla), Arpad Weiller (Prijedor) und S. Meworach (Prijedor). Aus der Umgebung Esseggs waren auch Gesinnungsgenossen erschienen, darunter aus Djakovar, Nasice, Susine-Gjurgjenovac, Valpo, Belisce usw. Aus Essegg selbst rekrutierte sich das Gros, des Publikums,, das wieder alle Schichten der jüdischen Bevölkerung Esseggs repräsentierte. Die jüdische Haute Volee war noch nie in so stattlicher Zahl/ ausgerückt wie diesmal \ . . Die Versammlung nahm im allgemeinen

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