Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 '; --• - " D:IE'j§ Mensch: Er ist gewohnt, die Gegensätze zu versöhnen, besitzt ein ruhiges Temperament und läßt den Dingen ihren freien Laiif. Er möchte sich keine Feindesschären auf den Hals hetzen, sowohl im Leben, wie im Denken. Er vermittelt zwischen der Philosophie unddem" Glauben; er verrichtet das Kidduschgebet und ißt dann unbedeckten "Hauptes; er liebt sein Volk, aber daß es Fehler hat, gibt er gerne zu.' Er fügt sich auch in. die fremde und so unangenehme Lage. Er begreift, daß diese"'Lage nicht naturgemäß ist, daß es so nicht jbleiben kann, aber er wartet auf eine gesetzlich notwendige Entwickelung. ' Sein Freund, der Kreishauptmarin, der . einzige gute und brave Mensch im verwilderten Kreise seiner Genossen, sagt ihm beim Tee, die Juden hätten etwas mehr Mut haben sollen. Darauf nickt 'ihm der Kronsrabbiner zu: „Ja, was kann man'verlangen? Es ist eben schon etwas greisenhaft, ,$fe$es'Volk." .,' .In diesem Rabbiner ist das Volk greisenhaft. iEs säuselt lyrisch und vermeidet alles Verletzende, •Kantige, Scharfe. In Rußland gewinnt dieser Typus nicht .einmal die monumentale Plastik eines Denkmals; man geht über ihn zur Tagesordnung über. Die Zeit bedarf der Starkmütigen! Im Rabbinerhause wächst eine junge •Generation heran; der „Gymnasiast" Mischa mit den .schwarzen-Locken, brennenden Augen und mit dem •nationalrussischen blauen Hemde; mit den grobknöchigen, ^lumpwichtigtuerischen„Dembkraten"BorisGeorgewitsch ..und. Wladimir Iwanowitsch sehr befreundet und das ungehqbelte, derb herausfordernde Wesen nachäffend, erzürnt er dje gute, alte „Babele", das Großmütterchen, das ihm den Umgang mit den „Gojim" nicht verzeihen ..kann, aber der Rabbiner sieht weiter. Er beschwört seinen. Sohn, den er so sehr liebt, er möchte ihm nicht das Haar gar zu frühzeitig noch weißer machen . . . Sein älterer Sohn, Achim, dem Vater etwas ähnlich, sitzt ganze Tage über den Büchern, — ein ruhiger , Kabinettsgelehrter mit einem wissenschaftlichen Ideal: der Chirurgie. Zuweilen ist er auch zart und stimmungsvblK reimt und singt und liebt die Natur. Nur erzählt uns dies der Verfasser in einer zu kalten, stahlharten Form, die keine allzugroße Naturfarbenfreudigkeit bei Achim voraussetzen läßt. Achim betrachtet Mischa als einen Don Quichote,. der den Räderlauf der Geschichte beschleunigen will: Mischa betrachtet Achim hingegen als Schanzo-Panzo, als schleichenden, kaltblütigen, herzlösen Büchermenschen, der in einem subjektiven Empfindungskreise verharrend, kein Gefühl für die Regungen der Volksseele hat. —- Wenn du vor Blut Angst hast. — fragt Mischa seinen Bruder, — wie wirst du denn Chirurg werden können? — Sie verlassen beide das Vaterhaus: Achim und Mischa. Der erstere besucht die Universität in Petersburg, der letztere — in. Moskau. Zum Passahfeste kehren beide nach Hause zurück. Da bricht ein Pogrom :mit all seinen Schrecken aus. Die verwilderte Menge " wütet, wie von einem Tollwutanfall betroffen, einen ganzen " Tag lang. ' Sie stürmt an das Rabbinerhaus heran; die christliche Magd, Paraska, die die Rabbiner- /famifie mehr als ihr Leben liebt, wappnet ihre Brust mit einem Heiligenbilde und beschützt das Haus. Die rgüten Demokraten. Boris und Wladimir, die Freunde Mischas, sind nun auch da. E6 ist Zeit, Proklamationen auszuteilen . . Die Polizei, die bis dahin, ganz"versteckt [E LT - t , '; ■ - No. 7 war, tritt plötzlich auf, - wie aus der Erde gewachsen, zerstreut die Menge . . Es handelt sich um die Proklamationen . . Mischa wird nach dem Gefängnis abgeführt. — Das Haupthaar des Rabbiners wird im Laufe dieser Schreckensnacht: noch weißer. Der nervenschwache, kunstvoll ziselierte Optimist kann der herzzerreißenden Trennungsszene zwischen Mutter und Sohn nicht beiwohnen: Während sie sich das Haar aus dem Kopfe reißt und in hysterischen Aufwallungen zu den Füßen der Polizisten zu Böclen stürzt, steht der Rabbiner totenstill und leichenblaß in einem Winkel.' Die Tränen laufen ihm so aus den Augen stromweise, ganz von selbst. Kaum wurde der gute Mann der wohltuenden Kompromisse von den Zangen einer brennenden, radikalen Wirklichkeit erfaßt, brach er erbärmlich zusammen. Ganz anders ist der Eindruck, den das tragische Ereignis auf Achim gemacht hat. Achim ist jung, hat frische Lebensenergie, obwohl er sie nicht, wie man in Rußland sagt: der Gesellschaft, sondern den Büchern widmet. Es wühlt in ihm, es fordert ihn zu einer Tat, — aber er hält sein Prinzip — auch das ist in jedem russischen Satz das dritte Wort — aufrecht. Seine Weltanschauung — wieder sehr gut russisch — ist auf praktischer Besonnenheit, seine Psychologie — natürlich mit dem Akzent auf dem „o"— auf berechtigten Interessen, auf „Persönlichkeit" aufgebaut. Er betrachtet den Fall als Einzelfall, dem Bruder möchte er helfen, ja, sein Leben möchte er für ihn opfern. Während der Rückreise nach Petersburg fühlt er sich aufgeregt und leidend. Er schläft ein und stößt sonderbare Hilferufe im Schlafe aus. - Die Sache wird hier ein bischen melodramatisch; etwas muß doch „passieren", sonst kommen wir nicht vom Flecke, Und siehe! Nikita Nikititsch, ein reicher, einfacher, grobkörniger Russe, der nicht einmal in die Geheimnisse der Kunst des Lesens und des Schreibens eingeweiht ist,, reist in demselben Wagen mit seiner schönen, freisinnigen — nicht deutsch-, sondern russischfreisinnigen — Tochter Natascha, die selbstverständlich Studentin ist. Nikita Nikititsch knüpft mit Achim ein Gespräch an, und kaum beginnt ein Russe, ein Echtrusse sich über etwas zu unterhalten^ so geht's doch einfach nicht, ohne über Juden zu schimpfen. Er ahnt nicht, daß dieser „uniformierte" junge Mann Judesei. Achim mag die Anklagen nicht anhören, aber nichts wäre ungereimter, als etwa nun den Schluß zu ziehen, er wäre national. Nein, er gefiel sich einfach nicht im Hasenfell eines Juden, der sich schimpfen hört und eine Maske aufsetzt, als ob nicht er gemeint wäre. Von einem physischen Ekel überwältigt, erwidert er auf die Schmähungen mit bitterer, beißender Satire. Natascha heilt mit ihren schwarzen Augenstrahlen, ohne ein Wort zu sprechen, die Wunden, die ihr Vater dem wehmütigen Herzen Achims geschlagen hat und Nikita Nikititsch tröstet sich, indem er seinen Mund mit großen Portionen fetter Wurst, die er mit sich führt, stopft. ■ Natascha, — eine der Frühlingsschwalben eines neuen Rußlands! Als Achim eines Tages das Museum in Petersburg — „Eremitage" wollte der Verfasser, sagen — besuchte, da erschien vor ihm Natascha, „mit den schwarzen Augen". Sie bat um Verzeihung für ihren Vater, der ihn so gröblich verletzte . . Noch einige Male begegnet er ihr, einmal hier, einmal dort. Die schöne und gute Studentin, deren Herz für die Beleidigten, Gekränkten und Beschimpften, für die Un-