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Die Welt · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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gewiß nicht zu übersehen und kann in der Zukunft zu beachtenswerten Konsequenzen führen. -Die von Henryk Sienkiewicz veranstaltete Rundfrage über die preußische Polenfrage beantworteten unter anderen Israel Zangwill und Armand Bloch, Grand rabbin von, Belgien. Das Lemberger „Slowo polskie", das das Stanislauer Verbot des »Besuches" von hebräischen Kursen als eine staatsmännische, patriotische Tat preist, bringt die Sympathiekundgebungen hervorragender Juden glossenlos zum Abdruck. In Fünf haus fand die Generalversammlung des „Wiener Bürgervereins J TO" statt. Er brachte es auf 87 Mitglieder und kann mit Stolz behaupten, daß er der einzige Kämpe in Österreich ist. Unter die Huldigungsadresse an Herrn Zangwill setzten alle Anwesenden ihre Unterschrift. Sonntag, den 9. ds. Mts. fand in Wien die konstituierende Versammlung des neugebildeten zionistischen Hochschülerinnenyereines statt. „fiaschaachar" soll sein Name sein. Wir wünschen den wackeren Gründerinnen der vorläufig wohl einzigen akademischen Mädchenorganisation viel Arbeitsfreude und vollen Erfolg. Die Kandidaten der Jüdischen Nationalpartei für den galizischen Landtag sind noch nicht nominiert. Es steht jedoch bereits fest, daß die von. den Reichsratswahlen her populären Kandidaten ihre Wahlbezirke behalten werden. Abg. Stand wird . voraussichtlich in Brody und Tarnopol, Dr. Braude in Lemberg und Stanislau, Dr. Salz in Strij, Dr. Zipper oder Abg. Stand in Drohobycz kandidieren. Auch Kolomea und Buczacz kommen als jüdische Wahlkreise in Betracht Mit den radikalen Ruthenen ist ein Abkommen getroffen worden. FEUILLETON AUS DER FRANZÖSISCHEN BELLETRISTIK von NAHUM SOKOLOW „Die man verachtet___*4*) „Du bist groß," schreibt Anatole France in einer Vorrede dem Verfasser dieser Erzählung, „weil du wahr bist. Die Lektüre dieses Romans preßte mir Tränen aus den Augen." „In dem Durcheinander der Stimmen von rechts und von links erhebt dieser Erzähler die Stimme der nüchternen Besonnenheit, nicht aus Obermut und Händelsucht, aber aus einem inneren Bedürfnis heraus. Er will es nicht einer bestimmten Gruppe recht machen, sondern er will sagen, wie er es weiß und wie er es sieht," — las ich in einer anderen Rezension. Spannungsvoll nahm ich nach diesen Einführungen das Buch in die Hand. „Ein Roman aus dem Leben der Gegenwart in Rußland blitzte es mir aus dem Titelblatt entgegen. Wahrlieh zu viel Fanfaronade für ein gutes Buch. Es wäre tatsächlich, ein Genuß, sich in diese Blätter zu vertiefen, wäre die Bescheidenheit nicht so anspruchsvoll. Eine schroffe, fast brutale Bescheidenheit. Daß es ein Roman aus dem jüdischen Leben ist, verschweigt der Verfasser bescheiden oder — wohlweislich. Das allgemeine Leben in Rußland wird in diesem Buche eigentlich kaum gestreift. „Der Erzähler denkt und fühlt mit dem innersten Nerv des russischen Judentums, — und das ist nach seiner Auffassung gleichbedeutend mit dem innersten Nerv des Gesamtmenschentums." „Nicht um Ideen handelt es sich dabei, sondern um reale, innere Kräfte, um stärkste und fruchtbarste Vermenschlichung, — nichts Erkünsteltes und Geschraubtes." „Die Lage der Juden zeigt .wie ein Thermometer den Stand der allgemeinen Kultur ihrer Umgebung." Es wird einem im Ernst bei all diesen Lobsprüchen -so dumm, als ginge ein Mühlrad im Kopfe herum". Ein denkender Jude würde umsonst eine nährende Basis für sein Empfinden in diesem Buche suchen. Jüdisch — ,und doch wird kein einziges Problem *) Ceux qu'on meprise.. par George Verdun, Paris. intensiven jüdischen Erlebens berührt. Keine Spur der umgestaltend auf den ganzen Organismus des Judentums wirkenden Ideen, kein Widerhall des gewaltigen Ringens eines großen jüdischen Ethos, kein Hauch, von Mystik. Und noch einmal taucht, der Gedanke auf, daß man es mehr mit einem genau berechnenden Erzähler als mit einem Dichter zu tun hat. Er erzählt für ein französisches Publikum, und dieser Gedanke verläßt ihn nicht. Und da kann man nur über das soziale und ökonomische Leben der „Verachteten" erzählen. Und da müssen natürlich Juden und Christen wie Pärlein in Noahs Arche erscheinen. Die Erzählung spielt in einem kleinen Städtchen der Ukraina. Das Naturkolorit ist blaß und verschwommen. Ich spähte nach dem Schatten einer Landschaft, ich lauschte, um den leisesten Laut einer Lokalnote zu erhaschen. Umsonst! Anatole France nennt das wahr. Ob auch er über eine Ukraina so leichtfüßig hinweghuschen würde? Sehr fraglich. Aber eben diesem feinen, gar zu feinen Geschmack kann einmal das Grobkörnige, das Unmittelbare mit einem Zug ins Täppisch-Läppische wohltun. Ich habe jedoch mich des Eindrucks nicht erwehren können, daß letzteres gemacht ist. In einem Krähwinkel der Ukraina lebt ein Kronsrabbiner, namens Gorski. Sein Haus bildet eine Oase in der Mitte einer Wüste von Verarmung, Stumpfsinn, augenverdrehender Frömmelei und hinsiechender Unbe- .holfenheit. Ein Lichtkreis, hell und ruhig, bis endlich auchdort die gärenden Probleme ihren Einzug halten und das Fundament dieses Hauses in allen Fugen zu krachen--beginnt. In diesem Familienkreise, in dem man bis dahin nur das Summen des großen, kochenden Nickel-Samowars und das helle, herzliche Lachen der Söhne und der Töchter gehört hatte, beginnen die Kämpfer der Gegenwart, die Helden der jetzigen Zeitepoche, sich zu rüsten. Man hört den mächtigen Flügelschlag der Geschichte. 1 Der Rabbiner ist ein milder, freundlich lächelnder

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