Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Russischer Brief (Von unserem Spezialkorrespondenten) In leitenden jüdischen Kreisen wird der Gedanke erörtert, eine Denkschrift an die Regierung wegen der so häufig vorkommenden Begnadigungen der Pogromverbrecher zurichten. Die Regierung soll auf die Gefahren dieser Ausbreitung der schützenden Flügel über Mörder und Plünderer aufmerksam gemacht werden. Es verlautet, Herr Stolypin sei mit dieser „Aktion der Barmherzigkeit" gar nicht zufrieden. Die Sache soll durch eine Klique betrieben und ohne Mitwirkung der eigentlichen Regierung durchgeführt werden. Die allerhöchsten Kreise seien sich — heißt es — der möglichen, ernsten Folgen einer mißleiteten - Sentimentalität nicht bewußt. AH diese Nachrichten muß man „mit einem Salzkörnchen" aufnehmen. Ob eine Denkschrift jetzt etwas helfen wird — ist fraglich. Ein solches Vorgehen wäre nach beiden Seiten bedenklich. Den Machthabern gegenüber würde es als ein vermessenes Eingreifen in die Prärogativen der Krone, den freiheitlichen Parteien als ein Betteln bei der Regierung scheinen. Tatsächlich wollen wir weder das eine noch das andere. Es ist auch nicht eine „jüdische Rachsucht"; es läßt uns wahrlich kalt, daß so und so viele Pogromstrolche einer gerechten Bestrafung entgehen. Uns kommt es nur darauf an, neue Pogrome zu vermeiden. Nun, wie sieht es jetzt im Ansiedelungsrayon aus? Die Atmosphäre ist nicht pogromistisch: der Judenhaß geht augenblicklich nicht in die Breite und auch nicht in Gestalt von Lavaergüssen in die Höhe, sondern er dringt in die Tiefe. Wir sind durch den kläglichen Ausfall der Wahlen, durch den Zerfall aller freiheitlichen Organisationen, durch das Überhandnehmen der Polizeiwirtschaft und durch das Hervorholen der alten Beschränkungswaffen aus der Rüstkammer der Gesetzgebung auf ein furchtbar niedriges Niveau heräbgedrückt worden. Es sind vielleicht nicht alle Schikanen und Beschränkungen auf die Initiative der Zentralregierung zurückzuführen. Der jüdische Nationalklub in Warschau wird aufgelöst — aber glaube doch niemand, daß ein jüdisch-assimilatorischer Klub gebildet worden wäre! Der Zionismus wird verpönt — aber man gebe sich doch nicht der Illusion hin, daß ein organisierter Antizionismus toleriert worden wäre! Nein — es ist einfach das „im Zaum halten". Ein jüdisches Gesuch, ein jüdisches Bemühen wegen irgend einer Legalisierung ist von vornherein aussichtslos. Wenn ein Referent, wie üblich, dem Gouverneur über ein jüdisches Gesuch Bericht erstatten, oder wenn ein gewöhnlicher Gouverneur den Generalgouverneur befragt, so liegt schon in dem Ton die sichere Entscheidung. In dieser Beziehung haben die Echtrussen, die uns noch vor zwei Jahren wie ein Häuflein erschienen und die jetzt wie ein schwarzer Schwamm das Reich bedecken, ihr Ziel erreicht. Sie haben eine Stimmung geschaffen, die die ganze Bureaukratie noch tiefer als je, durchdringt Diese Stimmung kommt auch in den meisten Gouverneursberichten, die der Zentralregierung zugeschickt werden, zum Ausdruck. Diese Berichte werden von den Gouverneuren unterzeichnet, aber verfaßt werden sie von den Sekretären und Sekretärgehilfen, die unter dem Einflüsse derjenigen Strömungen stehen, die in den Ämtern und Polizeigebäuden augenblicklich herrschend sind. Petersburger Freunde hatten Gelegenheit manches von diesem Material zu lesen. Purischkewitsch's Hetzreden sind Friedensschalmeien gegen diese Ergüsse . . . Das ist das Rohmaterial, von dem die Gesetze gegen die Juden gebaut werdend Wiener Brief (Von unserm Spezialkorrespondenten) Rücktritt Dr. Schalits Der Präsident des österreichischen Landeskomitees, Dr. Schalit, hat seine Demission gegeben. Es war uns bereits seit einiger Zeit bekannt, daß er entschlosseil war, von der Obmannschaft im zionistischen Landeskomitee für Österreich sowie vom Präsidium des jüdischen Nationalvereins zurückzutreten. Man glaubte jedoch, daß es den Bemühungen seiner zahlreichen Freunde gelingen würde, ihn von diesem Entschlüsse abzubringen. Indessen empfand Dr.. Schalit nach zweijähriger angestrengter Arbeit auf dem gewiß nicht leichten Posten des Führers der österreichischen Zionisten das: Bedürfnis, sich eine Ruhe- und Erholungspause zu gönnen. Diesem begreiflichen Wunsche konnte die Vertrauensmännerversammlung, die am Montag den 3. d. M. tagte, sich nicht verschließen und mußte daher mit lebhaftem Bedauern den Rücktritt Dr. Schalits zur Kenntnis nehmen. Die Nachfolger sind noch nicht gewählt; voraussichtlich wird nämlich die von Dr. Schalit getragene Amtslast jetzt auf zwei Herren verteilt werden müssen. Neben der Leitung der österreichischen Zionistenorganisation, die übrigens durch die Schaffung des Lemberger Zentralkomitees bedeutend entlastet worden ist, handelt es sich um die jüdische Nätionalpartei. Es muß darauf hingewiesen werden, daß nicht zumindest dank der Tätigkeit des Herrn Dr. Schalit die erste politische Organisation des jüdischen Bürgertums Österreichs ins Leben gerufen wurde: Wir hoffen, daß dieses etwas Bleibendes und Dauerndes sein ,wird. Bukowinaer Juden tag Fast in allen Kronländern stehen die Landtagswahlen vor der Tür. Nach Galizien kommt die Bukowina an die Reihe. Die Mitglieder des Jüdischen Klubs entfalten . daher selbstredend' eine erhöhte Tätigkeit Die Bukowinaer Juden scheinen daran zu gehen, eine festgefügte Organisation zu schaffen. Am 26. Januar d. J. fand in Czernowitz ein Parteitag der Jüdischen Nationalpartei in der Bukowina statt. Den Vorsitz führte Abg. Dr. Sträuchen Die politische Situation erfordert einen engeren Zusammenschluß. Die Deutschen des Buchenlandes, ein unbedeutender Bruchteil der Landesbevölkerung, die es den Juden zu verdanken haben, daß in Czernowitz noch eine deutsche Universität besteht und daß sie politisch zur Geltung kommen, steuern offenbar nach dem schützenden Hafen der „führenden deutschen Partei" — der Christlichsozialen. Die „freisinnigen" Rumänen haben ebenfalls parlamentarischen Anschluß an die größte Partei. des Reichsrats gesucht und auch gefunden. Den Juden in der Bukowina steht, wenn alle Anzeichen nicht trügen, ein Kampf um die Beibehaltung der errungenen Positionen bevor. Der stattgehabte Judentag bedeutet den Beginn dieser Abwehrkampagne. Die Landtagswahlreform wird zeigen, ob die Juden Bukowinas für ihr Recht wirksam eintreten können. In der nächsten Nummer des „Jüd. Arbeiter" wird die Tagesordnung des, wie wir bereits berichteten, für den 19—21. April einberufenen Parteitages der Poale-Zion Oesterreichsverlautbart werden. Wir sind schon in der Lage, die Hauptpunkte der Tagesordnung anzugeben. Am Vormittag "des ersten Tages gelangen die Berichte (der Parteiexekutive, des Kassierers, des „Jüd. Arb." und der Kongreßdelegierten) zur Verhandlung. Nachmittag: 1. Proletarische Kolonisationspolitik und unsere Palästinaarbeit. 2. Agrarkolonisation und die zionistischen Institutionen in Palästina. 3. Die Aufgaben des Weltverbandes (der P. Z.). Zweiter Tag. Vormittag: - 4. Das Verhältnis zu anderen Parteien. 5. Das Gemeindeprogramm. Nachmittag: 6. Partei und Gewerkschaft. 7. Organisation (Frauen — und Organisation jug. Arbeiter). Der Vormittag des dritten Tages ist für den Verbandstag der Fachorganisation (Allg. jüd. Arbeiter-Verband Oesterreichs) reserviert. Am Nachmittag gelangt der Punkt: „Innere Kulturarbeit und Parteiverlag" zur Verhandlung. * * * Der Parteitag wird über die Haltung der Jüd. soz. Arb.- Partei Poale-Zion während dergalizischen Landtagswahlen nicht mehr entscheiden können. Im Parteiorgan „Der Jüdische Arbeiter" wird daher eine Diskussion über diesen Punkt geführt. Manche treten für die Unterstützung der Jüd. Nationalpartei ein, andrerseits wird für ein Zusammengehen mit der Sozialdemokratie energisch plaidiert Es ist außer jedem Zweifel, daß die Poale-Zion in jüngster Zeit den Jüdischnationalen mißtrauisch gegenüberstehen und in der „Goluspolitik" ihre eigenen Wege einschlagen. Diese Frontänderung der einzigen jüdischen Arbeiterpartei, die bisher der Nationalpartei freundlich gegenüberstand, ist