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Die Welt · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 7 DIEIqEELT Glossen So «in jüdischer Abgeordneter im preußischen Landtag hat es wahrlich nicht leicht. Bedenkt, um welche Dinge er sich kümmern muß. Katholisch-protestantischer Friedhofsstreit, Simultanschulen und Gott weiß welche wichtigen' und seinem Interesse naheliegenden Fragen ist er natürlich berufen, in erster Linie zu behandeln. Es wäre doch schrecklich, wenn solche Dinge zur Sprache gebracht würden, ohne, daß einer unserer berühmten Sechs sein Licht hätte leuchten lassen. Da ist es natürlich die reinste Nörgelei, zu verlangen, daß sie sich auch noch mit so weit abliegenden Fragen, wie solchen, die das Judentum betreffen, befassen sollen. Abgesehen von der Unannehmlichkeit und der prekären Lage, in die die Herren dadurch in dem so noblen preußischen Parlamente kämen. Und schließlich sind ja zur Behandlung jüdischer Fragen auch noch die Antisemiten da: Es ist schon, peinlich genug, daß man es nicht vermeiden kann, daß ein so christlicher Herr, wie der Abgeordnete Mugdan, einen Rückfall in seine ererbten jüdischen Traditionen nicht vermeiden kann und — - es ist kaum zu glauben — beim Militär-Etat die Zurücksetzung jüdischer Soldaten zur Sprache bringt. Ein Glück für unsere armen jüdischen Abgeordneten war es, daß der Herr Mugdan es noch gnädig machte und sich nur mit einem Satz begnügte. Jedenfalls ist es auf das Dringendste zu wünschen, daß uns Zustände, wie in Österreich, wo jüdische Abgeordnete Angelegenheiten der Juden in stundenlangen Reden vorbringen, noch recht lange erspart bleiben. Was unsere Sechs tun können, um dieses Ziel zu erreichen, wird sicherlich geschehen. Wie leicht hat es dagegen ein preußischer Kriegsminister! Die Wahrheitsliebe, die bekanntlich das erste Erfordernis eines Offiziers sein soll, in allen Ehren. Aber wenn jemand aufsteht und klagt, die Juden würden in der deutschen Armee zurückgesetzt usw., dann leugnet, er das einfach ab. Die Tatsache wird zwar dadurch nicht weniger evident, aber man wird doch so etwas nicht zugeben. Kastengeist der Offiziere? I bewahre! Systematische Zurückzetzung jüdischer Offiziersaspiranten? Aber, beileibe nicht! Die Offiziere wählen sich eben die Reserveoffiziere selbst, und wenn sie nun mal keine Juden wollen, — sehr bedauerlich für diese Armen. Aber von einem System kann keine Rede sein! Und der Herr Kriegsminister darf versichert sein: es findet sich kein Ehrengericht, das ihn der Unwahrheit zeiht. Dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten ist ein bedauerlicher Schnitzer unterlaufen. In einem von ihm veröffentlichten Stellenausschreiben wurde ausdrücklich ein Ingenieur öder Techniker evangelischer Konfession gesucht. ' Natürlich entrüsten sich -die katholischen Kreise, und auch einige liberale Blätter vermögen nicht einzusehen, „was die Ausführung von Stampfbetonarbeiten mit der Konfession zu tun habe, und daß es Pflicht der Regierung sei, staatliche Arbeiten von den Tüchtigsten ausführen zu lassen, mögen sie ihre Gebete in einer katholischen oder einer protestantischen Kirche, in einer Synagoge oder sonstwo verrichten". Ja, das muß wirklich ein noch unerfahrener Beamter gewesen sein, der dieses Inserat verfaßt hat. Sonst hätte er doch wissen müssen, daß es auch so geht und. daß Juden zweifellos. nicht angenommen werden und sich, der Aussichtslosigkeit bewußt, nicht einmal für den Posten melden, auch wenn im Ausschreiben nicht ausdrücklich die evangelische Konfession zur Bedingung gemacht wird. Das nächste Mal wird er es schon besser machen. gewicht zu dem bereits., bestehenden Verband orthodoxer Juden Deutschlands geschaffen werden. Wir von unserm Standpunkt aus können diese Differenzierung der deutschen Juden nach religiösen oder antireligiösen Begriffen nur Tjedauern, um so mehr als in letzter Zeit der Gegensatz immer schärfere Formen angenommen; hat Gerade heute, wo das deutsche Judentum einer wachsenden Hochflut des reaktionärsten Antisemitismus gegenübersteht, die um so schlimmer ist, als sie in ihrem „Bülowbtock"gewand nur von den wenigsten erkannt wird, sollte man meinen, hätten sie Besseres und Wichtigeres zu tun, als ihre religiösen Gegensätze auszutragen. Es herrscht gerade Schwäche und Uneinigkeit -unterden deutschen. Juden genug, und es wäre wirklich hohe Zeit, daß sie endlich einmal an ihre gemeinsamen Aufgaben gingen, deren sie wahrlich genug haben und die, wenn sie nicht bald getan werden, vielleicht für lange Zeit zu tun unmöglich werden wird. Was kann eine solche „Liberale jüdische Vereinigung* bezwecken? Zunächst, darüber darf man sich vollständig klar seih, den, inneren Kampf. Ein Zusammenschluß für die Durchsetzung: freier gottesdienstlicher Formen, Erziehung der Jugend <nach modernen Grundsätzen, für die Beseitigung „veralteter" Traditioneil und Gewohnheiten usw. Die religiöse Seite der Frage möchten wir hier nicht berühren, wenn es heute auch zweifellos durch die. Tatsachen erwiesen ist, was jeder Einsichtige vorher wissen mußte, daß die berühmte Reform in religiöser Hinsicht schweren Schrfji: bruch erlitten und, daß bei ihr, was sie auch immer ihren Anhängern, gegeben haben mag, von Religion kaum, mehr die Rede sein; kann,; Sie hat es zwar gut verstanden, die Jugend den alten Idealen-abtrünnig zu machen; das, was sie aber dafür gegeben hat .ist .mit dem Worte: „Plattheit" jedenfalls zu günstig bezeichnet.. T5fne rentsetzlichere und abscheulichere Verflachung aller : Kultur .als .in dem überwiegenden Gros der heutigen deutsch-jüdischen Jugend ist kaum mehr zu denken; und es kann kein Zweifel sehi;"-daß:;äer absolute Mangel jeder guten jüdischen Tradition, in dem sie, ...öberi infolge der „Reform", aufgewachsen ist, und für die ihr die „Reform" nichts zu geben verstanden hat als: seichten Schwindelhaber; ''die Hauptschuld daran trägt. Das einzige, was diese Jugend " zum großen Teile vom Judentum weiß, ist eine blöde und lächerliche Verabscheuung aller Überlieferungen, nicht etwa aus logischen öder sentimentalen Gründen, sondern lediglich als Folge ihrer Bequemlichkeit und notabene geistigen Unerzogenheit und Unwissenheit Der gute Wille und die edle Absicht der Initiatoren des liberalen Judentums in Ehren, der augenblickliche Kulturstand der deutschen Juden, der. sich doch in erster Linie auf dem „Liberalismus" aufr baut, ist von einer beklagenswerten Tiefe. Und wenn nun, um diese Arbeit fortzuführen, eine Vereinigung gebildet wird, die ganz Deutschland mit dem Segen ihrer Tätigkeit beglücken soll, können wir nur mit Mißtrauen diesem Beginnen gegenüberstehen. < Wir haben um so mehr Ursache dazu, als die politische Betätigung des liberalen deutschen Judentums in allererster Linie verantwortlich gemacht werden muß, nicht nur für die. böse Lage der deutschen Juden; sondern auch für die beschämende Tatsache, daß die große Masse-der deutschen-Juden für die entwürdigende Lage, in der sie sich befindet, gar kein oder nur geringes Verständnis hat. Und zum Schlüsse wollen wir auch nicht vergessen, daß der geistige Urheber, des ganzen Planes Herr Rabbiner Dr. Vogel-: stein ist, jene Leuchte des Liberalismus, die: ihren Freisinn so weit treibt, daß sie Denk- und Redefreiheit der deutschen Juden abgeschafft wissen will, sofern ' es sich um Nictitiiberale öder gär um-Zionisten handelt. J,B-. Wie die „Allgemeine Zeitung des Judentums" mitteilt, ist die Begründung einer großen, ganz Deutschland umfassenden „Liberalen jüdischen Vereinigung" gesichert. Damit soll offenbar ein Gegen-

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