Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316304--50287-3377277- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
brauch narkotisierender Aufregungen herbeiführt, nämlich : die Dosis müßte crescendo vergrößert werden. Die Hand aufs Herz: Vermöchte ein Kischinew jetzt denselben Entrüstungsschrei und dieselbe Spendekraft wie früher hervorzurufen? So weh es uns tut, müssen wir diese Frage mit einem entschiedenen . „Nein!" beantworten. Das ist das. Tiefbetrübende in unserer Lage.. Der Angriff dauert fort, wenn nicht im wilden, flammenhaften Emporschießen, wenn nichtJn einmaligen Improvisationen, so doch in einer maulwurfsartigen, zerstörenden und systematischen Arbeit auf krausverschlungenen Pfaden der Beschränkungen und der Echtrussenagitation. Eine gesammelte, vernünftige, sensitive jüdische öffentliche Meinung sollte eigentlich auf die Gefahren der letzten Methode stärker reagieren als auf die Gefahren der Plötzlichkeiten. Aber eine jüdische öffentliche Meinung muß erst geschaffen werden. Das jüdische Seelenleben, die Gewalt des allgemeinjüdischen Volksbewußtseins — sie dürfen nicht nur in den fieberhaften Aufwallungen strahlen, die außergewöhnliche Ünheilbotschaften hervorrufen. Nicht nur das Überspannte und Verstiegene, nicht nur das Melodramatische, vielmehr das Dramatische, das Gewöhnliche, ja, leider das schon so. gewöhnlich Gewordene soll auf die Nerven eines Volkes mit aller Macht einwirken. Aber damit dies letztere eintrete, muß das Volk. ein gesundes, einheitliches Nervensystem haben. Nach zwei Richtungen müßten diese Eindrücke mit zwingender Gewalt wirken: Nach der Richtung der größtmöglichen Selbsthilfe unter den obwaltenden Umständen, jetzt, soweit es geht, mit dem Aufgebot der größten Anstrengungen, nicht nur mit Rachmonuthmotiven, die leider im Laufe der Zeit abgenützt und fadenscheinig werden, sondern mit dem feurigen Pulsschlag volkstümlicher Zusammengehörigkeit — - und nach der Richtung der Zukunft, des Abschlusses des langen, wechselvollen aber zwecklosen, tragischen Vagabundentums, nach der Fazitziehung der Wanderungsrechnung, nach dem mit hellsehend radikaler Deutlichkeit gesteckten Ziele des Zionismus! Nicht anklagen, sondern beklagen wollen wir, daß viele hier immer noch nicht das Zusammenhängende und das Folgerichtige einsehen wollen. Viele stecken in der Gegenwart, wie in einem Nessushemde, das sie nicht abzustreifen vermögen, — von einer übertriebenen Empfindlichkeit für die „letzten Depeschen", setzen sie sie sich über die Tafeln der Geschichte mit einem überlegenen Lächeln hinweg. Das ist der Gesichtskreis von Eintagsfliegen. Andere verfallen in das entgegengesetzte Extrem. Sie forschen nur die Ereignisse. und die Lehren der längstverschwundenen Zeiten und versenken, sich ganz in eine geistige Antikentrödlerei, Die zionistische Judentumsanschauung ist weder ephemer noch antediluvianisch, weder kinematographisch noch prophetisch ä la Nostradamus-Bellamy. Es ist die Politik eines lebenden Volkes. Man kann über die Gegenwart nicht hinweghuschen, man muß' sehen, wie man sich verteidigen kann; man muß mit einem nie erschlaffenden Triebe der Selbsterhaltung, mit dem Minimum des Aufgebens seiner Eigenart das Maximum der Existenz zu verteidigen suchen, ' natürlich durch ehrliche Kraftanstrengung, durch einen edlen Wetteifer und Anspannung der moralischen und geistigen Kräfte. Es ist ein ungleicher Kampf, der geführt werden muß, aber die Erfahrung und die Voraussicht heischen für' die Lebensenergie unseres Volkstums eine Stätte selbständiger' und fruchtbarer Betätigung, als das nieendende Aufgeriebenwerden unter den Konflikten und : Widerständen. Das ist Zionismus. Man braucht nicht Zionist jzu sein, um sich für ' den bedrängten, größten Teil des. jüdischen Volkes zu interessieren. Wohl kerbte die Not der russischen Juden Sorgenfalten auch in die Stirn der Leiter des . Deutsch-jüdischen Hilfsvereins, der Ica? der Alliance und dergleichen. Aber die Zioriisten haben bei all, diesen Protest- und Spendenbewegungen eine ganz besondere Rolle gespielt. Sie waren iriicht die größten,* wenn sie auch nicht die allerletzten Spender waren. Aber sie waren die Gärungserreger; sie hatten den Mut, die Kreise, die im Bahne einer assimilatorischen . Hypnose gleichgültig geworden sind, aufzurütteln. Das muß auch jetzt geschehen, gerade jetzt, während die dunkle Macht der .Verärgertheit und des Überdrusses' die großen Volkskreise in den Indifferentismus zurücktreibt. Man will über das. Judenleid keine Reden mehr hören, keine Aufsätze mehr lesen — es ist langweilig geworden! Also Nervenreize waren es, faszinierende Sensationen, — und nun ist es vorüber? Nein, man müßte, den Ernst jüdischer Begeisterung zu niedrig ' einschätzen, um den Glauben an der Möglichkeit einer solch oberflächlichen und flatterhaften Gesinnung aufkommen zu lassen. Es sind nur äußerliche, vorübergehende Trägheitsstimmungen, und wieder ist es Pflicht^ zum Zentrum der jüdischen Volksseele zu dringen. Das Bild des Judenleids, immer gegenwärtig haltend das, Verständnis für dieses Leid zu' vertiefen, die Empfindlichkeit des jüdischen Volkes gegen das alltäglich gewordene Elendzu steigern, den Unmut Und das Müdewerden zu überwinden, — das ist die Aufgabe der Juden, die so intensiv jüdisch sind, daß sie dem zionistischen Ideal huldigen. N. S. Antisemitismus und Nationaljudentum Ein arischer Beitrag zur Lösung der Judenfrage von Camilla Theimer*) In einem kurzen Vorwort begründet die Verfasserin das Recht des Ariers, sich über die Judenfrage zu äußern, selbst wenn diese Meinungsäußerung nur von einer Frau herrührt. „Nur von einer Frau", '— man begegnet diesem bescheidenen Selbstverzicht auf die Gleichberechtigung und Anerkennung der Vollwertigkeit. der Frau nicht mehr oft in den mit Druckerschwärze überzogenen Blättern, die die Welt bedeuten. Und noch ehe wir die Schrift selbst - weiter gelesen haben, fällt uns ein, daß. im besonderen Falle, — von allen Frauen-Emanzipationsideen abgesehen, — die Wendung mit viel mehr Berechtigung hätte lauten dürfen: „Gerade, weil eine Frau es ist, die ihre Meinung äußert." Vielleicht ist es nur eine oberflächliche Beurteilung, — aber es will was scheinen, daß die Frauen in der Judenfrage viel objektiver, warmherziger,- menschlicher urteilen und handeln als die Männer. Von dichtenden und schreibenden Frauen zumal körinte man ohne große Mühe im Augenblick eine ganze Reihe nennen, die mit einer Wärme, die wir sonst nicht *)• Im Selbstverlage der Verfasserin, Wien, Josefstädterstraße 23.