Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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•^"sESsesa^sg^^^ if ~ ">R1 t *F . f DIE fflE LT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING ERSCHEINT UEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, H. Februar 1908 p-nrr? zhm't* TiN s""1 No. 7. ZUR KLÄRUNG DER LAGE 1. Im Laufe des dunklen Zwischenaktes des welthistorischen Dramas, das sich in Rußland abspielt, geschieht so manches Sonderbare, Ergrübelte und nicht zur Reife.Gediehene! Streng und arg, wie es vor dem Erwachen war, hatten die Dinge doch ein gewisses Gleichgewicht und Ebenmaß: das Gleichgewicht und das Ebenmaß einer klaren Rückständigkeit. Nachdem diese erstarrte Kruste gesprengt worden, weiß man überhaupt nicht, woran man ist. Die ausschlaggebende Partei, die sich „Oktobristen" nennt, will nichts von gründlichen Umgestaltungen hören; will sie nur das Oktober-Manifest verwirklichen? Einverstanden! Eine, richtige Ausführung des Oktober-Manifestes wäre ein Ziel, aufs innigste zu wünschen. „Man braucht nicht mit Pauken und Trompeten all das anzukündigen, was der Entwicklungsprozeß notwendigerweise mit sich bringen wird" (Meyendorff). Auch gut! „Man kann nicht alle Reformen im Laufe eines Tages durchführen.; sie müssen der Reihe nach durchgeführt werden* (Chomjakow). Ebenfalls ganz einverstanden! Wir glauben kaum, irgendjemand habe diese Herkulesarbeit als das Werk eines Tages betrachtet. Aber parallel mit der Erörterung der Vexierfrage: gemäßigt oder extrem — treten Tatsachen in die Erscheinung, die wie ein Hohn diesem Parteikampfe entgegenstehen. i Diese Tatsachen, sofern sie auf dem Gebiete des allgemeinen russischen Lebens auftreten, gehen uns hier nicht an. Aber die Tatsachen auf dem Gebiete jüdischen Lebens gehen uns sehr hart an den Leib. Auf die unglückliche, von selbstquälerischer Unbeholfenheit in sich zusammengesunkene und schwerbeladene Masse des Ansiedlungsrayons wälzt jede neue beschränkende Vorschrift, jedes nichtssagende, vielsagende Zirkular, das die alten Beschränkungen angeblich nur wegen mnemonischer Nachhilfe in Erinnerung bringt, eine neue, niederschmetternde Bürde. Ein Wachstum des Elends, ein Sturmpeitschen der . gewaltigen Auswanderungswelle. In der letzten Nummer des „Razswiet" spricht der Redakteur dieses Blattes mit der ihm eigenen tiefen Schärfe einen Gedanken aus, den jeder von uns nebelhaft schon lange ahnte. „Man redet so viel über die Austreibungen der Juden aus England, Frankreich, Spanien, Portugal — während des Mittelalters, und man sieht nicht, daß in unserer Zeit eine Austreibung der Juden aus Rußland und Rumänien vor sich geht; Sie wird nur mit anderen Mitteln betrieben und dauert etwas länger." Historisch müßte man diesen Gedanken noch dahin ergänzen, daß auch die mittelalterlichen Austreibungen die Schlußszenen, sozusagen die Knalleffekte eines langen Hinausdrängens und Hinausekeins waren. So begannen die Juden aus Spanien schon am Beginn des XV. Jahrhunderts auszuwandern; „Vorhang" klang es erst 1492. Also eine Austreibung in karg bemessenen Stößen, von denen jeder eine gewisse Gruppe Juden hinausdrängt oder auf der abschüssigen Bahn des heimischen Elends hinunterschiebt. Es ist schwer, zu sagen, welches Obel das größere ist. Für die Erhaltung der Judenschaft mit ihren im Ghetto aufgesammelten seelischen Race-Spannkräften ist ersteres, während für den Augenblicksbedarf und den Notstand letzteres größere Gefahren in sich birgt. Wir können auch gar nicht wählen, da hier ganz andere, außerhalb unserer Einflußsphäre stehende Verhältnisse und Faktoren den Ausschlag geben. Die Krise in Amerika hemmt die Auswanderung ganz bedeutend: anstatt 150—200 000, die im Laufe dieses Jahres Rußland verlassen würden, werden' wahrscheinlich nur 60—70 000 Rußland verlassen, die übrigen 80—90 000 bleiben in der Klemme. Sie können ihr Elend nicht durch die Welt schleppen und können den Jammer nicht nach der Fröbelschen Methode anschaulich machen. Sie sind aber bedauernswerter als die wandernden. Die Stürme und die Windstillen, die. Ehbe: und Flut der Pogrome sind nur Sinnestäuschungen. Ein Prozeß totaler, unerbittlicher Zerstörung schreitet vorwärts. Wenn man, wie ein Sonntagspublikum eines kleinen Marktfleckens, faustdicke melodramatische Effekte auf der lärmenden Bühne der Schmiere, jeden Tag einen Pogrom, nicht unter 50 Toten und 500 Verwundeten, wennmöglich mit Vergewaltigungen und Nägeleintreiben in die Schädel u. dgl. nötig hat, um entrüstet zu werden, Protest zu erheben und helfend herbeizueilen, so leidet man an der progressiven Abstumpfung, die der Miß- 1*