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Die Welt · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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k-ennejn, mit einer liebevollen Gerechtigkeit (die Gerechtigkeit de* Männer ist nur zu oft Toleranz oder Großmut roder lo^sches Sitthchkeitsprinzip!) das jüdische Schicksal umfangen, vorjüdischer Größe in reiner Bewunderung sich beugen und für jüdisches Weh mit freigebigen Händen milden Trost bringen... Vielleicht ist es ein psychpl.pgis.ches. Moment, das solches bewirkt, die feinere Gefühlsfepnstitu.tion, dieMütterlichkeit, vielleicht aber spielt auch ein soziales Moment mit, die relative Enträcktbeit der Frau vom wirtschaftlichen Kampf ums Dasein, vom politischen und Parteigetriebe, die alle rastlos Elemente des Judenhasses, zumindest Gereiztheiten und Vorurteile produzieren... Allein, wie gesagt, das ist nur eine oberflächliche Beobachtung auf: dem Gebiete „Die Arierin und die Judenfrage", aber wie uns scheint, keine irrige. Sicherlich, — die Sache ist weiterer, feinerer und tiefgehenderer Betrachtung durch psychologisch Geschulte wert. Die Schrift Camilla Theimers würde jedenfalls ein guter Ausgangspunkt für solche Untersuchung sein. Es ist schon lange nicht von christlicher Seite eine derart vom Gefühle der Ehrlichkeit, der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit getragene Meinungsäußerung der Öffentlichkeit vorgelegt worden. Es ist weder eine Anklageschrift gegen die Christen, obwohl es an gerechtenVorwürfenmcht m oder tendenziöse Schrift zum Ruhme Israels. Obwohl Sympathie und mitfühlendes Interesse für die Juden als Grundton durchklingen, werden unsere Schwächen unzweideutig aufgedeckt, und vor allem wird den Lächerlichkeiten und Kläglichkeiten der Assimilation ein Spiegel vorgehalten, der alles, nur nicht ein Schmeichler ist. Aber' die Verfasserin übersieht durchaus nicht, daß es im allgemeinen an Kritik der Juden —r an manchmal gerechter und zumeist ungerechter — im europäischen Schrifttum nicht gerade mangelt; darum ist ihr direktes Ziel die Aufrüttelung des christlichen Gewissens. Ebenso einfach wie verständnistief, ebenso kühn wie schön ist das eine ungeheure Tragik in einem Satze erschöpfende Motto, das sie ihrer Schrift vorangesetzt hat: „Das größte Verbrechen, das die arischen. Völker an den Juden begangen haben, ist, daß sie ihnen niemals das erste und oberste Menschenrecht, das Recht auf Wahrheit, gewährt haben." Und diese scharfe Prägnanz, die Verworrenes, durch Lug und Trug Kompliziertes auf eine einfache kurze Formel der Wahrhaftigkeit zurückführt, findet man oft und oft in dieser kleinen Schrift, die auf. 50 Seiten eine überraschende Fülle tatsächlichen Materials verarbeitet. In dieser Hinsicht verleugnet sie bei aller Selbständigkeit in Stil und Inhalt doch nirgends den Meister, bei dem sie in die Schule gegangen, Theodor Herzl, von dem sie übrigens auch manches eigenartig und glücklich geprägte Wort in ihre Darstellung mitverflochten hat. Auch sonst ist natürlich Camilla Theimer von der zionistischen Literatur nicht unbeeinflußt geblieben; es hieße aber ihr Unrecht tun, wollte man nicht feststellen, daß viele Urteile unzweifelhaft ihrer eigenen. scharfen Beobachtung ihre Entstehung danken und daß sie auch von andern bereits gewonnene Urteile zu sondieren und mit ihrem persönlichen Stempel 'zu versehen weiß. Allerdings darf man bei all diesem wohlverdienten Lobe nicht verschweigen, daß das Beobachtuhgsfeld der Verfasserin auf manchem Gebiete ein eingeengteres ist. Ihr Beobachtungsobjekt ist meist der Großstadtjude, der Wiener Jude insbesondere, — das heißt ein recht beträchtlicher Teil der Judenheit ist ihrem Blick entrückt. Aber nicht nur kann man sagen, daß ihre psychologische Analyse des Wiener Juden mutatis mutandis auf den Berliner, Pariser, Londoner, New-Yorker, ja Warschauer und Petersburger Juden zutrifft, — sie hat auch eine intuitive Fähigkeit, aus der Entfernung die Gesamtsituation und die Bedürfnisse der jüdischen Masse richtig abzuschätzen. Und wenn dabei manche Feststellungen den Fehler genereller Urteile*) tragen, wo nur Gruppenurteile berechtigt wären, so wird dieser Fehler aufgewogen durch die Abrundung und Geschlossenheit, die die Darstellung dadurch erhält. Und so erhalten wir denn eine treffliche Charakterisierung der Pseudo-Emanzipation, der Pseudo¬ Assimilation, der falschen Problemstellung, durch die die Judenfrage im abgelaufenen Jahrhundert vollständig verschoben worden war, und endlich eine Begründung des Zionismus als der einzigen Antwort auf die Judenfrage. Daß diese Begründung hauptsächlich sich auf eine „Negation des Bestehenden", des Antisemitismus und der Assimilation, stützt und das positiv-nationale Moment im Judentum nur nebenher heranzieht, ist vom Standpunkt der christlichen Betrachterin jüdischer Dinge unschwerverständlich. In feiner Form schließt die Schrift ähnlich dem Herzischen „Judenstaat" : „Ich träume einen schönen Traum. Von Burg Zion flattert die jüdisch-nationale Fahne. Es .ist eine.Fahne der Freiheit und des Fortschritts. Der Jude bebaut wieder seinen eigenen Grund: und Boden, seine angestammte Mütter Erde. Seih krummer Rücken ist gerade geworden. Aufrechten Hauptes schreitet er einher. Er ist wieder selbstbewußt geworden und hat auch allen Grund dazu. Er tritt niemand zu nahe und duldet auch nicht, daß ihm jemand zu nahe trete. Er pendelt nicht mehr zwischen zwei Kulturen hin und her, sondern ist wieder wurzelecht vom Scheitel bis zur Sohle..." Schöner träumen müssen auch wir unsern Traum nicht... Und so bleibt uns zum Schlüsse nach allem gerechten Lobe noch der Wunsch übrig, daß die gute Schrift in viele Hände komme, Vorurteile zerstörend und Klärung bringend. Es ist eine der besten zionistischen Agitationsschriften, die wir Camilla Theimer zu danken haben. Criticus Brief aus üalizien (Von unserem Korrespondenten) Zionisten und Landtagswahlen An den bevorstehenden Wahlen 2um galizischen Landtag wird auch die National-jüdische Partei regen Anteil nehmen. Eine Vertrauensmännerkonferenz, die in den letzten Tagen des vorigen. Monats unter dem Vorsitz des Dr. Brau de in Lemberg stattfand, kam nach langen Beratungen zum Beschluß, daß in mehreren Wafifc. kreisen national-jüdische -Kandidaten aufgestellt werden sollen. -Obgleich die geltende Wahlordnung, die auf ein Kuriensystem' und öffentliche Stimmabgabe aufgebaut ist, unserer Partei nicht die Hoff- *) Z. B._ Ober die Judenpresse oder die Juden in der-Gesell-. schaft usw.

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