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Die Welt · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nachdem Hunderte von Menschen, erwiesenermaßen Hunderte, denn tatsächlich waren es noch mehr, gemordet und geplündert haben, werden jetzt kaum einige zu nicht nennenswerten Gefängnisstrafen verurteilt und sollen noch der Begnadigung, vielleicht auch einer Ordensverleihung empfohlen werden. Ja, wenn der russische Mob'keine Pogrome mehr machen soll, so wird es nicht der Kiewer Justiz zu verdanken sein. Diese hat alles getan, um zu neuen Pogromen anzueifenu Pariser Brief (Von unserem Spezialkorrespondenten) Organisierung der Poale-Zion Unter den Poale-Zion hier regt sich das Bestreben zu einer Neuorganisierung ihrer zerstreuten und zersplitterten Elemente. Es haben auch schon zu diesem Zwecke einige Besprechungen stattgefunden, die zwar noch zu keinem positiven Resultat führten, jedoch eine gewisse Wiedervereinigung der auseinander geratenen Kräfte anbahnen. Die Aufgabe, eine pöale-zionistische Organisation in Paris aufrecht zu erhalten, ist mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden. Die wirklichen Arbeiter leben in Not und kämpfen schwer um das tägliche 3rot Die meisten stehen unter dem Einflüsse allgemeiner sozialistischer Theorien, wenige, .die auch einem jüdischen Idealismus huldigen und einen inneren Drang empfinden, im Poale-Zionismus eine Verbindung ihrer Klassenkampfsbegriffe mit ihrem national-palästinensischen Aspirationen herbeizuführen, sind hierund da noch vorhanden, aber sie sind winzig und schwach. Die Betätigung besteht leider nur im Diskutieren. Daß es wünschenswert wäre, ein tüchtiges jüdisches Arbeiterelement im Zionismus zu organisieren, ist selbstverständlich. Aber das könnte nur eine internationale Föderation zustande bringen. So ist auch die Anregung zu einer Organisation der hiesigen Poale- Zionisten von auswärts - und durch neu eingewanderte Redner gegeben worden. Ob die Samenkörner diesmal auf einen ergiebigeren Boden, als bisher, fallen werden, wird die Zukunft zeigen. Die Zöglinge der Ackerbauschule „Mikveh-Israel* Es verlautet in den Alliancekreisen, daß die Verwendung der Mikveh-Israel-Zöglinge in Kanada sehr günstige Resultate ergeben hat. Man beabsichtigt fernerhin, junge Leute, die den Kursus in Mikveh absolviert haben, als Instrukteure nach den kanadischen Kolonien zu senden. Diese etwas eigentümliche Verpflanzung von Palästina-Zöglingen nach Kanada wird mit Vorliebe durch den Umstand motiviert, daß die palästinensischen Kolonisten ihre eigene Kinder oder veingewanderte Russen" beschäftigen. Es soll also in Palästina kein Betätigungsfeld für diese Zöglinge vorhanden sein. Letztere pflegten meistenteils nach Ägypten zu gehen, aber nun heißt es, daß die Gutsbesitzer in Ägypten die eingeborenen muselmännischen Instrukteure aus dem Grunde bevorzugen, weil diese strenger die Fellachen behandeln und besser ihre Arbeitskräfte ausnutzen. Man müßte also ein neues Gebiet für diese Kräfte suchen, und da bot sich Kanada als ein sehr entsprechendes Feld dar. Es fragt Sich bloß, inwiefern es praktisch -und den Intentionen der Begründer der „Mikveh-Israel" entsprechend ist, in Palästina für Kanada Instrukteure heranzubilden. Ist ein solches Erziehungssystem nicht schon gar zu sehr „weltumspannend"? Nach dem Abschluß des' vorigen Schuljahres sind, wie ich höre, 8 Zöglinge -zu ihren Eltern, die in Palästina leben, zurückgekehrt, und nur 7 sind nach dem Auslande -gereist Gehören die „Känadagänger" zu der ersten oder zu der letzten Kategorie, — darüber werde ich, nach Einholung genauerer Auskünfte, noch berichten. „Der heilige Krieg wird organisierta Der Marokkodusel schreitet vorwärts. Eine possierliche Illustration zu meinen vorwöchentlichen Ausführungen lieferten die letzten Debatten, in deren Laufe nur ein einziges Mal die Juden erwähnt worden sind. Einer der Redner erzählte, Mulai Hafid denke daran, die Franzosen, respektive die Christen, nach Muster der Juden in Mellahs {Ghettos) zu stecken. Dies wurde nur als Bild, das die Grausamkeit Hafids bezeichnen soll, angeführt. Der Sinn - war folgender: daß man die Juden in Mellahs sperrt, ist ja natürlich, aber nun denkt der verruchte-Hafid, — im Gegensatz zu dem edlen Aziz, — die Franzosen auch so zu behandeln. Das ist zu stark. -Auf die Sperrung der Juden in den Mellahs reagiert die französische Kammer nicht im geringsten. Nicht einmalder gute Jaures! Jetzt heißt es, MulaT Hafid verlange ungeheuere Geldsummen von den Juden in. Marakesch, etwa den dritten feil des Wertes der Häuser, die sie sich außerhalb der Mellah-UmwaUung erbaut hatten. Vor 10—12 Jahren haben die Juden in Marakesch auf dem Gnadenwege (der durch überzeugend klingende Mittel gebahnt worden ist) die Erlaubnis bekommen, sich wegen der erstickenden Enge der Mellah in einem neuen 'Teile der Stadt anzubauen. Da aber Hafid jetzt Geld nötig hat und die französischen Franken nur dem. Aziz zufließen, so sollen die Juden den dritten Teil des Wertes ihrer Häuser ihm darbringen. Leichter gefordert als getan; denn die Juden müßten in diesem Falle ihre Häuser verkaufen, was jetzt ganz unmöglich ist. Ob Aziz oder Hafid, — auf alle Fälle werden die Juden die Kriegskosten tragen. Der azizische außerordentliche Gesandte El Mokri soll schon bei jüdischen Bankiers diniert haben. Indessen erweitert sich der „Schutz der Häfen". Er reicht schon bis nach Tamagrut und Abnon. Die chaotischen Verhältnisse verwirren sich von Tag zu Tag mehr. Der Ch6rif Kittani arbeitet mit apokryphen Befehlen der sich versteckenden Sultane. Die intrigierenden SeTdas sind schon in Erscheinung getreten. In Sfru ist die Lage sehr ernst, die Stämme der Altjussi sind in einer Gärung begriffen; Mazagan ist unsicher, der KaTd ben . Khö-dra nimmt eine bedrohliche Stellung ein. Das Gesamtbild "der Operationen der Franzosen stellt sich als ein in aller Form eröffneter Krieg gegen MulaT Hafid dar, — und das trotz der Friedensversicherungen Pichons. Ein „Krieg im Frieden!" Delcass£, der Bürger-Botschafter, die russische Botschaft und die „ Archives Israelites" Es hat doch sein Gutes, daß es Delcasse nicht gelungen ist, die Kammer zu überrumpeln. Wenn die Politik auch ohne Delcasse demoralisiert, d. h. auf ein t'iefes Niveau „staatlicher Interessen" herabgedrückt worden ist, so würde Herr Delcasse, als ein wichtigtuerischer Geheimniskrämer, Fremdenhässer und . superkluger Ententemakler, sie noch tiefer herabdrücken. Auch ein'Clemenceau oder ein Pichon wird sich um die verfolgten Juden wenig kümmern; auch sie werden gewisse Alliancen hochhalten, aber so im Staube kriechen wie ein Delcasse. können sie doch nicht. Bemerkenswert ist der Konflikt wegen des jetzigen französischen Botschafters in Petersburg, Herrn Bompard. Im Gegensatz zum früheren Botschafter, den Grafen Montebello, ist Herr Bompard ein schlichter Bürgermensch, vom Schlage Combes-Loubet, ein grobkörniger Republikaner, nicht ohne Sympathien für die russische Freiheitsbewegung, die er. trotz der strengsten diplomatischen Reserve kaum verbergen konnte. Daß ein Meschtscherski vom „Grashdanin" gegen ihn so leidenschaftlich loszieht, ist nur ein Beweis der ehrlichen Gesinnuug Bompards. Er wird auch bezüglich der Judenfrage seine Mißbilligung über die Reaktion geäußert haben. Inde ira. .. Die Abberufung des Bürger-Botschafters wird energisch verlangt aber Clemenceau zögert. Er soll sogar d|e Bedingung gestellt haben, Iswolski, der russische Minister des Äußern, möge auch abgesetzt werden. Es verlautet aber von anderer Seite, Iswolski soll selbst einen Rücktritt anstreben, weil er, der Einzige im Ministerium, mit dem Regime nicht einverstanden sein soll. Wer kann sich da zurechtfinden? Nun hat die russisch-französische Allianz einen komischen Knax bekommen. Seit vielen Jähren war die russische Botschaft in Paris auf die „Archives Israelites", ein gutes, frommes, französisch- Jüdisches Wochenblatt abonniert, aber die Aufsätze und Notizen, die das Blatt über die Judenverfolgungen in Rußland in der letzten Zeit gebracht hat veranlaßten die Botschaft, das Abonnement zu kündigen. Sie tat es demonstrativ, indem sie einen Brief an die Redaktion richtete, der ihre Klagen gegen die „feindliche Stellung des Blattes Rußland gegenüber" in einem vorwurfsvollen Tone zum Ausdruck bringt. Das Merkwürdige dabei ist aber, daß die „Archives" gerade in letzter Zeit gar nicht so kühn über Rußland geschrieben haben, wie vor einigen Jahren. Nur scheinen die Herren Russen jetzt größere Ansprüche auf Schonung, — nicht ihrer Regierung, denn die russische Regierung wurde von den „Archives" kaum angegriffen, sondern ihrer herrschenden Reaktion, zu erheben. Die religiös-jüdischen Angelegenheiten im Justizministerium Auch nach der auf Grund des Gesetzes vom 9. Dezember 1905 durchgeführten Trennung der Kultusangelegenheiten vom Staat haben diese Fragen nicht aufgehört, der Gegenstand einer Departementsverwaltung zu sein, an deren Spitze Herr Briand, Minister des öffentlichen Unterrichts, stand. Erst nachdem Herr Briand zum Siegelbewahrer der Republik ernannt worden ist wurde all

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