Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316303--50266-3377255
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Und alle die Tränen fließen , Nach Süden, im stillen Verein; Sie fließen und ergießen Sich all* in den Jordan hinein. Der Tod Herzls hat eine gewaltige Lücke in unsere Reihen gerissen. . Der plötzliche Abgang eines so starken Willens, einer mächtigen Persönlichkeit, einer so hervorragenden Arbeitskraft mußte die Entwicklung des Zionismus zeitweilig hemmen. Der Fortbestand unserer Bewegung aber ist dadurch nicht gefährdet, wie manche mit dem Wesen des Zionismus nicht genügend vertraute. Schwarzseher voraussagten. Der Bestand des Zionismus ist an keines einzigen Menschen Leben gebunden, wer immer er auch sei. Der Zionismus ist für das Judentum eine historische Notwendigkeit. Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird überhaupt nicht sein. Mehr als einmal im Laufe dieser fünfundzwanzig Jahre mußte ich mir die Frage vorlegen, ob wir uns denn wirklich auf dem richtigen Pfade befinden. Mehr als einmal beschlichen mich bange Zweifel an der Gangbarkeit unserer Wege. Mehr als einmal, als Schwierigkeit auf Schwierigkeit sich türmte und die Hindernisse uns fast zu erdrücken drohten, tauchten in uns Bedenken über die Durchführbarkeit unserer Absichten auf, aber wie die Sonne durch dichtes Gewölk, brach sich immer die Oberzeugung Bahn: das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein. (Lebh. Beifall.) Wenn wir bedenken, daß weder die babylonische noch die persische, weder die hellenische noch die spanische Assimilation eine Auflösung des jüdischen Volkes herbeizuführen vermochten; wenn wir die zersetzenden Folgen sehen, zu welchen die Assimilationsbestrebungen des XIX. Jahrhunderts fühlten und notwendigerweise führen müssen; wenn wir den entsittlichenden Einfluß betrachten, den die Entjudung auf viele Judenausübt, welche die Moral ihres Volkes abgelegt haben, ohne sich eine andere anzueignen; wenn wir hören, wie mit den Hilfsmitteln der Wissenschaft die Inferiorität unserer Rasse proklamiert wird, um uns der allgemeinen Verachtung preiszugeben: wenn wir endlich auf unsere christlichen Freunde blicken, die uns manche gute Eigenschaften zusprechen, um das Aufgehen des jüdischen Volkes unter den anderen Völkern zu rechtfertigen, dann d:ängt sich uns zwingend die Oberzeugung auf: Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein. (Stürmischer Beifall.) - Vor mir liegt der Text einer Rede, die ich gelegentlich der ersten Makkabäerfeier am 20. Dezember 18S3 gehalten habe. In dieser Rede wird ein Brief erwähnt, den der Geschichtsschreiber Grätz an die Gründer der „Kadimah" gerichtet hat: „Wenn Jünglinge mit akademischer Bildung solche Ziele verfolgen", — sagt Grätz u. a. —, „dann steht es wahrlich nichtschlecht um das Judentum". Nichts charakterisiert besser als diese Worte die Wandlung, die sich in den letzten 25 Jahren vollzogen hat. Zu jener Zeit hatten Jünglinge mit akademischer Bildung kein Interesse für das Judentum und der greise Gelehrte wurde durch das damalige Häuflein jüdischer Studenten ebenso verwundert als erfreut. Heute ist die Zahl der Akademiker im zionistischen Lager eine recht ansehnliche, ja die sogenannten Intellektuellen bilden vielleicht das verhältnismäßig größte Kontingent des Zionismus. Welche Wurzel der Zionismus im jüdischen Volke gefaßt hat, das zeigt die Ausbreitung der zionistischen Organisation über die ganze Erde. Und so dürfen wir denn nicht ohne innere Befriedigung auf die bisherige Entwicklung des Zionismus zurückblicken. 25 Jahre sind eine kurze Spanne Zeit im Leben eines alten Volkes. Noch sind wir weit entfernt von dem Endziele unserer Bewegung, aber schon hat sie uns etwas Kostbares gegeben, — ein Ideal. Gar oft sind wir ob unseres Idealismus gescholten worden, als ob jemals eine große Tat mit nüchternem, kalten Egoismus vollbracht worden wäre. Wir aber freuen uns dieses Idealismus, denn er hat unserem Leben neuen Inhalt gegeben. Aus ihm schöpft unser Volk neuen Mut, neue Hoffnung, neue Lebenskraft. Wir haben uns wieder auf uns besonnen, wir haben den Mut wir selbst zu sein, wir glauben an uns, wir hoffen auf uns, wir schämen uns unserer Art nicht mehr, wir sind ihrer froh, wir sind ihrer stolz. Wir preisen das Schicksal, daß es uns vergönnt war an dem Aufbau des Zionismus -mitzutun. Seine Ideale bildeten die Träume unserer Jugend, für seinen Auftau handeln wir als Männer und für seine Ausführung wollen wir fortwirken bis die ehernen Gesetze der Natur uns zu ewiger Untätigkeit zwingen werden. Die Versammlung bereitet dem Redner eine stürmische Ovation. Brief aus Palästina (Von unserem Spezialberichterstatter) In den Kolonien Während im europäischen Golus die Wintersaison so recht eigentlich begonnen hat, haf man in' Palästina bereits 'vollen Frühling. Nicht umsonst gilt der 15. Schewat als das Fest der Verjüngung der Natur. Die landwirtschaftlichen Arbeiten sind bereits irr den Kolonien in vollem Gange. Uberall ,herrscht eine große Nachfrage nach jüdischen Landarbeitern. Namentlich werden für die Arbeiten in den Orangegärten, die ein höheres Maß von Intelligenz und Zuverlässigkeit voraussetzen, jüdische Arbeiter gesucht. Das eigene wohlverstandene Interesse veranlaßt so den jüdischen Kolonisten, den vier tüchtigeren und ehrlicheren . jüdischen Arbeiter dem zurückgebliebenen Fellachen vorzuziehen. Schade nur, daß das Angebot von jüdischer Arbeit mit der wachsenden Nachfrage nach derselben nicht Schritt hält. Besonders wird der Mangel an jüdischen Arbeitern in Rechoboth, Pethach- Tikwah, Rischon-Ie-Zion und den galiläischen Kolonien empfunden.' In vielen Kolonien macht sich in letzter Zeit ein erfreulicher Aufschwung, -eine freiere, gehobenere Stimmung geltend. So z. B. in Rischon-~le-Zion, wo in den letzten Jahren infolge des Niederganges" der Traubenpreise eine große Depression herrschte. Die Ausrodung eines Teiles der Weinstöcke und ihre Ersetzung durch verschiedene Plantationen war zwar eine harte, aber praktische Maßregel und "hatte günstige Wirkungen zur Folge. Die wohlhabenderen Kolonisten pflanzten ein jeder seine „Böyare", die weniger begüterten, die nicht in der Lage waren, allein die Kosten des Bruhnengrabens zu bestreiten, assoziierten sich untereinander zu diesem Zwecke. Dabei hat es sich herausgestellt daß das verhältnismäßig hoch gelegene Rischon in bezug auf die Beschaffung von Wasser besser daran ist, als man anzunehmen pflegte. So haben manche Kolonisten bereits in einer Tiefe von 14 —15 Meter Wasser gefunden. Aber auch der Weinbau geht seiner Sanierung entgegen. Während des Chanukkahfestes fand die Generalversammlung des Winzersyndikats statt. Der Jahresbericht zeugt von erheblichen Verbesserungen der Sachlage, sowohl in Palästina selbst, als auch in bezug auf den Absatz in Ägypten und in manchen Ländern Europas._ Die Generalversammlung genehmigte den Bericht und die Geschäftsführung der Syndikatsverwaltung und nahm mit Genugtuung davon Kenntnis, daß die Verwaltung sich in der Lage sah, für die letzte Weinlese den Kolonisten 16 Francs pro Kantar Trauben auszuzahlen. Man hat allen Grund, für das nächste Jahr eine weitere Erhöhung der Preise und somit einen wirtschaftlichen Aufschwung der. Winzer zu erwarten. Der Leiter des Winzersyndikats, Herr W. Gluskin, begibt sich jetzt nach Ägypten, um den dort immer mehr - zunehmenden Absatz der palästinensischen. Weine persönlich zu organisieren. Neue Kolonien Einen neuen hoffnungsfrohen. Zug brachte jüngst in die judäischen Kolonien die Gründung der neuen Kolonie „Bir- Salem" (oder „Ber-Jakob"), der die älteren Kolonien lebhaftes Interesse und Wohlwollen entgegenbringen. Wenn man bedenkt, daß seit 18 Jahren in Judäa keine einzige neue Kolonie gegründet' wurde so begreift man, daß sämtliche Freunde der Kolonisation Palästinas diese Gründung mit hellem Jubel aufnahmen. Aber nicht nur dieser Umstand allein, sondern auch vor allen Dingen die Zusammensetzung der neuen Kolonie und die Prinzipien, die bei ihrer Gründung maßgebend waren, verdienen ernste Beachtung. Die Kolonie - ist bekanntlich eine Gründung des Odessaer Palästina-Komitees, es war aber nicht eine Gründung in dem Sinne und in der Weise wie ehemals von den betreffenden Gesellschaften und Privaten kolonisiert wurde. Die Beteiligung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.