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Die Welt · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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- Rasch fanden, wir eine kleine. Anzahl mutiger Mitstreiter, und bald/war eine "Phalanx beisammen, die an die Gründung einer jüdischnationalen akademischen Vereinigung schritt. Eine mächtige Unterstützung und Förderung fanden unsere damaligen Bestrebungen in einem Manne, dessen Name mit goldenen Lettern in der Geschichte der hebräischen Literatur glänzt, in dem hebräischen'Shakespeare, wie Perez Smolensky im „Magazin für die Literatur des Auslandes" von einem hervorragenden-Kritiker genannt wurde.. Ein tiefer Kenner der menschlichen Seele, ein noch gründlicherer Forscher der jüdischen Volkspsyche, ein Dichter von Gottes Gnaden, der die Sprache der Propheten meisterhaft beherrschte und handhabte, hatte er seit Jahren in seinen zahlreichen Schriften und insbesondere in seiner berühmten Monatsschrift „Haschaschar" gegen die Auflösungsbestrebungen und für die Nationalisierung des Judentums mit demganzer! Feuer seines Geistes und der ganzen Schärfe seiner ätzenden Satire gekämpft. Wie willkommen mußte ihm die kleine Schar, jüdischer Hochschüler sein, die es unternahm, seine Ideen ins praktische Leben zu tragen und zum Gemeingute der jüdischen "akademischen Jugend zu machen. So war er denn Zeit seines, leider nur allzu kurzen Lebens uns stets ein gütiger und weiser Führer. Ihm verdankt unsere Verbindung, nebst vielem andern, ihren Namen. Mit Wehmut erinnere ich michjenes Abends im Hinterstübchen des kleinen jüdischen Wirtshauses in der oberen ..Donaustraße. Die Gründung der Vereinigung war beschlossen, es handelte sich nun darum, dem Kinde einen Namen zu geben. Der Name sollte hebräisch, kurz, wohlklingend, leicht auszusprechen sein und das- Ziel der neuen Vereinigung kennzeichnen. Jeder von uns machte seinen Vorschlag, aber keiner entsprach den genannten Forderungen. Sinnend saß Smolensky in seiner Ecke, die Beine übereinandergeschlagen, den Kopf nach vorne gebeugt, das Kinn auf den hinter dem Spitzbart verborgenen rechten Daumen gestützt. Plötzlich brach er sein Schweigen; mit einem Schlage traf er den Nagel auf den Kopf. „Kadimah" sei euer Name! Das Wort zündete, dena nicht nur erfüllte es glänzend alle genannten Postulate, sondern es vereinigte in sich auch die ganze Richtung. Das Wort ist ein Programm.. In seiner zweifachen Bedeutung vorwärts und ostwärts sollte es gewissermaßen dem ganzen Judentum eine Direktive geben. Es soll besagen, daß wir mit dem Streben nach Fortschritt jenes nach territorialer Vereinigung und nationaler Wiederaufrichtung unseres Volkes in dem Lande seiner Väter verbinden. Das Frühjahr 1882 findet unsere „Kadimah" in ihrem ersten recht behaglichen Heim am Judenplatz Nr. 7. Ünd nun begann ein frischfröhlicher Krieg — natürlich mit unseren eigenen'Stammesgenossen. Zu Beginn des Sommersemesters 1882 prangte zum ersten Male auf dem schwarzen Brette der Wiener Universität ein Aufruf eines jüdischnationalen Vereines an die jüdische Studentenschaft. Das Aufsehen, das dieser Aufruf erregte, war ein ungeheures. Die christlichen Studenten schüttelten ungläubig die Köpfe, die jüdischen Studenten ' aber ergossen eine Flut von Spott und Hohn über uns. Die epitheta ornantia aufzuzählen, mit welchen mein Name und der Birnbaums als Zeichner des Aufrufes bedacht wurden, verbietet mir die Achtung vor meinen Zuhörern und das primitivste Gebot des guten" Geschmackes. Wie denn auch anders? Welch ungeheures Novum! Welche Vermessenheit unserseits, so vor aller Welt und offen uns als Juden zu bekennen? „II faut etre ce qu'on veut paraitre," sagt ein französisches Volkswort. Man soll das sein, als was man scheinen will. Daß man .aber auch das sein soll, als:wasman nicht scheinen will, das verstand man nicht Und wer wollte damals als Jude scheinen? . ■ Der Kampf gegen die „Kadimah" verschärfte sich immer _'mehr, als man erfuhr, welches Glaubensbekenntnis jeder Kandidat vor seiner Aufnahme in den Verein ablegen mußte: Bekämpfung der Assimilation, Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins, Besiedelung Palästinas-mit Juden. Das .war zu viel auf einmal! Aber nicht nur die jüdischen Studenten, auch die bürgerlichen Kreise, die offiziellen Vertretungen des Judentums bekämpften die „Kamidah" in der schonungslosesten. Weise. Ja, als wir uns vermessen hatten, Makkabäerfeierh zu veranstalten, wurden wir sogar von der Kanzel herunter gehörig abgekanzelt. Es war ein Kampf aller, gegen wenige. Die wenigen aber gingen unverdrossen und ruhig ihren Weg weiter. Erfüllt von der Größe des Gedankens, den sie verfochten, verfolgten sie unentwegt ihr Ziel Eine große Unterstützung bot uns in diesem Kampfe die Ende 1882 erschienene Broschüre von Dr. Leo Pinsker: „AutoemanzU pation", die in begeisterten Worten und zwingender logischer Schärfe für die Wiederherstellung des .jüdischen Volkes auf eigenem Grund und Boden eintrat „Die Juden; sind ein Volk," sagt Pinsker, „und müssen alle Attribute eines solchen wiedergewinnen.. Nur eine zugleich wirtschaftliche, leibliche, geistige und sittliche Regeneration vermag unserer zweitausendjährigen Schmach ein Ende zu setzen." Die Schrift Pinskers war für uns eine Quelle neuer Kraft und hat nicht wenig zur Propagierung des nationalen Gedankens beigetragen. Die „Kadimah" hat einen Akt der Pietät gegen den inzwischen verstorbenen Autor und eine dankenswerte nationale Tat begangen, als. sie anläßlich ihres ,vierzigsemestrigen Stiftungsfestes eine zweite Auflage der bereits vollständig vergriffenen Schrift herausgegeben hat. Der Schrift Pinskers folgten bald andere nach. In unzähligen Vorträgen, Versammlungen und Publikationen haben die Kadimahner den nationalen Gedanken propagiert. Unablässig und unermüdlich predigten sie die neue Lehre. Ihre Zahl nahm immer mehr zu, und 'allmählich entwickelte sich ein spezifisches jüdischnationales Studentenleben an der Wiener Universität, welches ganz besonders intensiv zu pulsieren begann, als die „Kadimah", durch die Verhältnisse der Wiener Universität genötigt, in eine schlagende Verbindung umgewandelt wurde. — Man kann über das Schlagen als solches denken, wie man will, — ich selbst stand ursprünglich diesei Umwandlung nicht sehr freundlich gegenüber, — eines wird man zugeben müssen, daß es auf die physische Entwicklung unserer Jugend von günstigem Einfluß ist und "daß die schlagende jüdische Studentenschaft sich die -Achtung ihrer christlichen Kollegen im buchstäblichen Sinne des Wortes erkämpft hat. Zum Ruhme unserer Kadimahner sei gesagt, daß, obgleich sie anerkanntermaßen eine gute Klinge führen und jederzeit ihren Mann gestellt haben, sie das Schlagen nie als Selbstzweck, sondern stets als Mittel zum Zweck angesehen haben. . Teils durch diese Umwandlung, teils durch die zunehmende Verbreitung des nationalen Gedankens unter der jüdischen Studentenschaft hat sich die Zahl der jüdischnationalen akademischen Vereine allmählich vermehrt. Eine Verbindung nach der anderen entstand: „Unitas", „Ivria", „Gamala", „Libanonia", „Hasmonäa" und wie sie alle heißen, so daß heute fast an jeder Hochschule, an welchei jüdische Studenten leben, auch eine jüdischnationale Studentenverbindung besteht. Aber nicht nur auf die Studentenschaft hat sich die Tätigkeit der akademischen Verbindungen beschränkt, die Studenten von heute traten später ins praktische Leben ein und übernahmen überall die Führung der damals bestehenden, beziehungsweise die Gründung neuer Kolonisationsvereine. Diese Vereine bildeten in Österreich die einzigen Zentren der praktischen Bewegung des jüdischnationalen Gedankens in- Bürgerkreisen. Ebenso in Rußland. In Deutschland trugen dieselben vorwiegend philantropischen Charakter. Die Tätigkeit derselben war zersplittert und begrenzt, ohne jede Einheitlichkeit, ohne großes Ziel. Und so drohte die Bewegung in den Sand zu verlaufen. Da erschien im richtigen Augenblick der richtige Mann- Theodor Herzl hatte seinen Judenstaat veröffentlicht und da zeigte sich wieder, von welcher Bedeutung die Arbeit der jüdischen Studentenschaft für das ganze jüdische Volk war. Als ich damals zusammen mit unserem leider so früh verstorbenen Dr. Kokesch im Namen der Zionisten Österreichs Herzl die Bitte überbrachte, dem Worte die Tat folgen zu lassen, die Durchführung des von ihm entworfenen Planes selbst in die Hand zu nehmen, da verwies er uns auf die Vorrede seines Buches, in welcher er-erklärte, „er halte seine Aufgabe mit der Publikation dieser Schrift für erledigt" und fügte hinzu: „Der Architekt war ich, die Baumeister würden sich finden." Darauf rief ich meine Studenten zur Hilfe. Zusammen mit allen jüdischen Korporationen veranlaßten wir eine Kundgebung der jüdischen Intelligenz und schon nach wenigen Wochen konnte ich Herzl eine mit Tausenden von Unterschriften bedeckte Adresse bringen, deren Text mir hier vorliegt, in welcher ihm der Dank der Nation dafür ausgesprochen wird, daß er den Mut hatte, der Sehnsucht unsere Volkes nach Freiheit in so klarer und prägnanter Weise Ausdruck zu geben und den nationalen Bestrebungen neue und für die Zukunft verheißungsvolle Bahnen zu weisen. Gleichzeitigstellten sich die Unterzeichner der Adresse, — geistige Arbeiter des Judentums, — in den Dienst der heiligen Sache. Herzl wurde unser Führer und während seines ganzen, ach, so kurzen- Lebens hatte er keine hingebungsvolleren, treueren und begeisterten Anhänger als unsere Studentenschaft. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, Herzls Tätigkeit zu schildern. Seine selbstlose, bis zur Selbstaufopferung reichende, von Freund und Feind bewunderte großzügige und erfolgreiche Wirksamkeit für das jüdische Volk gehörf der Geschichte an. Ein grausames Schicksal hat ihn uns allzufrüh entrissen. An seiner Bahre brach der ganze zweitausendjährige, gewaltige Schmerz eines Volkes hervor. ~ Es weinen die Großen und Kleinen, Sogar die kalten Herr'n, Die Frauen und Blumen weinen, - Es weinen am Himmel die Stern'.

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