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Die Welt · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6 DIE3§EELT. No. ~6 aas vornandene Baumaterial, durcn Eigenart und Neigungen der Bewohner, klimatische Verhältnisse, und nicht zum wenigsten durch die Gestaltung und die Schönheitsformen des Landes und seiner Tiere. Die einsame Ungeheuerlichkeit der Pyramiden paßt wohl in. die ungeheure Einsamkeit der Wüste, nicht .aber in den Formenreichtum der. Schweiz; die luftigen, zierlichen Häuschen der Japaner gehören ins Blumenland der Chrysanthemen, aber nicht in den Ernst des norddeutschen Sandbodens. So ist auch der" Kuppelbau und das blendende Weiß der orientalischen Häuschen mit den kleinen Fenstern die natürliche Folge des Mangels an einheimischen Ziegeln und Stützbalken für Dachstühle, des Bestrebens, die Häuser kühl zu halten, "und der brennenden Sonne den Eingang zu wehren. In dieser Hinsicht verfehlen heute die meisten Kolonistenhäuser völlig ihren Zweck. Sie sind nach europäischem Muster ohne die erforderliche Berücksichtigung der Örtlichkeit gebaut, in der Herstellung nicht billig, geschmacklos und nicht hygienisch.- Es zeigt sich wieder, daß der einheimische, ungewollt gewordene Stil gewöhnlich auch der zweckmäßigste und verwendbarste für eine Gegend ist. Darum und nicht nur aus Schönheitsrücksichten suchen z. B. die deutschen Behörden auf die Erhaltung der örtlichen Bauart hinzuwirken, und die moderne Kunst hat da ihre besten Triumphe gefeiert, wo sie auf eine Ausgestaltung und Veredelung der Formen des Bauernhauses der deutschen Bergländer bedacht gewesen ist. Das häßliche Rohbacksteinhaus, das eine Zeitlang die deutschen Dörfer bedrohte, macht heute schönen Bauten in alten Formen Platz. Vor allem wirkt in neuerer Zeit der Staat durch die Bauten derEisenbahnverwalturig usw. belehrend und erziehend. Wir sollten denselben Weg gehen. Es ist nicht abzusehen, weshalb wir den in seiner Eigenart und Einheitlichkeit so schönen Orient durch die Stillosigkeit und Unzweckmäßigkeit europäischer Bauformen verschandeln müssen. Es kann nicht schwer sein, durch einen tüchtigen Künstler ein paar Musterhäuser entwerfen zu lassen, die ästhetisch, sanitär und wirtschaftlich allen Bedürfnissen genügen, den jüdisch-nationalen Charakter der Baukunst verkörpern _ und das Land zieren. Das hebräische „Gymnasium^ in Jaffa (das Wort „Gymnasium" klingt etwas sehr voll für das Unternehmen) sollte nach Anlage und Fassade ein Musterbau werden, ebenso die geplante misrachistische Mittelschule. Unsere Bauern würden davon lernen. Vor die Häuser gehören Vorgärten mit blühenden Gewächsen, Lauben, in denen der Arbeiter den Abendfrieden genießt. Die Landstraßen müssen mit Bäumen bepflanzt, öffentliche Gärten angelegt werden. Auch ein wenig künstlerischer Schmuck ist mit kleinen Mitteln zu schaffen. Dann werden nicht nur die Fremden unsere Kolonien, mit ganz anderen Augen ansehen und ihnen größeres Interesse zuwenden, sondern die Kolonisten selbst werden Freude an ihrem Besitztum und eine erhöhte Anhänglichkeit an die Scholle gewinnen. Palästina soll unseren Bauern nicht nur ein Land großer Vergangenheit, politischer Zukunft, sondern auch behaglicher und lebensfroher Gegenwart werden. Wenn dann die Söhne und Töchter von Kolonisten das Land verlassen, werden sie unter, den Wolkenkratzern New Yorks sich sehnen, wie man sich nach der Heimat sehnt. Wird so das Denken der Kolonisten mehr von der Seite recnnenden Verstandes, nacn der Gefünisseite umgewertet, so werden sich ganz von selbst auch andere' Vorteile ergeben. Wer die Natur versteht und lieben gelernt hat, der wird auch die Tiere lieben-und ihre Zucht versuchen. Und es ist sehr notwendig, daß^ in dieser Beziehung gesunde Verhältnisse geschaffen werden. Die Zucht von Großvieh, Geflügel, Bienen usw. .Hegt heute noch gänzlich im argen. .Das nützlichste Tier des Orients, das Kamel, existiert in unseren Dörfern überhaupt nicht, es fehlt eben jedes Verständnis für seine Wartung und Pflege. Das alles ist die natürliche Folge der Verhältnisse, aber doch bedauerlich. Darum muß Verständnis dafür geschaffen werden, daß unsere kulturellen Aufgaben im Lande nicht nur nach der verstandesgemäß-praktischen, sondern, auch nach der gefühlsmäßig-ästhetischen Seite liegen, und mein Antrag sollte diesem Verständnis erstmalig den Weg ebnen. Freilich kann die Parteileitung auf diesem Gebiet nicht allzuviel tun, aber dem Bezalel würde sich ein weites Schaffensfeld eröffnen. Nicht "nur durch die Inangriffnahme von Entwürfen zu Bauten, Gärten, öffentlichen Plätzen, sondern auch z. B. durch Herstellung von Möbeln, Gebrauchsgegenständen aller Art in charakteristischen Formen. Als . Vorwürfe werden z. B. gewiß die Funde von Ausgrabungen dienen können, und der Phantasie des künstlerischen Schaffens eröffnen sich ungemessene Weiten. Hier ist ein Gebiet, auf dem wir Eigenart und nationale Veranlagung mit Taten beweisen können. Dr, Adolf Friedemann 25 Jahre „Kadimah" Festrede, gehalten von AI. T. Schnirer auf dem Jubiläumskommers der „Kadimah" Fünfundzwanzig Jahre sind ins Land gegangen, seitdem ein winziges Häuflein gleichgesinnter und gleichgestimmter junger Studenten sich in Wien in einem Gedanken zusammenfand, welcher den Ausgangspunkt einer Reihe von Vorgängen bildete, deren Gesamtheit man als jüdischnationale oder zionistische-Bewegung zu bezeichnen pflegt. _ Im zivilisierten Europa hatte unter dem Volke der Denker die Schmach des Jahrhunderts ihren Siegeszug begonnen. In unsanfter Weise wurden die deutschen Staatsbürger mosaischer Konfession daran erinnert, daß die vollständige Beherrschung der deutschen Sprache und die täuschendste Nachahmung deutscher Untugenden noch keine Germanen ausmachen. Das von. Moses Mendelsohn begonnene und von seinen Nachfolgern fortgesetzte Gebäude der Assimilation fing bereits, für das feiner differenzierte Ohr, bedenklich zu krachen an. Im heiligen Rußland hatte in Balta "nach der. Ermordung Alexanders II. die lange Reihe jener entsetzlichen Judenmetzeleien begonnen, die man als Ausdruck der christlichen Nächstenliebe des guten russischen Volkes kennte.und die unter dem Namen Pogrome zum Programme der russischen inneren Politik gehören. In dieser Zeit —Winter 1881 — lernte ich den jungen Juristen Nathan Birnbaum und den studienhalber in Wien weilenden praktischen Arzt Rüben Bierer kennen. Die Übereinstimmung unserer Anschauungen über Juden und Judentum -brachten» uns-immer näher aneinander, und bald waren wir darüber einig, daß die herrschenden Grundanschauungen über das Judentum eine Änderung erfahren müssen, daß ein kräftiger Angriff auf die herrschende Assimilationslehre zu erfolgen habe, daß eine Revolutionierung der Geister im" Judentume stattfinden müsse. Daß der Hebel an der akademischen Jugend anzusetzen sei, war für uns klar, nicht nur weil uns diese Kreise am nächsten standen, sondern weil in diesen Kreisen die Assimilationslehre die meisten Anhänger gefunden hatte und weil die Annahme berechtigt schier, daß die einmal umgestimmte akademische Jugend die alte neue Lehre mit dem ganzen Feuer ihrer Begeisterung und mit Autorität in die weitesten Schichten des Volkes tragen würde.

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