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Die Welt · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Xo. 6 , ~;' "'- ' : ' ' " . . -DIE^ELT lauteren, guten und wahrhaften Menschen, des Vaters Grigori Petrow. In diesem vornehmen und lieben Menschen lebt der ausgereifte Geist echt-christlichen Bewußtseins und der sich ausleben wollenden sittlichen Kraft der alten orientalischen Kirche. Die dunkeln Züge des gärenden Russentums mit dem Hang zum über; triebenen Räsonnieren und mit der' naiven Tolstoi-Allüre fehlen ja auch diesem Freiheitsträumer nicht ganz. Aber in dieser manchmal etwas rauhen Schale bewahrt Petrow all die edlen Beweggründe einer gerechten, friedlichen Revolution und das Ideal der Humanität und Aufklärung, ohne an dem überstürzenden und fanatisch "zerstörendem Eifer mancher Extremen zu kranken. Vater Grigori Petrow gehört zu den Seltenen, bei denen man im Zweifel sein kann, ob man in ihnen mehr den weitblickenden, sorgsam berechnenden Denker oder den wagemutigen, begeisterten Kämpfer bewundern soll. Er, stellte sich nicht an die Spitze der Freiheitsbewegung, wie ein Abenteurer, wie ein Gapon. Er beabsichtigte nie zu leiten; er predigte nur. Aber er predigte Gerechtigkeit. Ihm war es gleich," wie all die Parteien iieißen und wie all ihre Schlagwörter lauten. Er bekämpfte die Gewalt, die Selbstüberhebung der Einzelnen, — und dadurch zog er auf sich den Haß und die Verfolgungen der Behörden. Er hat-schon eine Verbannungsstrafe abgebüßjt, er wurde schon mehrere Male vor den Synod geladen, er ging und sprach wie immer, wahrhart und eindringlich. Man kann dem Zauber seiner, Persönlichkeit nicht widerstehen. Nun hat er ein Buch geschrieben. Ober die Juden. Er verdient den Namen:. Urussow der Kirche. Ganz wie der gewesene Vizeminister die Pogromwirtschaft des Tschin, geißelt Petrow den,blödsinnigen Judenhaß des Klerus. Er führt die Sprache eines Abb6 Gregoire, eines Manning. Der Konfessionsfanatismus wird in ihm durch das Bestreben überwunden, seine Konfession an den ethischen Aufgaben eines größeren Ganzen in seiner Art mitwirken zu lassen. Er widerlegt die. gegen die Juden erhobenen Anklagen. Er deckt die Quellen-der Unzufriedenheit auf, die sich in dem überschäumenden Revolutionsgeist Luft macht.'. Deshalb ist Petrow ein Abtrünniger, ein Ketzer. Schon bereitet man für ihn ein einsames Kämmerlein in irgendeinem Kloster vor, dort oben;am weißen See". Schreibt er ja in seinem Buche: „Die jüdische Frage" ist in der Tat keine jüdische, sondern eine rein russische Frage; schon M.Ssolowiew nannte sie eine „christliche". Diese Frage ist eine der fürchterlichsten Fragen des gegenwärtigen russischen Lebens. Mir scheint es, daß es überhaupt überflüssig ist, zu beweisen, wie empörend und schändlich alle diese Pogrome, Vergewaltigungen und Mißhandlungen für das russische Volk sind. Man kann sich schwer etwas Beleidigenderes vorstellen, welches des Christentums ganz unwürdig ist, als diesen tierischen Ausbruch der sogenannten „nationalen" Gefühle der schwarzen Hundertschaften. Die Pflicht eines jeden Russen ist es, laut, offenmutig und entschlossen gegen die Handlungen der Pogromleute zu protestieren. Jeder Volksredner muß vor allem bei seinem Erscheinen auf.der Tribüne der schwarzen Hundertschaft laut zurufen: Schämet euch, fürchtet euch vor euch selbst, sehet, was ihr aus dem russischen Volke gemacht habt!". Ich trete für die-völlige Gleichheit der Juden mit der kernrussischen Bevölkerung ein, denn ich betrachte es als eine tiefe Ungerechtigkeit, die Juden gesetzlichen Beschränkungen zu unterwerfen." . Man muß gestehen, daß Grigori Petrow sehr schlecht in die heutige Gesellschaft der Machthaber der russischen "Kirche hineinpaßt. JÜDISCHE KUNST IN PALÄSTINA In der.letzten Sitzung des Großen Aktionskomitees habe ich angeregt, der von Seiten des Nationalfonds - subventionierten Häuserbaugesellschaft in Jaffa aufzugeben, Bauten in einem der Landschaft angepaßten Stile auszuführen und dabei nach Möglichkeit den historisch-jüdischen Baustil zu berücksichtigen. Der Antrag fiel in ,eine geschäftlich-sachliche Debatte und fand daher nicht diejenige eingehende- Würdigung, die ich ersehnt hatte. Es möge mir daher vergönnt sein, hier auf die Gründe, die mich leiteten, zurückzukommen. Die Rolle, welche die Kunst im Leben der Völker spielt, ist bisher von uns nicht gebührend gewürdigt wordenl" Und das ist kein Wunder. Religiöse Bedenken und Unsicherheit aller Lebensverhältnisse haben 1800 Jahre lang jede künstlerische Betätigung unserer Vorfahren gehemmt. In die Stickluft der Judengasse drang nicht das Sonnenlieht, das Rembrandts Bilder überflutet: Not und Angst des Alltags waren wenig geeignet, die Freude am Schönen, Gefühlsmächtigen zu fördern, und die mittelalterlich-düstere Vertiefung in das außerweltlich-transzendentale verwarf jede .Sinnenfreude als glaubensfeindlich, und sündhaft. Michelangelo und Raphael, Dürer und Rubens, Cellini und Brunelleschi haben für unsere Väter nicht geschaffen und gelebt. Auch nicht für unsere heute lebenden Brüder in den Ghettis des Ostens und Amerikas. Nun wandern sie hinaus, in den lachenden Sonnenschein des Heimatlandes, bemühen sich in den Lauten der uralten Volkssprache zu sprechen, und von allen Seiten wird das nationale Moment der Kolonisation gepflegt und gestärkt. Aber für die Entwicklung, Bodenständigkeit desselben geschieht so gut. wie nichts. Die guten und schlechten Eigenschaften, die den Einwanderern anhaften, gelten als jüdische Charakteristika und werden als gültige Tatsachen hingenommen, ohne daß man sich klar macht, daß das Ghetto und die Lebensfeindlichkeit nicht in die Natur und unter "den freien Himmel passen, daß die besten Volksbibliotheken und theoretischen Bildungsmittel nicht die tätige Liebe zum Boden fördern, wenn der Natursinn tot ist. Der jüdische Kolonist hat heute in Palästina noch keine Tradition, darum braucht er-zum mindesten die Freude an seinen Bergen, an den Schluchten und Wäldern 'seines Landes, wenn er nicht den Golus mit sich nach Hause, schleppen soll. Er muß das Land und seine Schönheit lieben lernen, wenn er auch in schlechten Zeiten ausharren soll, und dazu bedarf es einer Erweckung seines ästhetischen Empfindens. Man gehe nur einmal durch eine der deutschen Templerkolonien, etwa Sarona, und dann durch die benachbarten jüdischen Dörfer. Bei den Deutschen rings blühende Gärtchen, Blumen, wo man sie nur anbringen kann, eine gewisse Individualität, sogar ausgeprägt in der Anlage des Ganzen. Dagegen bei uns schnurgerade Gassen, leere Vorgärten, wenig Haustiere, kurz, der Betrieb des rechnenden, die Dinge nach dem Erfolg abwägenden Geschäftsmannes. Die Häuser sind schablonenhaft aufgebaut, und die häßlichen roten Ziegeldächer passen auch nicht im geringsten in die Nachbarschaft der meisten arabischen Bauten mit den gewölbten Kuppeln, die sicherlich noch heute.die Bauart des alten .Palästina verkörpern, denn die Art der Architektur eines Landes ist ja nichts Zufälliges, absichtlich Erfundenes. Sie wird bedingt durch

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