Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 — DIE^ELT No. 6 öffentlicher Interessen einerseits und eine Aufwallung armes, judenreines Land! Es hat nicht einmal die übliche der Leidenschaften anderseits bis zu einem zügellosen. Verlegenheitsantwort, nicht einmal' den traditionellen Fanatismus, — und all das ohne Juden! Armes Portugal, Sündenböck! N. S. POLITISCHE REVUE Die schadhaft gewordenen Institutionen. — Erneute Versuche rückbildenden Charakters. Die aufgespeicherte Kraft des Klerus. — Mittelalterliche Herrschsucht. — Der Geist Pobiedonoszews. — Das Anwendungsgebiet des Toleranzedikts. — Die neuen Deutungen. — Die Arbeit in einem Hochstift. — Der Kampf gegen _ die Dorfjuden. — Der Vater Gregori Petrow. — (S) Als wir vor einiger Zeit die Beteiligung des fanatischen griechisch-orthodoxen Klerus an der gewaltigen rückschrittlichen Krebsbewegurig, die das offizielle Rußland seit einiger Zeit macht, hervorhoben, schüttelten manche Skeptiker mißtrauisch ihre Köpfe. „In Rußland ist kein Klerikalismus vorhanden" — sagten manche nach alter Schablone. Nun, daß es in Rußland mit dem Klerikalismus anders ist als irgendwosonst, daß die griechischorthodoxe Geistlichkeit nicht die Höhe der Kultur und des politischen Raffinements der römisch-katholischen Priester erklommen, daß sie nicht in demselben Grade einer Weltkirche angehört und daß sie auch nicht das biedermännisch-volkstümliche Wesen der protestantischen Pastoren hat, daß sie außerdem durch den Byzantismus und die Autokratie, wie die Ikonen, verhölzert und mechanisiert worden ist, — das wissen auch politische Babies. Aber trotzdem hat diese Organisation, und zwar ihr herrschender Teil, seit dem Erlaß des sogenannten Oktober-Manifestes eine wahre Maulwurfsarbeit gegen diese Reform betrieben. Soviel Tüchtigkeit war schon da... Alles was gegen den Fortschritt und die konstitutionelle Beruhigung des Reiches angezettelt worden ist — all die Maschen der Echtrussenverbände, die über das weite Reich gespannt, all die Pogrome und' die Petitionen der „Knechte bleiben-Wollenden" sind nicht ohne Mitwirkung des starren, kulturfeindlichen Teils der Geistlichkeit geschehen. Wohlgemerkt: eines Teils, denn die russische Geistlichkeit zählt zu ihren Vertretern auch Männer von hoher Tugend und großer Aufklärung, die in den dunkelsten Zeiten der Willkürherrschaft und der Verfolgung Andersgläubiger und Andersdenkender ihre Stimme zum Schutze der Unterdrückten zu erheben pflegten. Aber unter Pobiedonoszew' konntenichts als Druck und Bann, Gewalt und Einschüchterung zur Geltung kommen. Es schien vor zwei Jahren anders zu werden. Schon vor dem Oktober-Manifest wurde ja das Manifest der Toleranz von allerhöchster Stelle erlassen. Die Privilegien der Staatskirche sind geblieben, aber die absurde Obergewalt ist einer gemäßigteren,, toleranteren gewichen. Der Übertritt von einer Religion zur andern wurde gestattet, die früheren diesbezüglichen drakonischen Gesetze und halb inquisitorischen Strafen wurden abgeschafft. Der alte Pobiedonoszow erlebte noch diese Schmach. Er schien resigniert und verbarg seinen Schmerz in der Abgeschlossenheit eines grimmigen, fatalen Greisensiechtums. Aber wenn man glaubte, daß er, respektive seine Partei, sich mit den Tatsachen abgefunden hätte, so irrte man sich ganz gewaltig. Er hatte die zutreffende Gefühlsrichtung, man müsse warten und arbeiten. Nach einer im Dunkeln gesponnenen Arbeit von zwei Jahren hat es der Pravosla- Klerikalismus so weit gebracht, daß das Toleranzedikt in einen toten Buchstaben umgewandelt worden ist. Da man das Manifest nicht kurzer Hand aus dem Gedächtnis der Zeitgenossen löschen kann, so umrahmte und umspann man es mit einer solch erdrückenden Masse von Erläuterungen, Vorbehalten, Bedingungen, Kommentaren, Ausnahmen und Zusätzen, daß von dem ursprünglichen Text kaum noch eine wahrnehmbare Spur geblieben ist. Will ein Pravosla-Marranne zum Judentum zurückkehren, so muß er sich vor allen Dingen den Bußpredigten der Priester und Mönche im Laufe einer gewissen Zeit preisgeben. Diese Bußbeeinflussung kann auch mit einer Deportation verbunden sein, etwa nach der Küste des Weißen Meeres. Es ist auch nicht ganz klar, daß es in solchen Fällen nur mit der Beredsamkeit der Popen sein Bewenden habe; die Beeinflussung mag auch greifbarere Formen annehmen. Das ist nur ein kleiner Teil der Gewaltmaßregeln. Es handelt sich darum, die herrschende Kirche wieder zu einer allein- . herrschenden, mit allen Machtmitteln schaltenden Kirche mit umhertastenden, großen Greiffäusten zu machen. Das ist jetzt das System des Heiligen Synods wiederum ganz so; wie unter Pobiedonoszew. Der Heilige Synod ist jetzt mächtiger als die Regierung. Herr Stolypin kann, trotz seiner rücksichtslosen konservativ-tschinownitschischen Schroffheit, mit dem Gebahren des Synods nicht überaus zufrieden sein. Aber der Synod kümmert sich darum nicht Er kümmert sich auch blutwenig um den sanften Antonji, den greisen Metropoliten von Petersburg, der ganz einfach versetzt wird. Der alte Kirchenfürst „von dessen Lippen das Gebet nicht weicht", ist zu liberal. Er muß also gehen. Und die Mönche des Poczejewer Lawra sind mit der Sendung antisemitischer Zirkulare an die Bauern sehr eifrig beschäftigt. Die Mönche fordern die Bauern auf, Versammlungen („Sschod") einzuberufen, um über die Austreibung der Juden ausden Dörfern Beschlüsse zu fassen. Nach dem Gesetz haben die Bauern das Recht, die Ausweisung eines Individuums aus ihrem Wohnorte zu verlangen, wenn ihnen der Aufenthalt dieses Individuums als gemeingefährlich erscheint. Geschieht das; aus freien Stücken, so stellt es einen gewissen Wert einer öffentlichen Meinung dar, obschon in bezug auf Juden diese Meinung selten als frei und sachlich gelten kann. Werden aber die Bauern durch Mönche ,4m Namen Gottes" mit all den verdummenden Phrasen eines mißgedeuteten Kanzeljargons und mit den auf den Fanatismus berechneten Symbolen gereizt, so kann man sich leicht denken, welchen Wert Versammlungen und Beschlüsse, die durch diese agitatorischen Mittel in Szene gesetzt werden, haben können ... Das Unmenschliche, das Barbarische dieses Vorgehens tritt noch deutlicher hervor, wenn wir bedenken, daß die berüchtigten Ignatiewschen Maigesetze schon lange größere jüdische Massen aus den Dörfern beseitigt haben, und daß nach all den Beschränkungen und Repressalien nur Einzelne geblieben sind. Das sind keine Schankwirte mehr, denn dieser edle Betrieb bildet ja jetzt ein Monopol der Regierung. Es sind auch keine Wucherer, denn erstens sind es blutarme Menschen, die nichts haben, womit sie Wucher treiben könnten, zweitens sind die Wuchergesetze sehr streng, drittens sind es nur die sich ganz heimisch fühlenden und mit den Bauern in den besten Beziehungen lebenden Juden, die trotz der Pogromangst in den Dörfern isoliert bleiben wollten und konnten. Aber auch diese sind den Predigern „christlicher Liebe" ein Dorn im Auge, — und was haben Mönche besseres zu tun, als antisemitische Flug. Schriften zu verfassen und zu verbreiten? Auf dem dunkeln Hintergrunde des Machthungers und des Ehrgeizes einer Zelotenclique, die das verrottete System einer schlechten Beamtenschaft unterstützt, erhebt sich die Gestalt eines