Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROMNGERRING 6 ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRO. KÖLN, 7. Februar 1908 l^vh E&nn'c* mN "n EINE JUDENREINE REVOLUTION Die Ereignisse in. Portugal, die ganz Europa jetzt in Atem halten, bieten für denkende Beobachter etwas belehrendes. Esisteine judenreine Revolution, die sich vor unsern Augen dort abspielt. Bekanntlich ist für Portugal die antisemitische Zukunftsmusik eine Musik der Vergangenheit. All das, was als Ideal den heutigen Judenfeinden vorschwebt, ist in Portugal schon vor 400 Jahren erreicht worden. Portugal hat — außer einem kleinen Häuflein, das jetzt mit der größten Toleranz behandelt wird — keine Juden mehr. „Der jüdische Mammon — schrieb d'Alveida, der berühmte Arzt und Schriftsteller marranischer Abstammung, der im 17. Jahrhundert lebte, — ist ein zerschlagener Götze, mit dessen Scherben Kinder spielen." Derselbe Renegat hat das bekannte geflügelte Wort geprägt: „Das Geld verachten, heißt einen König entthronen." Der Mammon war kein Stiefkind des rein christlichen Landes geworden; eher konnte er als gehätscheltes Schoßkind bezeichnet werden. Der Mammon und der Moloch, — aber ohne Juden und Judenfreunde, wurden streng katholisch und rein arisch gezüchtet und umbuhlt. Die Parasiten, die Vampire, die minderwertigen, gewissenlosen, lüsternen Streber des schnöden Gewinns, die Juden wurden weggefegt, und auch die zurückgebliebenen kleinmütigen Marranen wurden mit allen Hunden gehetzt, so daß auch denselben d'Alveida, der seine Abstammung in majorem Dei gloriam verleugnete, das Geschick des Landesverweises ereilt hat. Ein Paradies erblühte auf Erden. Die Geschichte zeigt, wie es in diesem Paradiese in der judenreinen Epoche ausgesehen hat und wie es jetzt ausschaut. Das Mommsensche Wort von dem „dekompositorischen Element", von Judenfeinden übertrieben und zur Karrikatur verzerrt, ist fast zu . einem Dogma geworden. Was wird nicht alles in dieses weite Gefäß gegossen? Die Juden verkörpern den Geist der Verneinung, die Juden sind die Träger destruktiver Theorien, der Geburtstag der Judenemarizipation ist der Todestag der staatlichen Autorität" (Goldwin Smith), „die jüdische Analyse ist es, die alles schonungslos zerfasert" (Dühring), und dergl. mehr. Für die Echtrussen ist die Revolution ein ausschließliches Produkt des Ghetto, für die französischen Nationalisten ist die französische Revolution, die Kommune, die Trennung von Staat und Kirche — Werke der verdammten „Jupons". Nun zeigt die geschichtliche Entwicklung der letzten Jahre, daß die eigentliche Brutstätte des Anarchismus das judenreine Spanien ist, und nun wühlt eine Revolution in Portugal mit den Begleiterscheinungen der heftigsten Ausbrüche und der politischen Morde, — merkwürdigerweise ohne eine Spur jüdischen Anteils oder jüdischen Einflusses. Uns ist die Apologetik, die die Juden von einer Beteiligung an Freiheitskämpfen und Bewegungen reinwaschen will, verhaßt und widrig. Im Gegenteil, wir finden es natürlich, daß die schwergeprüften, feinfühlenden, leichter erregbaren Söhne eines alten Volkes, das geistige Revolutionen im alten und neuern Heidentum geschaffen hat, ihre geistigen Gaben und oft auch ihr Leben auf dem Altar der Freiheit opfern. Aber das ist etwas ganz anderes, als ein tendenziöses jüdisches Mäntelchen um die Revolutionen der Welt zu hängen. Auf dem Gebiete großer menschlicher Probleme arbeiten die Juden als Theoretiker. Der jüdische Genius kann ebensowenig als konservativ wie als destruktiv bezeichnet werden — er betätigt sich nach allen Richtungen. So auch der jüdische Enthusiasmus. Die stereotyp gewordene Phrase, daß nur die Juden ein zersetzendes Element bilden, ist das Produkt einer kleinlichen Misere agitatorischer Knauserei. Sind die Keime einer Revolution vorhanden, so gedeihen und entwickeln sie sich ebenso kräftig mit wie ohne Juden. Für die .konservativen Parteien und Regierungen sind die Juden sehr erwünscht, weil man auf sie alles abwälzen kann. Wären sie nicht da, so müßte man sich alle Mühe geben, sie zu beschaffen. Dank dem Vorhandensein von Juden ist es leicht, eine Revolution zu diskreditieren, indem man ihr die Etikette „Koscher" beilegt. Das ist von unschätzbarem Wert, und es gelingt auch manchmal, die antisemitischen Leidenschaften gegen die freiheitlichen Überzeugungen wachzurufen. Pogrom contra Revolution. In einem Lande wie. Portugal ist das leider unmöglich. Die furchtbarsten Erschütterungen,ökonomische Katastrophen, Stillstand und Erstarrung, ein Niederschlag verrotteter Zustände und Versäumnisse, die würdeloseste Feilbietung 1*