Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316302--50250-3377238- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Kolonien Tel-Awiw und Rischon le Zion verkauft werden. Für den Bau einer Schule für die Kinder der hiesigen Kolonisten hat die ICA einen Bauplatz unentgeltlich zur Verfügung gestellt, während das Odessaer Komitee für die Beschaffung der Baukosten sorgen wird. Die neue Schule wird 'malerisch auf einem Gipfel des Berges Nes-Zion liegen. . Ekron: Die hebräische Bibliothek hat eine bedeutende Bereicherung erfahren. Fast sämtliche Einwohner der Kolonie haben dazu beigetragen, die Bibliothek durch Beschaffung neuer Werke und Zeitschriften auf einen modernen Ansprüchen genügenden Stand zu bringen. Die Abendkurse und Uterarische Abende sind wieder aufgenommen worden. Jerusalem: Vor kurzem veranstaltete die Bezalelschule eine Ausstellung von Teppichen, die vom Publikum stark besucht wurde. Der neu angelegten Sammlung von Kunstgewerbegegenständen, Altertümern usw. im Bezalel bringt die hiesige Bevölkerung lebhaftes Interesse entgegen. In der Teppich-Ausstellung erregte besonderes Interesse ein großer Teppich, der für Herrn Dr. Friedenwald-Baltimore angefertigt worden ist. Der Teppich, der wegen seiner wunderschönen Ausführung allgemeine Anerkennung gefunden hat, ist der größte bisher im Bezalel angefertigte. Rumänischer Antisemitismus (Von unserm Korrespondenten) Wenn man Deutschland das klassische Land des Antisemitismus nennen kann, so muß man Rumänien das Land des praktischen Antisemitismus heißen. Kein Gesetz wird verfaßt, ohne daß man nicht dabei der Juden gedenkt. So sind jetzt wieder Hunderte von Juden von der Gefahr bedroht, ihre Existenz zu verlieren. Es hanttelt sich um das Gesetz zur Unterstützung der nationalen Industrie. Dieses bestimmt, daß diejenigen Unternehmungen, die Anspruch auf die staatlichen Vergünstigungen erheben, zwei Drittel ihres Personals aus rumänischen Bürgern haben müssen. Das Gesetz bestand zwar schon mehrere Jahre, wurde aber wenig beachtet. Die neue Regierung in ihrem Eifer nach liberalen Reformen hat dagegen jetzt eine Verfügung erlassen, wonach streng darauf zu achten ist, daß die Vorschriften dieses Gesetzes innegehalten werden. Infolgedessen sind hunderte jüdischer Arbeiter und Angestellter, darunter gelernte Ingenieure usw., schon entlassen worden, und weitere Masseneütlassungen stehen bevor. Nun soll man nicht etwa glauben, daß an Stelle dieser entlassenen jüdischen Angestellten rumänische treten. Dafür ist der Rumäne viel zu faul. Er, giert lieber nach einem, wenn auch noch so kleinen, staatlichen oder städtischen Amt, aber in die Fabrik oder ins Bureau zu gehen, ist nicht seine Sache. Infolgedessen stellt man einfach an die Stelle der entlassenen rumänischen Juden christliche Ausländer aus Siebenbürgen, Ungarn usw. an. Diese sind zwar auch keine rumänischen Staatsbürger, aber sie werden sehr gerne geduldet. Rußland . Der Hilfeverein der Deutschen Juden erhielt*folgendes Telegramm : Odessa, 23. Jan. 1908. Gestern, abend begingen die Verbändler wiederum Exzesse. Eine Bande von ungefähr 20 Mann überfiel im Zentrum der Stadt ein jüdisches Restaurant, schlug dort die Fenster ein und mißhandelte einen greisen Juden sehr schwer. Nachdem sie durch ihre Untaten eine außerordentliche Panik hervorgerufen hatten, verschwanden sie. Später tauchte eine andere Bande auf dem Platze vor dem Hauptpolizeigebäude auf. Diese verprügelte alle vorübergehenden Juden. Schließlich trat die Polizei dazwischen und verhaftete vier halbwüchsige Burschen. Zwanzig jüdischen Studentinnen wurde das Wohnrecht in Petersburg versagt, so daß sie ihre Studien aufgeben mußten. Judenmassaker in Fez Londoner Zeitungen veröffentlichen Telegramme aus Lissabon, wonach _große Scharen räuberischer Beduinen in Fez eingedrungen und zahlreiche Juden ermordet (haben. Nach der Plünderung des jüdischen Viertels hätten sich die Horden zurückgezogen und viele jüdische Frauen und Mädchen gefangen fortgeführt. Die Präsidentschaftskandidatur Sekretär Tafts und die amerikanischen Juden Der Protest der amerikanischen. Juden gegen die Präsidentschaftskandidatur des Staalssekretärs Taft, der auf der Tatsache basiert, daß Taft bei seiner jüngsten Europareise den Zaren besucht und ein Hoch auf ihn ausgebracht hat, dürfte verhängnisvoller -für flte Aussichten der Republikaner, deren Kandidat Taft ist, werden, als man ursprünglich anzunehmen geneigt war. Zwar verbreitet die parteioffiziöse Presse geflissentlich die Darstellung, daß Taft den Besuch des Zaren nicht habe vermeiden können, nachdem er kurz zuvor den Mikado besucht habe, und daß auch sein Hoch auf den russischen Kaiser,' das er nach der zu seinen Ehren stattgehabten Truppenbesichtigung ausgebracht, lediglich einen Akt der internationalen Höflichkeit darstelle. Die amerikanischen Juden aber wollen dies — und mit vollem Recht — nicht einsehen. Als zum erstenmal von dem bevorstehenden Besuche Tafts beim Zaren die Rede war, las man in manchen amerikanisch-jüdischen Zeitungen das Gerücht, der Staatssekretär werde bei dieser Gelegenheit beim Zaren Fürsprache für seine unglücklichen jüdischen Untertanen einlegen. Wir haben damals die Unglaubwürdigkeit dieses Gerüchtes gleich betont. Daß aber aus der angeblichen Hilfsaktion für die russischen Brüder eine Huldigung für den russischen Kaiser wurde, haben die amerikanischen Juden offenbar denn doch nicht erwartet. Und sie beeilen sich, jetzt die Quittung für diese Tat zu geben, die sie als einen Schlag ins Gesicht der amerikanischen Judenheit und als eine schmachvolle Verletzung aller amerikanischen Traditionen der Menschlichkeit und der Sympathie mit dem Unterdrückten betrachten. Bisher haben die Bewohner der Ostseite New Yorks und die meisten Juden Amerikas fast immer republikanisch gewählt. Es kann als sicher angenommen werden, daß sie jetzt der Gegenpartei ihre Stimme geben werden, falls die Republikaner" die Kandidatur Tafts aufrecht erhalten. Und daß die Freunde des Staatssekretärs die Stimmung der Juden, die bekanntlich ein Fünftel der Bewohner New Yorks ausmachen, für ihre Aussichten nicht für ungefährlich ansehen,, beweist die große Stimmungsmacherei, die jetzt betrieben wird, um den beleidigten Stolz der Juden wieder zu versöhnen. Der Präsident selbstsoll sich sehr besorgt geäußert haben. - Wir würden es nur begrüßen können, wenn die Absicht der amerikanischen Juden zur Tatsache würde und einen Erfolg erzielte. Zu lange schon ist man gewohnt, die Stimme des Volkes, die Stimme der Menschlichkeit bei der hohen Politik nicht mehr mitreden zu lassen. Und wenn jetzt einmal ein Exempel statuiert würde, dann würde das vielleicht den Anfang einer neuen Epoche bedeuten. Zugleich aber würde es den Beweis erbracht haben, daß auch die Juden etwas im Rate der Tagesgeschichte zu bedeuten haben, wenn sie als geschlossene Masse auftreten können. Antisemitismus in Amerika Das durchaus gerechtfertigte und in der Verfassung begründete Verlangen der Juden Amerikas, daß die Schulen frei von jeder konfessionellen Beeinflussung gehalten werden sollen, ein Verlangen, das bekanntlich in der Agitation gegen die erzwungene Teilnahme jüdischer Kinder an christlichen Weihnachtsfeiern der Schulen zum Ausdruck kam, hat zur Folge gehabt,, daß die antisemitische Strömung, die Kenner des Landes schon längst als latent empfunden haben, nunmehr zum offenen Ausdruck gekommen ist. Besonders die Prediger der verschiedenen Kirchen können sich in hetzerischen Ausfällen gegen die Juden nicht genug tun. In der Central Presbyterian Church in Brooklyn predigte z. B. Rev. A. D. Carlile: „Wenn die Juden fortfahren, unsere Rechte zu mißachten (sie!), werden sie erfahren, was sie bei den Nationen erlebt haben, von denen sie zu uns geflüchtet sind." Dergleichen Beispiele könnten zu Hunderten angeführt werden. Der obengenannte Pastor sagte übrigens bei derselben Gelegenheit: „Es wird ein Tag kommen, wo sich die Christen geeinigt haben werden. Und dann werden die Juden nicht länger den Zionismus zurückweisen, weil Amerika gut genug für sie ist." Mit gerechtem Spotte fragt die „Jewish Tribüne" bei dieser Gelegenheit, was wohl Mr. Jacob H. Schiff hierzu sagen wird, der doch erst vor kurzem Zionismus und Patriotismus für unvereinbar miteinander erklärte und von Amerika behauptet hat, daß es der jüdische Hafen sei. Der Mieterstreik Der Mieterstreik wird womöglich auch nach Chicago hinübergreifen. Es hat sich dort schon eine Vereinigung der. Mieter gebildet, die versuchen will, die Mieten mit allen Mitteln zu ermäßigen. In New York haben die Streikenden bereits nennenswerte Erfolge erzielt. Eine ganze Anzahl Hausbesitzer hat sich bereit erklärt, die Mieten zu erniedrigen. Der Rest wird voraussichtlich bald folgen. Zur Judeneinwanderung in Australien Wir lesen im „Israels Messenger" (Shanghai): - Soeben ist der Jahresbericht der Australian Immigration League erschienen. Dieses ist die Vereinigung, die die jüdische Presse zu veranlassen pflegte,