Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5 ■ '-- DIE3^ „Eh.", sage ich, „nichts, wird schon vorübergehen. Mit dem Herzen ist's nicht ganz, . wie's sein sollte. . . Wird wohl bald ruhig werden. . ." Doch sie: „Nein, Aba, man darf nichts vernachlässigen! Aba, Aba, nimm etwas!" Ihre Güte, o ihre Güte! Vor nachts hab' ich dann Tee mit Himbeer getrunken und mich hingelegt. Sie hat mich warm zugedeckt, aber ich hab nicht schlafen können. . . Und sie sitzt daneben und geht nicht weg vom Bett. „Lea", sag ich ihr, „ge£, tu etwas! Sei nicht so besorgt, 's ist nichts. . . Wird vorübergehen. . . Nur das Herz, das Herz, als ob es herausfallen wollte.. . ." Aber sie geht nicht weg. „Was denkst du an mich?" sagt sie, „ich bin doch gesund. . .-" •.. Schließlich bin ich doch eingeschlafen, ein fester Schlaf. . : Heller Tag war's, als ich aufwachte: . . Sie, Lea; sitzt noch immer am Bett.. . . Da bin ich sogar bös geworden-. „Wozu." sag* ich, „Lea, hast du die ganze Nacht da gesessen? Bin ich denn so gefährlich krank?" Sagt sie mit einem Lächeln: „Woher weißt du denn, daß ich die ganze Nacht da gesessen habe? 'was Neues! . . Sag lieber, wie. fühlst du dich?" Ich hab mich ein wenig besser gefühlt. . . Hab' mir. die Fingerspitzen abgewaschen, sage leise die „Broches", trinke Tee und Milch. Eigentlich wollte ich nicht vor dem Beten . . Aber sie . ..Hin und her — und ich hab' getrunken . . und dann mach' ich mich auf ins Bethaus. . ■. Sie versucht: „Vielleicht gehst du doch nicht ins Bethaus, ein Kranker? . ." Aber ich lache und gehe. ... Ich erinnere mich an eine ganz unbedeutende Sache: Am selben Tag war ein Zugereister im Bethaus, ein Seelsorger. Überhaupt ^gedenk' ich aller Kleinigkeiten, alles, als wär's eben geschehen . . . Alles ist so klar . . . alles kommt mir in den Sinn, alles . . . Ich erinnere mich, wie ich zur Tür hinausgehe und sie ruft mir lachend nach: „Mit dem rechten Fuß!" ... Ihre Spässe! Ja. . . Und so komme ich ins Bethaus und beginne mich mit dem Gast zu unterhalten. Ich sag*, ich . werde ihn nicht zum Beten zulassen, eh' er nicht ein ganzes Maß Wein gespendet. Und er streitet mit mir und sagt schließlich: „Es soll weder nach eurer noch nach meiner Rede gehen. Ich spendiere zwei Maß und vom allerbesten ..." Ja, ja, ein kluger Mann und furchtbar reich dazu! Also, wir stellen uns zum Beten auf . . . Plötzlich, in der Mitte des Gebets, merke ich eine sonderbare Bewegung im Bethaus. Aber was geht es mich an?:' . . Ich steh' mit dem Gesicht zur Wand und höre zu, wie der Kantor singt, — da tritt einer an mich heran: „Reb Aba . . Lea ruft euch!" " Mir wird es plötzlich finster vor den Augen. Ich verliere mich ganz, und. in der Brust zerreißt sich mir etwas ... In der Mitte des Betens . . . Lea läßt mich holen, während des Betens? Lea . . . während des Betens? . . . Ich; -werfe natürlich schnell den gELT- 15 Tallis ab und mit den Tefillin auf den Händen lauf ich nach Hause wie ein .Verrückter ... Ich komme, zum Haus . . . Eine Menge Leute vor der Tür, . ., . Nachbarn, Bekannte, Freunde, alle bestürzt, mit verstörten Gesichtern. „Erbarmt euch", schrer ich, „was ist geschehen?" Keiner antwortet. „Um Gotteswillen, was ist geschehen?", ruf ich nochmals. Alle schweigen und schauen mich mitleidig' an . . . Sie liegt schon auf dem Bett, ihr Gesicht ist totenbleich und sie phantasiert ... Ich wende mich an den Arzt, der neben dem Bett steht. Der schaut mich an, als wollt' er sagen: Ihr seht doch selbst . . . Sofort, im Augenblick begreif ich alles ... Ich steh' und die Tränen fließen . . . Und weine und weine . . . Und plötzlich atmet sieauf, als ob sie erwachte von einem schweren Schlaf und wirft auf mich einen langen Blick ... „Aba", sagt sie mit schwacher, kaum hörbarer Stimme. „Was"? frag' ich . . „Aba, warum weinst du?" „Nein, nein", antwort' ich, „ich wein" ja gar nicht". Und die Tränen stecken mir im Halse. „Doch, du weinst", sagt sie. „Ich weine nicht", antwört' ich noch einmal, und die Tränen stürzen aus den Augen. ^Aba, Aba, du weinst" sagt sie, — da kann ich mich nicht mehr zurückhalten und schluchze laut auf ...... Bitter, bitter, Bruderherz! Was siehst du so auf mich? ... Ich weine jetzt auch . . . Vierzig Jahre zusammengelebt, vierzig Jahre kein schlechtes Wort eins dem andern gesagt! . . . „Wie soll ich nichtweinen, Lea?" sagt' ich. „Aba", sagt sie, „ein Mann, muß ein Mann bleiben! Man muß sich halten! Sicher will er es so ... ." v Sie, sie hat mich getröstet . . . Ein männlicher Kopf! ... Plötzlich fällt sie wieder in Bewußtlosigkeit zurück. Aber gestorben ist sie bei klarem Sinn, bei vollem Bewußtsein. Wenn ich so sterben würde, mit solch klarem Geist wie sie! . . . v Nach einem Augenblick ist sie wieder aufgewacht. „Aba", sagt sie wehmütig zu mir, „werde ich dort in jener Welt etwas haben, von deinem Lernen und Beten?". „Lea", sag' ich schluchzend, „das alles ist doch dein, du . . . du . . . alles du . . . alles dein . . ." Dann hat sie mich gebeten, ich soll mit ihr „Vidui" lesen und nur ich soll mit ihr lesen . . . _Nur du", hat sie gesagt, „kein anderer" . . . Nur ich . . . Wie? ... Was sagst du? Abänderung der Bankstatuten Vor einigen Tagen wurde mir das Formular Nr. l zur Unterzeichnung übersandt, welches den Wortlaut der beantragten Abänderung der Statuten der jüdischen Kolonialbank enthält; jene Zusendung veranlaßt diese Zeilen. Es ist bekannt, daß ich vom ersten Auftauchen des Ost-Afrikaprojektes mich entschieden als Gegner desselben erklärte und das zielbewußte Handeln derjenigen voll und ganz unterstützte, welche dieses Projekt bekämpften. Ich stehe auch heute noch unverändert auf dem Standpunkte, daß unsere Bewegung sich nur mit solchen