Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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o ff □ □ □ □ ocT o \> — FEUILLETON REB ABA Ein Monolog Aus dem Jüdischen des S. J. Onejchi Hm . Wie? . . Uns schon lange nicht gesehen? Ja, ja . . Lange, sehr lange haben wir uns nicht gesehen . : So zehn Jährchen, wenn ich mich nicht irre . . Ja . . Ach, ach . . Was? Wie? Wie's geht? Was sie macht? Ach, frag lieber nicht, frag nicht! Wer lebt, lebt, und wer nicht, nicht . . Seien für uns die Jahre lang! Ach, wenigstens gut, daß man jemand hat, vor dem man sein Herz ausschütten kann . . Nicht der Reb Aba von einst! . . Ganz und gar nicht der Reb Aba von damals! . . Wer und .was bin ich jetzt? Ein . Siebzigjähriger . . Ein Närrischer . . Ohne eigenen ' Haushalt, ohne Stimme im Haus und ohne* Zufluchtsstätte . . Oft, sehr oft kommt es vor, daß ich hier; eben hier im Bethaus, wo wir jetzt sitzen, auf derselben Bank übernachte. . . Ja, nicht" der frühere Reb Aba. ganz und gar nicht der frühere. . . Wie? Was? . . Hast du nicht gehört? Hat man dir nicht erzählt? . . Hab' doch alles ihm abgegeben, meinem Sohn, und jetzt bin ich selbst bei ihm, bei meinem Sohn . . Ach, ach! . . Eigentlich gar nicht fein, gegen sein eigen Blut zu sprechen. . . Aber "s ist bitter. Bruderherz, sehr bitter. . . Alles hat er verdreht, — aus dem Ganzen ein Nichts gemacht. . . Was mich selbst betrifft, ich hab" eigentlich nichts gegen ihn! . . Er ist selbst ewig in Not und darbt ganz . gehörig. Aber vor dir kann ich mich doch aussprechen. . . Du verstehst. . . Was man auch tun mag, alles nicht so. . . Wo man nicht steht oder sitzt, immer ist's schlecht. . . Was man nicht redet, — dumm, Unsinn.- . . Für jeden bin ich zuviel, zu nichts tauglich. . . Ja, bitter, bitter! Und von dem Augenblick an, daß sie tot ist, fühl" ich, daß sie mich zu sich zieht zu sich. . . Ja, ja,, nicht der frühere Reb Aba, ganz und garnicht. . . Ich erinnere mich noch, als wär's eben gewesen, einmal, früher, als Reb Aba noch Reb Aba war, als sie noch gelebt hat, einst, einst!-. . Wie? Hab ich denn wegen etwas gesorgt? Wüßt' ich von irgendeinem Schmerz? . . Bethaus, Lernen, Talmud und Gesetze, und noch einmal Bethaus, Lernen, Talmud und Gesetze, und wiederum und wiederum . . und was noch? Und an was noch, frag ich dich, hatt' ich zu denken? . Hat mir denn etwas gefehlt? Wie? . . Fürs Haus hat sie gesorgt, ganz allein, mit dem Bauer verhandelt, das Geschäft geführt, die Wirtschaft besorgt, ganz allein. . . Ihre Tüchtigkeit, ihre Klugheit, ihre Wahrhaftigkeit und gar ihre Güte! . . Wieviel Waisen sie verheiratet, hat, wieviel Armen aufgeholfen . . Wie oft ist es mir begegnet, ich hab' sie auf der Gasse getroffen, mit einem Päckchen in der Hand ist sie gelaufen, das Gesicht ganz ernst und bekümmert. . . „Wohin, Lea?" hab" ich sie gefragt. „Ach was, Aba, wozu mußt du das wissen? Misch dich nicht in meine Geschäfte, Aba. Kennst Leibke Seldes? Nun, er hat eine Tochter, die diese Woche Hochzeit macht. . . Oder: Du kennst Zlate Sosches? Sie ist krank, die Arme, und muß eine Ziege haben. . ' " Und so war es immer, immer. . . Ihre Wahrhaftigkeit, ihre Güte! .'. Wie? Und einst, einst, als ich noch ich war . . . Verstehst du: ein Mensch, sag' ich dir, ist dumm. Ich hab' selbst nicht gewußt, wie gut ich's hatte! ... Ich erinnere mich: Im Sommer, ich wache auf, — im Sommer hatt' ich die Gewohnheit, mit den Kuhhirten zugleich aufzustehen, — ich mache mir den Samowar zurecht, und wie's mir gerade gelüstet, einmal trink' ich süßen Tee, .einmal. Tee mit Milch, — denn eine Kuh haben wir immer gehabt und eine muntere, feiste dazu, — und alles war, wie ich wünschte und wollte . . . Wie? . . . Und nachher einige Kapitel Mischnais oder Gesetze, dann um halb acht, — um acht hab' ich gewöhnlich den Sawowar für sie warm gemacht, — bin ich. ins Bethaus gegangen . . . Und wie? Hat man denn mit dem Beten ohne mich begonnen? Ohne Reb Aba? Wie? ... Ich trete ns Bethaus ein:' „Reb" Aba ist schon da! Reb Aba ist schon da!" Und alles war hochzufrieden. Und ich lese- „Matoiwo", und oft hab' ich selbst vorgebetet bis zum _Borchu*. Reb Aba war wirklich ein Reb Aba! .... Vom Beten dann nach Hause, und da waren schon gebratene Kartoffel vorbereitet, einmal mit Butter, ein andermal mit Häring . . . Wie denn? War ihr je etwas zu teuer für mich? Oder hat etwas gefehlt? . . . Und dann wieder ins Bethaus, wieder einige Seiten Talmud und dann das Mittagessen, und nachher ein Gläschen Tee Und vor dem S:hlafengehen jede Nacht, jede Nacht ein Glas Milch. . . War ihr denn etwas zu teuer? . . . Und was hat mir damals gefehlt oder welche Sorgen hatt' ich damals? Hatt" ich? . . . Wie?" Und wer hätte sich vorstellen können, daß ich ich . . . ich, dieser schwächliche, kränkliche, — von Jugend an war ich von schwacher Gesundheit; einmal Kopfweh, einmal Stechen in der Seite, — ich . . . ich werde am Leben bleiben" und sie .-. . sie! . . . Und ich erinnere mich noch, als wär's gestern geschehen: Einen Tag vorher fühlte ich mich nicht ganz wohl, nicht im richtigen Geleise: Der Kopf . . . .die Knochen brechen ... vor allem aber dus Herz .das Herz will sich nicht beruhigen. Das Herz, das ist so wie eine Uhr . . . Ich fühle.' daß in der Brust irgend etwas zieht, zieht, als müßt' ich in Ohnmacht fallen . . ., Und an der Stelle, wo das Herz ist, wird es so leer ... Ich erinnere mich, andiesem Tage bin ich nicht einmal zum Abendbeteiygegangen . . . Und sie:. „Aba! Aba!' Was ist dir? Was tut dir weh? Nimm doch etwas zu dir/ Aba! Vielleicht. ein Gläschen Tee mit Himbeersaft oder ein-Glas Milch. . . Vielleicht soll ich ein Huhn braten? Aba!" - Aba hm* Aba her . . Aba . . Ihre Güte!