Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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jung sein heißt stark und kräftig sein... Höret nicht auf Rufe der alten Klageweiber, daß ihr ins Ghetto wollt, daß ihr die Freiheit flieht höret auf, den Ruf, der von jenseits der Grenze klingt, hört den Todesschrei aus Rußland, wo die Juden nicht für ein Landtagswahlrecht, nicht für einen Sitz in der Kultusstube kämpfen, sondern für ihre Kinder, Frauen und. ihr Leben. Bleibet jung, kämpft mit ihnen, für sie, schlagt lustig weiter. Der Säbel ist keine deutsche Waffe. Die Deutschen haben noch im Xot-ihrer Pfahlbauten gesteckt als die Juden schon das Eisen und das Schwert kannten... Der Gedanke der Selbstwehr, den wir hinausgetragen, hat überall Wurzel geschlagen. Hat man schon vergessen, was in Rußland geschah? Wo seid ihr, Juden Wiens, die ihr uns Träumer scheltet, Rückschrittler, die ihr prahlet mit eurer Freiheitsliebe? Für Rennpferde, habt ihr Geld in Hülle und Fülle, für die physische Regeneration der jüdischen Jugend — nicht einen Kreuzer.".. Redner schloß mit der Mahnung: „Vergesset nicht daß ihr Zionisten seid. Der Baum des Nationalgedankens wird nicht blühen, noch grünen, er wird verdorren und verwelken, wenn er nicht in der Muttererdewurzelt. Freie Männer sollt ihr sein und zu freien Taten schreiten. Drum schwört mir, Kadimahner, ihr, die ihr an der Schwelle der Tat steht, treu eurem Volke zu dienen, für Freiheit zu kämpfen und Recht." .Die Versammelten erheben sich zum Schwur, die Damen aus den Logen 'überschütten den „Kadimah"-Tisch »mit Rosen, unter dem Beifallssturm der Anwesenden. Auf die Universität und die Professoren toastierte med. Deutsch, worauf die Professoren Ehrmann und Königstein erwiderten. Mit jubelndem Beifall wurde Abg. Dr. Mahl er empfangen, der in seiner eigenartigen, aber den Kenner ergreifenden Art einen von edlem Schwung getragenen Trinkspruch auf die Jugend hielt. Herr_Böhm beglückwünschte die Verbindung im Namen des niederösterreichischen zionistischen Distriktskomitees, Dr. Josef Bierer forderte die Jugend auf, das hebräische Schrifttum sorgfältiger zu pflegen. Zum Schluß sprachen die Vertreter der akademischen Korporationen. - Bis spät in der Nacht blieben die Gäste in festlicher Stimmung beisammen. Berichterstattung der jüdischen Abgeordneten. Die Mitglieder des jüdischen Klubs, die v Abgeordneten Dr. Gabel, Dr. Mahler und Stand, hielten in den letzten zwei Wochen in allen größeren jüdischen Städten eine Reihe von Agitationsversammlungen ab, die sich zu. einem Triumph für die jüdische Reichsratsvertretung gestalteten. Abg. Stand sprach in Brody.Tarnopol, Czernowitz, Stanislau, Lembergfüber die Lemberger Versammlung brachten wir bereits einen ausführlichen Bericht), überall mit ausgezeichnetem Erfolg. Dr. Gabel erstattete in Drohobycz und Buczacz Bericht, Dr. Mahler erschien vor seinen Wählern in Czortkow und Mikulince. Die Begeisterung der nach Tausenden zählenden Juden, die die Versammlungslokale überfüllen, ist unbegrenzt. Es verdient verzeichnet zu werden, daß nicht nur die jüdische Bevölkerung ihre Abgeordneten feierlich begrüßt. In Brody war bei der Volksversammlung, wo Abg. Stand einen Bericht erstattet hat, auch ein Pole im Präsidium. Abg. Dr. Gabel wurde am Buczaczer Bahnhof auch von Delegierten der ruthenischradikafen Partei empfangen, ebenso Abg. Dr. Mahler. Sollten -diese Fälle nicht vereinzelt sein, sollte es den Juden Galiziens und ihren Vertretern gelingen, eine Polen und Ruthenen gegenüber wohlwollend-neutrale und vertrauenerweckende Stellung einzunehmen, so wäre dieses Ergebnis der jüdischen Politik nicht hoch genug einzuschätzen. Die Zusammenstöße im Lemberger Tempel wiederholten sich auch in diesem Jahre. Anläßlich des Jahrestages des polnischen Aufstandes, eines Nationalfestes, das von den Polen geziemend gefeiert wird, hielten es die Lemberger Kultusgemeinde und die Schulbehörden für angebracht auch die jüdischen Mittelschüler zu einem feierlichen Gottesdienst in die Synagoge zu beordern. Die zionistischen Schüler weigerten sich auch diesmal, diese heuchlerischpatriotische Assimilanten.-Gaukelei mitzumachen, und wehrten sich dagegen, daß die Synagoge zum Schauplatz einer polnischpatriotischen Kahalsbegeisterung-Komödie gemachtwird. Die Meldungen der Tagesblätter, daß die zionistischen Mittelschüler aus der Synagoge verdrängt worden wären, als sie den polnischisraelitischen Gottesdienst stören wollten, beruhen auf einem Mißverständnis. Die zionistische Jugend, die die überwiegende Mehrheit der jüdischen Mittelschüler umfaßt, besetzte frühzeitig die Synagoge, so daß die frommen Assimilanten es waren, die keinen Einlaß gefunden haben. Daß es draußen zu einem erbitterten Zusammenstoß gekommen, ist gewiß nur bedauerlich. Die Verantwortung fällt auf diejenigen, die die jüdische Jugend im Geiste eines polnischen Hyperpatriotismus erziehen, die jüdische heranwachsende Intelligenz ihrem Volke und seinen Idealen entfremden wollen und obendrein für ihren politischen Handel die Synagoge mißbrauchen. Es fand eine Sitzung des „Bundes der israelitischen Kultusgemeinden Oesterreichs" statt. Die Vorstandssitzung beriet über mannigfache Angelegenheiten: 1. Die Schaffung eines Reichsverbandes zur Unterstützung von Witwen und Waisen der Kultusangestellten. 2. Einheitlicher Lehrplan für Religionsunterricht. 3. Rechtsschutz in Gemeinderechtsfragen. Herausgabe eines Werkes über die Geschichte der Juden in der österreichisch-ungarischen Armee (an dem Gg. Frühling aus Lemberg seit Jahren arbeitet). 4. Regelung des Archivwesens. — Für Ende Februar oder Anfang März ist die Einberufung eines Bundestages in Aussicht genommen. Der Wirkungskreis des „Bundes" ist freilich sehr dürftig. Wir können aber nicht die Bemerkung unterdrücken, daß der „Bund", der vorläufig eine jeden Inhalt scheuende Form ist, in dem Maße, wie die israelitischen Kultusgemeinden sich in jüdische Nationalgemeinden, auf Grundlagen des allgemeinen gleichen Wahlrechts verwandeln würden, zu einer wertvollen Gesamtorganisation der Judenschaft Oesterreichs herauswachsen könnte.. An Stelle des nichtssagenden Bundestages würde dann ein für nationale Autonomie kämpfender österreichischer Judentag treten. Korporal B a 1 i n t, der Mörder des jüdischen Soldaten Herschkowitz ist zu drei Jahren schweren Kerkers und zur Degradation verurteilt worden. Es wäre wirklich interessant zu erfahren, welche Milderungsgründe für das Militärgericht maßgebend waren, bei der Verurteilung eines Verbrechens, das selbst der Landesverteidigungsminister noch während der Voruntersuchung im Reichsrat auf das schärfste brandmarken zu müssen glaubte. Russischer Brief ( Von unserem Spezialkorrespondenten) Aus dem jüdischen Parteileben Vor wenigen Tagen fand die dritte Parteikonferenz der zionistisch-sozialistischen Arbeiterpartei statt. Anwesend waren die Vertreter der Rayons: Wilna, Kowno, Minsk, Mohilew, Bobrusjsk, Pinsk, Grodno. Bialystok, Warschau, Lodz, Kiew und Wolhynien. Die Vertreter der Rayons Odessa, Hornel, Dwinsk und Tschenstochau waren verhindert zu erscheinen. Auf der Tagesordnung standen viele Fragen, darunter auch solche von besonderer Wichtigkeit, wie z. B. über das Verhältniszu der Duma, über die Organisation der jüdischen Emigration und die Frage der allgemeinen Parteikonferenz usw. Aus den Berichten der Delegierten war. ersichtlich, daß die Parteiorganisation unter der politischen Krise und insbesondere unter der immer stärker werdenden Emigration der jüdischen Massen stark gelitten hat, insbesondere in Lithauen. Überall begegnet man der vollständigen Gleichgültigkeit und Indifferenz gegenüber den sozialen und politischen Fragen, und in Polen wird eine jede Regung des Interresses durch ungeheure Repressionen unterdrückt. Jedes normale Parteileben ist in Polen infolge des immer schärfer werdenden Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit unmöglich geworden und der Kampf zwischen diesen hat gegenwärtig deutlich ausgeprägte anarchistisch-terroristische Formen angenommen. Dessenungeachtet sprach die Mehrheit der Delegierten > die Meinung aus, daß bei legalisierter Form der Parteitätigkeit einerseits und bei Lenkung der Parteiarbeit auf konkrete und lebensfähige Zwecke anderseits das Interesse der Massen für die Bewegung wiedererweckt und damit auch der sie umfassende politische .und soziale Indifferentismus bekämpft werden könne. Zu solchen Mitteln, welche das Selbstbewußtsein und die Tatkraft der Massen anregen könnten, gehört nach der Meinung sämtlicher Delegierten die Organisation der jüdischen Emigration und Immigration. Zu dieser Frage wurde beschlossen, spezielle Emigrations; Organisationen zu schaffen und in ihrem Rahmen eine energische Tätigkeit, zu entwickeln.