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Die Welt · 1908-01-31 · 5 (31.1.1908) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIE^ELT No. 5 Marakesch und Rabbat herumraufen, er sich da zugunsten des einen oder anderen hineinmischen müsse. Man verzuckert ihm die Pille, indem man ihm sagt, daß die Truppen im Lager von Burniki, die ruhmreichen französischen Truppen, dem Aziz den Rücken decken. Und man singt schon in den Cabarets: „La Kasbah de Mediumah, la Kasbah, la, Ia, la." Aber so ganz plausibel wird die Sache nicht... Kaum eine leise Stimme läßt sich in einem französischjüdischen Blatte über den Zusammenhang der letzten Wirren mit der Judenfrage in Marokko hören. Ein Korrespondent aus Mogador - macht darauf aufmeiksam, daß es notwendig wäre, die marokkanischen Juden von der mohammedanischen Rechtsprechung zu befreien, weil die Kaids und Kadis kaum unparteiisch bei Streitigkeiten zwischen Juden und Mohammedanern urteilen können. Wo sind denn die französisch-jüdischen Politiker, wo sind die Nachfolger Cremieux', wo — die Alliance? Sollen solche Fragen in harmlosen, den Gegenstand kaum streifenden Zeitungsnotizen "abgetan werden? Die Marokkofrage ist doch eine Judenfrage par excellence! Wenn man auf den Boulevards die Städtenamen: Fez, Mogador, Marakesch unaufhörlich ausrufen hört, so taucht doch unwillkürlich im Herzen des Juden die Frage auf: Was gehen denn euch diese Stldte an? Wieviel Franzosen leben denn dort? Was für „Interessen" außer einigen Fabriken und Kaufläden hat denn Frankreich dort? Aber in jeder dieser Städte existiert doch eine jüdische „Mellah" (Ghetto), und wenn die Konflikte verschärft und die Leidenschaften zum Ausbruch kommen, so ist es ja vor allen Dingen die „Mellah", die allen Angriffen so wehrlos gegenübersteht! Diese Frage ist viel wichtiger als die phrasenhaft aufgebauschte „Pacification" der „Schauja-Stämme". „Pacification" ist wiederum ein Schwindelwort, ein blendender Ausdruck. Es ist nur ein neues angenehmes Wort für „Feldzug". Oder wenn es in der letzten Depesche heißt: „nous avons travers£ le pays de ZiaTda", — so bedeutet das wiederum einen kriegerischen Streifzug. Was diese Züge für die Juden Marokkos vorläufig bedeuten, kann man sich leicht denken. Auf der Linie Casablanca—Mediuma—Ber—Rechid, wo der nördliche Teil des Expeditionskorps seinen „nouveau fait d'armes" ausgeführt hat, gibt es jüdische Gemeinden: Auch 'um Fedalsch und Bouzinka leben Juden. Wie werden sich diese Unglücklichen im Gewühl des Krieges erhalten können? Und warum ergehen -.nicht spezielle Befehle aus Paris an das Expeditionskorps, dieses Bevölkerungselement zu schützen? Man spricht immer nur von „Franzosen" und „Christen"! In einer einzigen Mellah leben mehr Juden als Franzosen in ganz Marokko (die Christen in den Küstenstädten sind zum größten Teil Spanier).. Aber kein Mensch denkt daran. Die Sache liegt noch tiefer. Herr Delcasse möchte wieder zum Helden, zum Propheten, um im marokkanischen Bilde zu bleiben: zum Mahdi der französischen Chauvinisten werden. Im.Grunde ist die Mehrheit immer noch den Argumenten der „Staatsraison" und der glatten Phrase zugänglich. Dieser Geist will wieder durch koloniale Abentener zur Geltung kommen. Hoffen wir, daß die gesunde Logik dieses Gespenst verscheuchen wird. Vom jüdischen Standpunkte wäre eine friedlich durchgeführte - Reform in Marokko höchst wünschenswert, aber ein Krieg birgt in sich die schwersten Gefahren. ... Wiener Brief (Von unserm Spezialkorrespondenteni. Das Jubiläum der „Kadimah'' Die „Kadimah"-Festlichkeiten begannen Montag den 20. d. M. mit dem Begrüßungsabend im „Riedhof". Es sind erschienen mehrere „alte Herren" der Verbindung, sämtliche Studentenkorporationen Österreichs, etwa 30 an der Zahl; einige auswärtige Brudervereine waren vertreten. Der Ball am 21. in den Sophiensälen nahm einen glänzenden Verlauf. Um 10 Uhr abends erschien der Rektor der Wiener Universität. Herr Ho'frat Dr. Ebner v. Rofenstein, und wurde von den Mitgliedern des akademischen Protektorats begrüßt. 'Unter den Anwesenden bemerkte man die Schriftsteller FelixSalten undBeer-Hoffmann. Am 23. fand in den Räumen des ehemaligen. Kongreßbureaus ein Festk-onvent statt. Herr Uprimny würdigte in seinen Ausführungen die Vergangenheit der jüd.-nät. Verbindung „Kadimah", med. Deutsch entwickelte ein Programm der bevorstehenden Tätigkeit. Nach einer warm gehaltenen Ansprache des Herrn jur. Löhners wurde Herr .Dr. M. T. Schnirer, Gründüngspräses der „Kadimah", zum Ehrenburschen ernannt. Ebenso auf Vorschlag der „alten Herren" Reich und Litzmann die Herren Dr. Nathan Birnbaum und Rubin Bierer. Freitag den 24., um 11 Uhr vormittags, pilgerten. Hunderte üdischer Studenten zum Döblinger Friedhof. Die „Kadimah" legte auf das Grab Theodor Herzls eine Bronzetafel nieder mit der hebräischen Inschrift: „Kadimah" ihrem größten Ehrenburschen." Nachdem der Obmann, jur. Rosenhek, einige Geleitworte gesprochen, hielt med. Deutsch eine kurze ergreifende Ansprache. „Wir sind, vom Feslglanz umgeben, herbeigeeilt, um das eherne Erz auf dein Grab, niederzulegen. Und beim Betreten dieses heiligen Bodens ist die Festfreude-verschwunden, denn wir hören aus dem Grabe die mahne'nde Stimme: -«Kommt ihr, Jungens, um mich ins Heimatland zu holen?» Gerne möchten wir dir die Botschaft bringen, daß das Volk frei,, das. Land unser ist. Aber noch sind wir schwach, doch im Kampf geht's Schritt für Schritt vorwärts!. . Die Waffen halten wir hoch, den Schild blank und rein. Wir werden wiederkommen!... Wache über uns, du Geist des toten Führers!" . :. Die Versammelten verweilten noch in stiller Andacht am Grabe. Am 25. erfolgte die Auffahrt der „Kadimah" auf der Universität, nachdem der Rektor sein ursprünglich erlassenes Verbot zurückgezogen. Es gelang auch, den Deutschen Hochschulausschuß, der in der Auffahrt einer jüdischen Verbindung eine Verletzung des Deutschtums der Wiener Universität erblickte, des bessern zu. belehren. Da jedoch vom erfolgten friedlichen Ausgleich nichts Bestimmtes bekannt gewesen und vermutet wurde, daß die deutschnationalen Studenten versuchen würden, die Auffahrt zu vereiteln, besetzten gegen fünfhundert jüdische Studenten schon frühzeitig die Aula, um sich zur Wehr 'setzen zu können. Um 11 Uhr erfolgte ungestört die Auffahrt der „Kadimah" und ihrer« „alten Herren" in 36 Wagen. Das Präsidium und eine Deputation begaben sich zum Rektor, um ihm „das fünfzigste Semester zu melden". Der Rektor empfing die Delegierten auf das freundlichste und sagte in Erwiderung auf die Meldung: „Ichbeglückwünsche Sie zu Ihrem 25 jährigen Kampf für Freiheit Ehre und Wahrheit und zu dem Sieg, den Sie auf der Wiener Universität errungen." Eine 1000 köpfige Menge wogte abends in den Sophiensälen, wo der Jubiläumskommers die Festwoche abschließen, sollte. 250 Telegramme und 130 Schreiben überbrachten die Glückwünsche unzähliger Freunde. Es sandten Begrüßungsschreiben u. a.: Der Präsident des A.-C., Herr David Wolffsohn, Dr. Max Nordau, Prof. Dr. Otto Warburg: Dr. Franz Oppenheimer, Prof. Raudnitz aus Prag und viele andere. Fast alle „alten Herren", ]50 an der Zahl, versammelten sich an dem geschmackvoll' dekorierten „Kadimah"tisch in der Mitte des Saals, jur. Rosenhek eröffnete den Kommers mit einer begeisterten Ansprache und' teilte der Festversammlung die Worte des Rektors der Universität mit, die mit tosendem Beifall aufgenommen wurden. Darauf hielt Herr Dr. Moritz T. Schnirer die Festrede,* (die wir in 'der nächsten Nummer bringen werden). Nachdem Regierungsrat Dr. Steg er (Nichtzionist) einen Toast auf die jubilierende Verbindung gehalten, brachte jur. Fritz Kahn er einen Trinkspruch auf die „alten Herren" aus, denen alle der „Ka- . dimah" zugedachten Ehren eigentlich gelten. Sie haben nach zwei Richtungen den Boden durchfurcht.' Sie haben den jüdischnationalen Gedanken nach dem Westen getragen, von dem Grundsatz des Dichters geleitet: „Sei, der du bist, nicht mehr und nicht -weniger, der sei aber -ganz" (Peter Altenberg). Dann haben sie uns wehrhaft gemacht. Keine Macht kann erreicht werden, wenn keine Kraft vorhanden .. . Sie haben uns gelehrt, unsere Freunde zu lieben, ■ aber unsere Feinde zu hassen. Redner schloß mit herzlichen Dankesworten an die .a. H. a. H. Im Namen der letztern erwiderte Herr Dr. Schallt, der zunächst aller Toten der-Verbindung gedachte (Kokesch, Elkan, Donreich, Chodrower, Sachs, Burstin, SauerbergV. „die mit am Wegbau waren." Er gedachte ferner Theodor Herzls, den Kadimahner aus der Stille des Studienzimmers aufs Feld der Tat gedrängt. (Die Versammlung erhob sich.) Redner schloß_ seinen Nachruf mit den Worten: „Meister, . wir grüßen dich! Uberall, - wo jüdische Herzen schlagen, wo Sehnsucht weilt nach verlorener Freiheit und Land, üherall, wo der Jude schafft in der Studienstube oder im Kampfgewühl, wird deiner. gedacht. Und aus diesem Saal wehe ein Gruß zu deiner Ruhestätte. All' unsere Hoffnung, Kraft und Arbeit senden wir dir,, auf daß dein Leib werde ein Samenkorn der Freiheit, und deiner Gruft entsprieße das Glück unseres Volkes. Trauern heißt nicht klagen, leben und preisen, — nicht singen, sondern fortwirken und fortschaffen im' Sinne des "Gewesenen. Wenn -von uns nichts bleiben wird, als die Spur von Menschen, die den Weg des Lebens hinaufgegangen sind und hinab, dann lasset junge Freunde, uns alte Kadimahner in euren Traditionen fortleben. Haltet sie hoch, harret aus", laßt eudh nicht beirren. Man sagt euch, ihr störet den Frieden der Gemeinde. Ich sage euch, die Gemeinde ist nicht ein Friedhof, und der Friede nicht Grabesstille. Der Friede ist die laut hinschallende, leidenschaftliche Begeisterung für ein großes, gemeinsames Ziel- Blejbt jung, denn

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