Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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jüdisches Gepräge gibt. Dann kommen die possierlichen Begriffsverbindungen: peneträtion pacifique nnd... die Niederlage der Hafidschen Mehalla, durch die Schauja-Stämme verstärkt, die vom General d'Amade geschlagen worden sind. Oder... mission de la France und . .. die Einnahme der Stadt- Settat. Um die Sache noch bunter zu machen, erklingt manchmal ein anderer biblischer Name der Name, eines Edenflusses: Pichön. So heißt bekanntlich einer der französischen Minister, der unlängst aus Spanien zurückgekehrt ist, wo er sich mit der dortigen Regierung über die Handlungsweise in Marokko verständigt hat. Nur daß sich die Sachlage im Laufe einiger Tage wieder radikal verändert hat. Also zittert jetzt Abdul-Aziz in Rabbath. Von seiner Macht ist ihm nur der Name „Aziz" geblieben. Er glaubte als Sultan des Nordens wenigstens sicher zu sein, aber auch der Norden wankt. Muley-Hafid hingegen gebärdet sich als Khalifa. Ob wirklich in den Moscheen sein Schreiben verlesen wird, das zu einem heiligen Kriege gegen die Christen, insbesondere aber gegen die Franzosen (letzteres soll eine Interpretation sein)' auffördert, — weiß ich nicht.- Auf den Boulevards wird es verlesen. Ob die Stämme, die General d'Amade. wegen der Beteiligung an den Exzessen bestraft hat, schuldig Sind. — auch das weiß kein Mensch. Dieser frischgebackene Kenner Marokkos wird sich auch kaum in jenem Chaos von Stämmen, schuldigen und unschuldigen, zurechtfinden können. Aber vorläufig wird dreingehauen. Ein gewöhnlicher, nicht diplomatisch verzwickter Beurteiler würde sagen: Diese Ausschiffungen, Blockaden, Märsche von 30, 50, 60 Kilometer, dieses Vordringen mit Geschützen und Mitrailieusen sind doch ein Eroberungskrieg! Aber die glatte Zunge der Diplomaten sagt: Nein, das ist unsere „Marokkopolitik", „die darin besteht, unsere Landsleute und die Europäer zu schützen". Als Jaures das Gegenteil behauptete, ließ Herr Delcasse eine jener großen, glatten Reden vom Stapel, wie sie diese Leute sprechen können und wie sie auch auf die Mehrheit der kritiklosen Zuhörer wirken. „Frankreichs Ehre", „Interessen4-, „Allianzen*1, „friedliche Mission" und wie all die Seifenblasen heißen. Ein Jude, der diesem Gerede zuhört, möchte fast ausrufen: Wir haben ja in Marokko mehr Interessen als alle Algeciras-Mächte zusammengenommen. 'Wir haben ja Hunderttausende von Volksgenossen in Marokko, die seit Jahrhunderten furchtbar leiden und die durch die jetzige Krise in die ärgste Klemme geraten sind. Warum gedenkt man nicht dieser Unglücklichen? Wenn, irgendein französischer Industrieritter in einer marokkanischen Küstenstadt eine „agence" für seine Spekulationen errichtet hat und wenn eine Gruppe solcher Geschäfte existiert, so heißt das „französische Interessen", für die mau die Mehallas Muley-Hafids kulturgemäß niedermetzeln muß. Ist es nicht eine viel wichtigere, ethische Pflicht, die wehrlosen Juden zu schützen? Oder muß man die Eventualität, richtiger gesagt: das schier Unvermeidliche in Betracht ziehen, daß man, wenn man einen mohammedanischen Fanatismus entfacht — und man entfacht ihn ja! — man förmlich Feuer auf die Köpfe der Juden schüttet? Sagt ja Pichon ganz deutlich: Wir müssen die Christen schützen! Und die Juden? Daß die Juden die eigentlichen Opfer dieser Politik sind,— das wird kaum unbekannt sein, aber darum kümmert sich kein Mensch. Ob der heilige Krieg erklärt worden ist oder nicht, — der Westen ist gewohnt, die disziplinierten Begriffe, die er sich ankultiviert hat, auf den Osten zu übertragen. Dort im Osten nimmt man die Sachen nicht so genau. „Erklärt" oder „unerklärt", wenn das Volk gereizt ist, schlägt es los, und da die Christen doch jedenfalls, wenn nicht überall tatsächlich, so doch durch das „prestige", ihrer Regierungen geschützt sind, so ergießt sich das gärende Drachengift über die Juden. Für die Wortführer der Staatsraison, die; die schönklingenden, aber inhaltsleeren Worte: „Interesse", „Ehre", „Friede" herumwerfen, bietet eine wirkliche Menschlichkeitsfrage, wie es die Judenfrage in Marokko ist, keinen ergiebigen Stoff. Ein Delcasse, für den die Alliance mit Rußland den Inbegriff aller Staatsweisheit bildet, kann doch nicht für die Juden Marokkos eintreten. Er würde Gefahr laufen, daß ihn Aziz, oder Afid, oder der dritte im Bunde: Bu-Amru, der Einäugige, der wahrscheinlich bald, wenn sich die beiden Sultane gegenseitig kaput machen werden, eine große Rolle spielen wird^ auf Rußland hinweist. Auch Clemenceau und Ribot haben dieser Frage keine Aufmerksamkeit geschenkt und auch Jaures hat wohl Interesse für das Allgemeine, aber was gehen ihn die Juden Marokkos an? Daß aber in der Kammer, wo doch noch einige Juden sitzen, kein einziger diese Judentragödie in Marokko auch nur mit einem Worte erwähnt hat, — ist höchst bezeichnend. . Als man in Algier die neuen Gesetze einzuführen beabsichtigte, nahm ein damaliges jüdisches Mitglied der Regierung, der unvergeßliche Adolphe Cremieux, die Gelegenheit wahr, die Rechte der Juden zu sichern. Die Zeiten haben sich geändert; die alten französischen Juden, die noch eine große Pietät für ihren Stamm hatten, leben nicht mehr. ... Natürlich wäre es für die marokkanischen Juden ein Segen, wenn es irgendeiner fortschrittlichen europäischen Regierung gelänge, jenes tiefgärende islamitische Reich zu beherrschen. Aber wie die Dinge jetzt liegen, sind es nur entweder Interessensphären oder Reibungen und Abenteuer, angesichts deren die dortigen Juden der Gefahr, aufgerieben zu werden, gegenüberstehen. In Algeciras wurde auch der Schutz für Juden platonisch in Aussicht gestellt, aber was bedeutet dieser fromme Wunsch, wenn nicht einmal die wichtigeren Reformen ernstlich behandelt werden? Die Situation stellt sich jetzt folgendermaßen dar: Abdul Aziz, ein von der Kultur beleckter Jüngling, der gerne Auto fährt und photographische Aufnahmen macht, schwach und anscheinend etwas gutmütig, hat die Algecirasakte unterschrieben. Er war vielleicht" auch geneigt, die Rechte Andersgläubiger anzuerkennen. Er besitzt aber keine Autorität im Lande, er hatte nur einige Soldaten und kein Geld. Die finanziellen Verlegenheiten waren so groß, daß er wegen einiger Hunderttausende Francs seine Juwelen im Mont dePiete verpfänden mußte. Komischerweise geht jetzt in Paris ein dunkeläugiger Berber herum, den man Finanzminister und. außerordentlichen Gesandten seiner Scherifischen Majestät bei der Regierung der Republik nennt. Es ist der sogenannte EI Mokri, der nach Paris gekommen ist, um wegen einer Anleihe von 150 Millionen Frcs. zu unterhandeln. Ein Thema für Witzblätter, — aber es hat auch eine ernste Seite. Hätte man dem schwächlichen Aziz zur rechten Zeit Millionen und Geschütze gegeben, so wäre es vielleicht möglich, die Algecirasbeschlüsse mit Gewalt gegen die verschiedenen Prätendenten und Stämme in Marokko durchzusetzen. Aber man hat es nicht getan, weil es sich nicht um ein einheitliches, reifgewordenes, humanes Bestreben, sondern um ein politisches Spiel handelte. Da man Aziz im Stiche ließ, so hat er von der Bestätigung der Algecirasakte bei seinen Untertanen nur die Blamage, nicht aber die Möglichkeit einer kräftigen Durchsetzung der Reformen erreicht. So mußten die Hafids und die Schauja- Stänime, und wie sie alle heißen, zur Geltung kommen, und so sieht sich Frankreich jetzt gezwungen, einen Krieg zu" führen; während es immerfort die Phrase wiederholt, daß es nur seine Interessen und die Interessen der Christen schützt. Jaures möchte überhaupt nicht Frankreich für irgendetwas in den Krieg ziehen sehen. Will Frankreich die Kultur nach Marokko tragen, dann ä la bonheur! Geschäfte gründen, Eisenbahnen und Brücken bauen, Schulen eröffnen, — das ist Kultur! Aber mit Gewalt macht man ja die Leute nicht besser, sondern roher und wilder, als sie sind. Nun dreht aber die Politik den Spieß um, — sie sucht auch nur Interessen zu fördern oder zu. verteidigen, aber dazu sind Konzessionen nötig, und die Konzessionen müssen, wie sie behauptet in notwendigen Fällen durch die Macht unterstüzt werden. Jedoch ist beides falsch. Der französische „Citoyen" besitzt gar nicht das Expansionsbedürfnis, um den Stamm Schauja bei Settat für sich zu gewinnen; er hat noch kaum Algier und Tunis assimiliert. Aber man muß doch etwas tun, um den militärischen Ruhmesdurst zu stillen. In früheren Zeiten durfte man den natürlichen, zuweilen auch nützlichen Größenwahn dadurch befriedigen, daß man an eine rückständige Regierung, die ihre Untertanen drangsalierte, das Machtwort „justice" richtete. Wie schön wäre das auch jetzt! Denkt euch eine Algeciraskonferenz ohne egoistische Interessen und Intrigen, die klar und scharf im Namen der ganzen zivilisierten Welt ein Ultimatum an Marokko mit der Forderung einer Gleichberechtigung aller Völker -und Religionen senden würde! Und wenn es Frankreich darauf ankommt, das Verdienst einer solchen Tat für sich in Anspruch nehmen zu dürfen, so denkt euch Frankreich in dieser Rolle! Blutvergießen wäre gar nicht notwendig, wenn Marokko wüßte, daß hier tatsächlich ein „kategorischer Imperativ" vorliegt. Wäre aber ein Krieg nötig, so wäre doch wirklich ein solcher Krieg wenigstens von der Glorie einer großen Idee beschienen. So etwas ist aber jetzt gar nicht denkbar. Man darf sich ja nicht „in die inneren Angelegenheiten eines fremden Landes mischen"! Die Humanität ist ja entthront und die Staatsraison, die sich je nach den Bedürfnissen eine Moral zustutzt, ist doch die einzige leitende Idee geworden! Anderseits gibf s doch aber keine Politik, ohne Einmischung, und wenn man die Interessensphären immer weiter ziehen will, so muß man doch hier oder dort eindringen. So entsteht die politische Lüge, für die die Diplomatie eine spezielle verschönernde Terminologie geschaffen hat. Es ist dem gesund denkenden ^Citoyen" furchtbar unangenehm, wenn man ihm sägt. daß. weil zwei „Scheriffe" sich zwischen