Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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eine kluge und gerechtfertigte Vorsichtsmaßregel seitens der Kleinen. Die Eltern sprachen weder noch verstanden sie Englisch, aber ich konnte genug Russisch, um ihnen meinen Wunsch klar zu machen. Und nachdem sie erfahren hatten, daß ich an der Universität studiere, betrachteten sie mich als einen „tchestni tchelovek", d. i. einen anständigen Menschen, und bewiesen mir ihr Vertrauen, indem sie den beiden Kindern gestatteten, meiner Einladung zu folgen. Ich war, glaube ich, der einzige Christ im Theater und meine Begleiter waren die einzigen Kinder. Meine geringe Kenntnis des Yiddish hatte sich als ein gefährliches Ding erwiesen, der Titel, nicht der Zweck der Aufführung war „Um der Kinder willen". Ich hatte eine Pantomime erwartet, indessen gab es eine Tragödie aus dem jüdischen Leben New Yorks. Die Kinder waren mit den Vorgängen auf der Bühne sehr vertraut und sagten mir auf Befragen, daß es ein überaus wahrheitsgetreues Stück sei. Die Szene versetzte uns zunächst nach Rußland, wo wir mehrere Eltern finden, die sich über Briefe unterhalten, die sie aus Amerika erhalten haben. Schließlich entschließen sie sich, dörthin auszuwandern „um der Kinder willen". Wir kommen nach Amerika mit einer Gruppe Einwanderer, die sich in New York ansiedelt. Wir sehen, wie die Kinder sich in Sprache, Lebensart und Kleidung amerikanisieren, wie sie aber auch in Religion und Moral entjudet werden, wie sie ihre Seele verlieren, indem sie die Welt gewinnen. Und zum Schlüsse erblicken wir die Eltern, zerbrochenen Herzens über die unglücklichen Resultate ihres Experiments und hören, wie sie sich entschließen, in Armut und Verfolgung nach Rußland zurückzukehren „um der Kinder willen". Ich habe seitdem viele jüdische Stücke gesehen und es ist bezeichnend, daß in fast allen zum Schlüsse die Helden untergehen durch den zersetzenden und demoralisierenden Einfluß ihrer neuen Umgebung. Und seitdem ich tieferen Einblick in ihr Leben und Treiben getan, ihre« geheimen Freuden und Leiden kennen gelernt habe, und mit ihren mannigfachen Mängeln und. Lastern vertraut bin und auch ihre Ansichten kenne, kann ich mit meinen kleinen jüdischen Freunden sagen, daß es lauter überaus wahrheitsgetreue Stücke sind. Natürlich habe ich auch vieles anders gesehen als die Schauspiele es schildern. Aber unter der Oberfläche des Ghettos von New York flutet ein ebensolcher Strom menschlichen Lebens und ein ebensolches Gefühl, wie wir es im russischen Ansiedlungsrayon finden. Ich habe Juden Amerika ebenso tief und ebenso oft verfluchen gehört, wie Rußland von den Juden verflucht wurde und ein hervorragender Jude, der sein Leben im Dienste seines Volkes vollbracht hat, hat mir erzählt daß er die Alten in Israel Kolumbus habe verwünschen gehört, weil er Amerika'entdeckt hat, das Land zu dem sie kommen und das sie unter Verzicht auf ihren ganzen materiellen Gewinn freudig wieder verlassen möchten, um mit ihren Kindern nach Rußland zu gehen „um der Kinder willen", wenn nicht sie selbst nach Rußland nicht wieder hinein könnten, weil die russische Türe verschlossen ist, und wenn nicht ihre Kinder nicht nach Rußland gingen, selbst wenn sie könnten, weil die amerikanische Türe offen ist. In Rußland gibt es viele Juden, die außerhalb des Ravons - leben, Kaufleute erster Gilde, Angehörige akademischer. Berufe, Arzte, Apotheker, Dentisten und geschickte Handwerker. Diesen steht es frei, nach Amerika zu kommen, und. sie würden ein vorzügliches Eihwandererelement abgeben.' Indessen die meisten von ihnen bleiben in Rußland, trotz der Vorteile, die sie in Amerika genießen. Sie sind besser als ihre Brüder im Ansiedlungsrayon über die Gefahren informiert, die ihrem Glauben und ihrer Moral drohen. Und da sie, wie alle Juden, neben einem ausgeprägten Geschäftssinn die Gabe der richtigen Abschätzung des geringen Wertes weltlicher Güter besitzen und zudem ihren Glauben höher schätzen als Gold oder Komfort oder Ansehen oder gar das Leben, so halten sie es „um der Kinder willen" für edler, die Leiden zu ertragen, denen sie in Rusland ausgesetzt sind, als nach Amerika zu entfliehen". An Hand des Gordinschen Dramas „Gott, Mensch und Teufel" (das seinerzeit in der „Welt" veröffentlicht worden ist) führt der Verfasser des weiteren aus, wie gut es im allgemeinen den Juden in Amerika in materieller Hinsicht gehe und wie sehr sie in moralischer Hinsicht entwertet werden. „Tatsächlich bilden die Juden die stärkste produktive Kraft in New York und tragen am meisten zu seinem Wohlstande bei. Und obwohl viele von ihnen arm bleiben und in manchen Teilen des Ghettos eine schlimmere Übervölkerung herrscht als im Ansiedlungsrayon oder gar irgendwo in der Welt, bevölkern in Amerika die Juden trotzdem nicht die Fabriken oder stellen große Ansprüche an die private Wohltätigkeit. Solche, die große Vermögen ansammeln, gibt es wenige, aber der Durchschnitt der Wohlhabenden ist größer als irgendwo unter den Juden sonst. Aber wie überall, haben ganz besonders in Amerika die Juden größere Gefahren zu überwinden als die Nichtjuden, nicht nur um ihren Besitz zu erhalten, sondern auch um ihn zu erlangen. Der Jude muß am Sonnabend arbeiten und so den Sabbat verletzen und den Gottesdienst vernachlässigen, wenn er Erfolg haben' will. So muß er mit einer Sünde sein Werk beginnen, das, was er glaubt, kann er nicht tun, und das, was er glaubt, unterlassen zu müssen, muß er ausführen. Viele der älteren Juden, die gewohnt sind, unerschütterlich den Buchstaben des Gesetzes zu beobachten, fassen einen heroischen Entschluß, verlassen ihre Geschäfte, die* sie nicht betreiben können, ohne den Glauben zu verletzen und werden Bettler, um die Freiheit zu haben, ihre Festtage und ihre Fasttage zu halten, wie es das Gesetz vorschreibt. Aber, ihre Kinder lernen sehr schnell die Ideale mißachten; die man ihnen in dem Ansiedlungsrayon 'eingepflanzt hat. Die Geschichte von Gretchen im Faust ist "die vieler jüdischer Mädchen in New York. Ihre Veranlagung, ihr Geist beruht auf einer guten Grundlage und würde genügen, sie in ihrer alten Welt ungefährdet durchs Leben zu führen, aber er genügt nicht für die neue Welt' und die Versuchungen, denen sie dort ausgesetzt sind. Sie sind naiv, wo sie klug seih sollten, kindlich, wo sie erfahren sein müßten, romantisch, wo sie sich auf die Moral stützen müßten, abhängig von rituellen Vorschriften und Meinungen, wo sie auf sich selbst angewiesen sein müssen. Das ist die Folge der veralteten Verhältnisse, wie sie in Goethes Tagen in Deutschland herrschten, und wie wir sie heute noch in der russischen Jüdenheit des Ansiedlungsrayons finden. Gegenüber den Versuchungen, denen sie hier ausgesetzt sind, hält die leichte äußere Stütze ihrer Moral nicht stand, und bevor sie eine innere Erfahrung erlangen, ist die böse Erfahrung Gretchens zu oft schon die ihre geworden. Können wir hoffen, daß das Judentum sich in Amerika zu einer neuen Blüte durchringen wird, in diesem Lande, wo Vertreter aller. Länder und Gewohnheiten beisammen sind? Wird nicht ein neues Judentum entstehen, voll von Hoffnung für den Juden sowohl wie für die Menschheit, wenn die Größe und der praktische Sinn des deutschen Reformjudentums, der Idealismus und die Geisteskraft der russischen Orthodoxie und die einfache Würde und der Stolz auf die Vergangenheit der Sephardim sich miteinander verschmolzen und das Beste ' der christlichen Kultur mit den Feinheiten ihres alten Glaubens vereinigt haben?" Der Schreiber des Artikels schildert sodann einen Seder-Abend, den er in Amerika gefeiert hat und vergleicht ihn mit solchen, die er in Rußland erlebte. Er beschreibt die großartige Würde und Feierlichkeit, die diesen Abend auch in der ärmsten russischen Judenfamilie verklärt. Ein wunderbares Band des Zusammenhanges, umschließt die ganze Familie und in der niedrigsten. Hütte wohnt eine Majestät, wie man sie nimmer hinter den armen gehetzten Sträßerihähdiern gesucht hätte. Anders war es in Amerika. Die Eitern noch erfüllt von den alten Erinnerungen und versunken in den mystischen Glanz jenes wundersamen Festes. Die Kinder spottend, lächelnd, gelangweilt und ungeduldig. Aber sie haben für die verlassene Religion und Moral keine neue bessere eingetauscht. SeTir schnell haben sie das äußere Tun und Gebahren ihrer neuen amerikanischen Umgebung angenommen, aber die innere Festigkeit und Sicherheit eines Amerikaners ist ihnen fremd geblieben. Zum Schlüsse verspricht der Verfasser in seinem, nächsten Artikel die Mittel untersuchen zu wollen, die die eingeborenen Amerikaner anwenden, um der seelischen Not dieser „fremden" Juden zu steuern, die den alten Leitstern ihrer Vergangenheit verloren haben und ein neues Ideal suchen in der finsteren Nacht, die auf sie gefallen ist. Die Juden im marokkanischen Tohuwabohu x (Von utiserm Spezialkorrespondenten) Paris, 26. Januar Wir sind ganz marqkkanisiert geworden. Nichts als Abdul Aziz, Muley-Hafid, der Sultan des Nordens, der Sultan des Südens, die Proklamation der. Ulemas, die Kasbah von Mediumäh und Settat, das vom General ü' Amade.eroberte und wieder geräumte Settat Auf den großen Boulevards und vor den Cafes, wo es zur Abwechslung friert und taut, glaubt man sich auf einem orientalischen Basar zu befinden, denn man hört da nichts als die arabischen Personen- und Ortsnamen von schreienden Zeitungsverkäufern unaufhörlich ausrufen. Nur die französische' Aussprache dieser Namen mit dem Akzent der Pariser Camelots, die nicht einer gewissen Ironie entbehrt, zerstört gewissermaßen die Illusion. Komisch klingt das hebräisch-arabische Rabbäth mit dem Pariser „r", öder Jehad (der heilige Krieg) mit dem französischen „J", das dem .Worte fein