Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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s= DIE^ELT ' NACHRICHTEN Jüdische Volkskunde Kola. Nach einer längeren Pause fand Montag abend wieder eine Vorlesung in der von Herrn Sokolow veranstalteten Serie von Vorträgen über Themata aus dem Gebiete der jüdischen Volkskunde im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" statt' Herr Sokolow sprach dieses Mal über „die Sephardim". Auch * dieses Mal zeigte sich wieder so recht die große Beliebtheit, deren sich die Vorlesungen des ^ausgezeichneten Vortragenden in der jüdischen Gemeinde Köln erfreuen. Der Vortragssaal der Rheinlandloge war überfüllt Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte das Publikum den hochinteressanten Ausführungen des Redners. — An den Vortrag schloß sich noch eine kurze, aber sehr interessante •Besprechung. Das Begräbnis Abraham Goldfadens Das Begräbnis des vergangene Woche verstorbenen jüdischen Dramatikers Abraham Goldfaden verursachte tumultuarische Szenen, weil nahezu hunderttausend Menschen gekommen waren, ihm das Geleit zu geben. Die Polizei war anfangs machtlos, bis Verstärkungen eintrafen. Stundenlang waren die Straßen gesperrt und der Verkehr völlig unterbrochen. Unter dem Fremdengesetz Wir berichteten jüngst über den Fall jüdischer Einwanderer in England, die auf dem Schiffe durch falsche Vorspiegelung eines Betrügers ihrer Habe verlustig gegangen und infolgedessen mangels der erforderlichen Mittel vom Einwanderungsamt nicht zugelassen worden jj^aren. Inzwischen ist es dank den Bemühungen der Hamburg-Amerika-Linie gelungen, des Betrügers habhaft zu werden. Infolgedessen bekamen die beraubten Einwanderer bei ihrer Rückkehr nach Hamburg fast ihr ganzes Geld zurück. Indessen gelang es nur einem von ihnen, die Erlaubnis zur Zulassung zu erhalten, einem gewissen Selzmann, der aus Rußland geflohen war, weil er zu Unrecht zum Militär ausgehoben werden sollte. Die Frau Chaitow, von der wir in letzter Nummer sprachen, wurde nicht zugelassen, weil sich herausstellte, daß sie falsche Angaben über ihre Familienverhältnisse gemacht hatte. Ein Agent hatte ihr gesagt daß sie leichter zugelassen würde, wenn sie angäbe, ihr Mann lebe noch, während dieser tatsächlich längst gestorben worden war. Die Zerstörung der Familie Wir lesen im „Jewish Comment": Ein Mann, der sich in Baltimore niedergelassen und die nötigen Schritte zur Erlangung des amerikanischen Bürgerrechtes bereits eingeleitet hatte, ließ jüngst auch seine Familie in sein neues Vaterland nachkommen. Allen wurde die Zulassung gewährt mit Ausnahme der Frau des Mannes, der Mutter der Familie. Sie litt an Trachoma (Augenkrankheit) und wurde bis zur Heilung nach Europa zurückgeschickt. Nach einiger Zeit kehrte sie wieder, um das gleiche Schicksal zu erleiden. In Europa hatte man sie als geheilt entlassen, in Amerika wurde sie als krank zurückgewiesen. Als sie auch das drittemal wieder zurückgeschickt wenden sollte, richteten ihre Verwandten ein dringliches Gesuch an die zuständige Behörde und erlangten dann auch die Vergünstigung, daß der .Unglücklichen gestattet wurde, ins Land zu kommen unter der Bedingung, daß sie sich dort in Behandlung begebe. Einige Zeit später ereignete sich ein anderer, sehr ähnlicher Fall mit einem jungen Mädchen. Der Punkt den wir betonen wollen, schreibt das obengenannte Blatt, ist der Eifer, mit dem die Verwaltung darauf bedacht ist die Familie zu zerstören. Während jedermann im ganzen Lande, jedesoziale und philanthropische Institution bemüht ist, den Familiensinn zu beleben, erklärt die Regierung einem nach dem andern, daß sie nicht gesonnen ist Familienbande anzuerkennen, da, wo es sich um kranke Angehörige handelt Wir wollen absehen von der furchtbaren/Grausamkeit die bierin liegt; was schlimmer ist ist der Eindruck, den dieses Verhalten auf die Einwanderer selbst machen muß. Der Einwanderer ist sicher, hier amerikanische Sitten und Gewohnheiten zu sehen, eine amerikanische Art, unproduktive Glieder auszuscheiden. Man weiß genau, daß der Einwanderer nichts so schnell sich aneignet als die schlechten Gewohnheiten. Nun findet er oft seine heißen Bemühungen, sich mit seinem Weibe zu vereinigen, von der amerikanischen Behörde zu nichte' gemacht, und der Effekt einer solchen Überlegung ist klar. Was wir ebenso dringend wie Schutz vor eingeführter Krankheit fordern müssen, ist Schutz der im eigenen Lande gezüchteten Unmoral. Die Schließung der Bureaus der United Hebrew Charities in New York Die Krisis in den United Hebrew Charities in New York bat dazu geführt, daß diese Gesellschaft die die größte jüdische Wohltätigkeitsgesellschaft in New York ist am 24. Dezember ihre sämtlichen Bureaus bis Ende des Monats schließen mußte. Die jüdischen Armen, die von der beabsichtigten Schließung nichts wußten, standen zu Hunderten vor den_ verschiedenen Bureaus auf der Straße und warteten auf die Öffnung der Türen. Als schließlich bekannt wurde, daß die Bureaus nicht nur an diesem Tage, sondern überhaupt für den Rest des Monats geschlossen blieben, spielten sich wilde Szenen der Verzweiflung ab. Am 1. Januar haben nun die United Charities ihre Anstalten wieder geöffnet haben aber zugleich, bekannt gegeben, daß die vorhandenen Mittel die Offenhaltung nur bis Mitte Januar gestatteten und daß dann die Bureaus wieder geschlossen werden würden. Falls nicht bald größere Mittel einliefen, seien sie überhaupt gezwungen, diese Maßregel allmonatlich zu treffen und die Bureaus immer nur so lange im Monate offen . zu halten, als die vorhandenen Mittel es gestatteten. Die Maßregel hat natürlich nicht nur in den davon zunächst betroffenen Kreisen ungeheures Aufsehen erregt und in der ganzen amerikanisch-jüdischen Presse wird eifrigst die Frage erörtert, wieso es-so weit kommen konnte und was geschehen müsse, um die Mittel aufzubringen, die zur Fortführung des Liebeswerks notwendig sind. „The American Israelite" möchte natürlich einmal wieder die bösen Zionisten dafür verantwortlich machen, die an dem Werke der United Charities mehrfach Kritik geübt haben und die es dadurch bewirkt haben sollen, daß die reicheren Juden des Eastends der Institution ihre Sympathie und ihre Unterstützung entzogen. An anderer Stelle spricht indes dieselbe Zeitung von der mangelnden Voraussicht der Vorsteher der Institution, die sich zur Leitung des Unternehmens als nicht geeignet erwiesen hätten. Die Zeitung spricht mit Recht von dem „Kilul Haschern", der Schließung der Wohltätigkeitsbureaus, die hätte vermieden werden können, wenn die Leiter ihre Aufgabe großzügiger erfaßt hätten. In Cincinnati und Chicago habe man bessere Methoden zu finden gewußt, die Juden der Stadt für das Wohltätigkeitswerk zu interessieren, während in New-York im ganzen nur 4000 Gemeindemitglieder zu den Kosten der Charities beitrügen. Zur Vorgeschichte der Schließung, die für die armen Ostjuden New-Yorks jetzt im Winter einer Katastrophe gleichkommt erfährt man noch folgendes: Schon vor drei Jahren standen die United Hebrew Charities vor einer Krisis. Damals verpflichtete sich eine Anzahl edeldenkender jüdischer Bürger, jedes Defizit der Gesellschaft bis zur Höhe von jährlich 100 000 Dollars zu decken. Drei Jahre wurde alljährlich der volle Betrag von ihnen eingezogen, in diesem Jahre verweigerten sie die Erneuerung der Garantie. Vor einiger Zeit fand dieserhalb eine Versammlung statt, in der ein dringender Appell zur weiteren Hilfeleistung erlassen wurde. Darauf kamen im ganzen 81 000 Dollars ein, von denen allein 50 000 von den Inhabern der Firma Kuhn, Loeb & Co. (deren einer Jacob H. Schiff ist) gespendet waren. Allein, das genügte bei weitem nicht, und so kam es, wie es kommen mußte.