Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Inzwischen wurden die größten Anstrengungen gemacht, um die Wiederaufnahme des Wohltätigkeitswerkes zu sichern, ohne daß sie bisher zu einem Erfolg geführt hätten. Von der Größe der erforderlichen Summe kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man erfährt, daß im verflossenen Jahre 300 000 Dollars, das sind 1 200 000 Mark, von den United Charities für Unterstützungen usw. ausgegeben, und daß 8000 Familien durchschnittlich von ihnen erhalten wurden. In der letzten Woche fand im Tempel Emanuel eine Versammlung jüdischer Notabein statt, um die Wiederaufrichtung der United Charities zu beraten. In dieser Versammlung, die von Samuel Greenbaum geleitet wurde, wurden heftige Vorwürfe gegen die Leitung der Charities laut. Es wurde behauptet, daß sie ihre Wohltätigkeit zu mechanisch und bureaukratisch ausgeübt habe und daß sie es nicht verstanden habe, den Zusammenhang mit den jüdischen Massen aufrecht zu erhalten. Nach mehrstündiger Debatte wurde beschlossen, ein Komitee von 250 Mitgliedern zu bilden, mit dem Auftrage, der Vereinigung neue Mitglieder und neue Mittel zuzuführen. Eine in der Versammlung vorgenommene Sammlung ergab die Summe von 2660 Dollars. Ein Verein zur Förderung jüdischer Kunst in New York Auf Einladung eines Komitees, bestehend aus den Herren Samuel Guggenheim, Prof. Solomon Schechter, Dr. J. L. Magnes, Louis Loeb und Bernard G. Richards, fand jüngst im Tempel Emanuel in New York eine Versammlung zwecks Gründung eines Vereins zur Förderung jüdischer Kunst statt. Die Versammlung war so stark besucht, daß der ursprünglich vorgesehene Versammlungsraum nicht ausreichte und man sie in einen größeren Saal verlegen mußte. Sir Purdon Clarke sprach über „Alte Jüdische Kunst", Leo Mielziner-Paris über „Jüdische Kunst der Gegenwart", Louis Lipski über „Das jüdische Drama" und Mr. Richards über „Jüdische Literatur". Den Vorsitz der Versammlung führte Dr. Magnes, "der stereoskopische Aufnahmen jüdischer Kunstwerke und Abbildungen von Erzeugnissen des Bezalel vorführte. Am Schlüsse der Versammlung zeichneten sich über 100 Mitglieder in die aufliegenden Listen ein. Zionistische Aktion gegen die Schulfeiern zu Weihnachten In St. Louis haben die Zionisten Karten verteilt mit folgendem Text: „Gemäß dem Umstände, daß ich meine Kinder als Juden erzogen haben will, werde ich ihnen nicht mehr erlauben, an einer Weihnachtsfeier teilzunehmen." Diese Karten wurden im Ghetto in großen Mengen ausgegeben und von den Eltern unterschrieben und der Schulbehörde eingesandt. Die Eltern von 20 000 Kindern sollen sich auf diese Weise verpflichtet haben, ihre Kinder in Zukunft an keiner Weihnachtsschulfeier mehr teilnehmen zu lassen. Die „besseren Kreise" sind natürlich aufs höchste indigniert, indessen sie müssen sich damit zufrieden geben, daß ihr maßgebender Einfluß auf die Regelung der jüdischen Lage endgültig gebrochen ist. Mathias Acher in Amerika Anfang Januar kam Dr. Nathan Birnbaum hier an und wurde von einer Deputation jüdischer Einwanderer aus Galizien und der Bukowina und einer Anzahl hervorragender Zionisten New Yorks feierlich empfangen. Einige Tage später fand ein großer Festabend zu Ehren Dr. Birnbaums in der Webster Hall statt, der von der Federation der galizischen und Bukowinaer Juden veranstaltet worden war. Auch die zionistischen Vereine New Yorks arrangierten zu seiner Ehre eine öffentliche Versammlung. Demnächst wird Dr. Birnbaum vor den neu gegründeten Verein „Zur Förderung jüdischer Kunst" einen Vortrag halten. Palästina Aus Jerusalem schreibt uns unser Korrespondent: Neulich hielt Dr. Mosessbhn-Jaffa im Volkshause einen Vortrag über die wissenschaftliche Bedeutung der Volksgeschichte im allgemeinen und diejenige der Geschichte der Juden im besondern. Der Vortrag hatte ein sehr zahlreiches Publikum angezogen. Dr. Mosessohn ist uns nicht fremd. Wir erinnern uns sehr gut seiner Vorträge im Vereine „Zeire Jeruscholaim", wo'er vor Jahren oft zwei, drei und vier Stunden lang vor einem sechs- und siebenhundertköpfigen Publikum Vorträge hielt. Der Vorstand des Volkshauses beabsichtigt, ihn einzuladen, zweimal monatlich hier Vorträge zu halten. Die Blattern grassieren jetzt hier sehr stark und haben bereits viele Todesfälle verursacht. Die Stadtverwaltung ist bestrebt, die Bevölkerung zu veranlassen, sich der Impfung zu unterziehen und hat zu diesem 'Zweche Ärzte angestellt, die auf Verlangen die Impfung gratis vornehmen. Petach Tikwah: Die Zahl der hier beschäftigten Arbeiter nimmt ständig zu. Gegenwärtig befinden sich hier 200 jüdische und 350 arabische Arbeiter, und alle sind täglich bis Mitternacht beschäftigt. Die Bautätigkeit ist sehr rege, auch manche der Arbeiter haben sich bereits sehr hübsche Häuser gebaut, trotzdem beklagen sie sich über ungenügenden Lohn usw. Rischon LeZion: Auch hier ist die Arbeit in vollem Gange. Das Schweigen der fleißigen Arbeiter auf dem Felde wird nur unterbrochen von dem Gesänge der Kinder, die mit zionistischen Fahnen in den Händenüber die Felder ziehen und Zionslieder singen. Aus Methula wird gemeldet, daß die Zuwanderung ständig zunimmt. Die zukommenden Arbeiter werden ausschließlich mit Feldarbeit beschäftigt und finden dabei ein gutes Auskommen. Die jüdischen Arbeiter in Palästina geben jetzt eine eigene Zeitung „Hapoel Hazoir" heraus, die vorderhand monatlich erscheinen wird und in hebräischer Sprache geschrieben ist. Die Zeitung wird in Palästina redigiert und in Kairo gedruckt. Die beiden ersten Nummern machten einen sehr guten Eindruck. Außer den Parteifragen werden sowohl Fragen allgemein-jüdischen als auch zionistischen Charakters behandelt. Oer Mieterstreik in New York Der Streik der jüdischen Mieter im Ostviertel New Yorks dauert an. Die Streikenden wandten sich um Unterstützung an die politischen Parteien, und sie scheinen Erfolg damit zu haben. Die United Hebrew Trades, der Verband jüdischer Arbeitervereine, der 120 Vereine mit mehr als 75 000 Mitgliedern umfaßt, die meistens in der Manufakturbranche beschäftigt sind und zum größten Teile ebenfalls in der Eastside wohnen," hat beschlossen, falls die Vermieter in ihren Forderungen nicht nachlassen, eine allgemeine Arbeitseinstellung zu proklamieren. Auch die Sozialisten beschäftigen sich mit der Angelegenheit. Inzwischen hat die Bewegung durch das Eingreifen der Sozialisten an Ausdehnung und "Bedeutung noch gewonnen. Große Massenversammlungen fanden statt, in denen teilweise zu offener Gewalt gegen die behördlichen Organe aufgefordert wurde, die auf Grund rechtskräftiget Urteile der Vermieter. Austreibungen der Mieter vornehmen. Nach den Versammlungen zogen die Demonstranten in großen Prozessionen über die Straßen. Bisher benahm sich die Polizei sehr taktvoll, immerhin wurden bei Zusammenstößen mehrfach Teilnehmer sowohl wie Polizisten verwundet und mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Solche Häuser, die auf Grund von Exmissionsbefehlen geräumt werden mußten, waren anderen Tages über und über mit Zetteln und Fahnen bedeckt, die anzeigten, daß dieses Haus boykottiert sei. Und dieser Boykott wurde trotz der furchtbaren Wohnungsnot, die sonst kein Zimmer eine Stunde unvermietet sein läßt, beobachtet resp. erzwungen. Die Polizei versuchte die Aufschriften von den Häusern zu entfernen, wurde jedoch von der aufgeregten Menge daran gehindert und es kam zu blutigen Exzessen. Auch die Vermieter hielten eine Versammlung ab, in der ein scharfer Ton herrschte. Man erklärte, irgendein Komitee der Mieter nicht anerkennen zu können, gab indessen zu, daß die Miete teilweise sehr hoch sei und daß es möglich sei, sie um ein geringes zu ermäßigen. Sehr erbittert äußerte man sich über die jüdischen Zeitungen New Yorks, die ohne Ausnahme auf Seiten der notleidenden Bevölkerung stehen und dringend ein staatliches Eingreifen verlangen. Die Streikenden erhielten eine nennenswerte Unterstützung dadurch, daß sich eine ganze Reihe Rechtsanwälte bereit erklärte, ihre Prozesse kostenlos zu führen und überhaupt die Interessen der Mieter nachdrücklichst zu vertreten. Unter diesen Umständen scheint es, als, ob die Sache der Mieter Aussicht auf Erfolg hätte.