Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 DIE3^ELT No. 4 verbracht. hat. Sie hat den Vater fast nicht mehr ■wiedererkannt: er ist ergraut und gebückt. Und wie er sich mit ihr gefreut hat! Wie er beglückt schien! Seine Tochter, seine Sonja, seine kleine Sonja als Arzt! . . . Ach üott, wie soll er*s fassen? Und doch ist's wahr! . . . Wenn nur diese schrecklichen Gerüchte nicht umgingen . . . Gebe Gott, daß sie unbegründet wären! Das alte, liebende Vaterherz zuckt zusammen beim Gedanken. Es wird ihm angst und bange. In der Nacht wurde im benachbarten Städtchen . '. . Oh Gott, Gott! Und man spricht, daß es auch uns bevorstehe! ... Gestern wurde ein alter Krämer überfallen und. ausgeplündert. „Alle", schrien sie, „wollen wir umbringen." Und den ganzen Tag hindurch haben sie getrunken und wieder getrunken. „Himmlischer Vater! Beschirme uns!'' spricht der Greis in Gedanken, .„errette mein einziges Kind, meine Tochter, meinen Trost und meine Stütze!" Tränen rollen von denWangen des Greises. Im Stübchen ist's still. Der matte Schimmer des verlöschenden Talglichtes erhellt mit düsterem Scheine die einfachen grauen Tapeten und dringt kaum in den dunkeln äußersten Winkel, wo vor wenigen Alinuten der Greis seinen teuren Gast eigenhändig gebettet hat. „Mein armes Kind ist so sehr ermüdet von der Reise". . . Jedoch sie ist schon eingeschlummert. Ihre frischen Wangen haben sich tief gerötet, und ein friedliches, helles Lächeln spielt um das liebliche Gesichtchen. Sie ist in einen gesunden, erquickenden Schlaf gesunken. Wildes Rufen, Geschrei und Gejohl! . . . Ein Gestöhn erfüllt die Luft . . : Das verzweifelte Jammern der Frauen und Kinder, das unbändige Geschrei der vertierten, trunkenen Plünderer . . . Das Krachen zerbrochener Möbelstücke und Klirren von Scheiben . . . Brecht! schlagt! — Zur Hilfe! Rettet! . . . Alles vermengt sich in einen Chaos von Lauten ... Es ist dunkel. Der Regen peitscht, der Wind heult. Wie soll man flüchten, wo Schutz suchen? ... Da sind sie schon. Sie dringen schon in die Stube ein. Sonja! Sonjetschka! Wo bist du? Hierher, rette dich! Mein Österreich Ein zionistisches Meeting in Lemberg Am Samstag abend, 18. d. Mts., wurde in Lemberg im Jad- Charuzim-Saale ein großes zionistisches Meeting abgehalten. Trotz sozialistischer Drohungen, man werde die Versammlung sprengen, waren ca. 2000 Personen erschienen. Auch die allgemeine Presse war stark vertreten. Als erster Redner sprach Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler. IEr hob zwei Momente hervor, in denen unsere national-jüdischen Politiker sich von den früheren israelitischen unterscheiden. " Jene pflegten ihr Judentum im Parlament nur geltend zu machen, wenn sie überzeugt waren, daß es Gott behüte," nicht mit den Interessen anderer Völker in Kollision komme, während wir unsere jüdischen Forderungen rücksichtlos stellen, mag es jemand genehm sein oder nicht (Beifalli. Jene begründeten die Existenz des jüdischen Volkes bloß auf die Toleranz, auf die Wohltätigkeit der Parteien und Völker. Wir jedoch begründen sie auf Recht und Gerechtigkeit, auf dem uns verbürgten Staatsgrundgesetz, der Konstitution. Wir flehten nicht, wir forderten. (Großer Beifall.) Referent bespricht dann die einzelnen Fälle, bei denen der »üdische Klub hervorgetreten ist. so die Affäre des Arztes Hofrät Dr. Fuchs, der polnische Juden nicht behandeln wollte, das Vorgehen von Prof. Sternbach, der ein „Theologisches Institut" für Gott! Wo sie doch sein mag? ... Aber schon ist es zu spät. Ein stämmiger Bursch fällt über ihn her. „Jude! He! Hierher!* Der Greis sinkt hin. Ein Büschel grauer Haare bleibt in der Hand des Burschen hängen. Vom Hofe her schallt ein Geschrei, Geknatter und Geprassel. . . \ Sonja, Sonja! röchelt der gequälte Greis, während er bemüht ist, sich durch den immer wütender werdenden Haufen zu drängen. Doch da sieht er etwas Weißes im Schatten aufblitzen und sich hinter der Scheunentür verstecken . . . Sonja! O Gott, so laßt mich doch! Aber hinter ihr her rennt schon ein abstoßender, von Branntwein und Mord vertierter, in Lumpen gekleideter Bauer. Ein wildes, verzweifeltes Schluchzen dringt herüber. Zehn qualvolle Minuten währt der Kampf, dann werden die Türen der Scheune plötzlich aufgerissen, und ein junges Mädchen, von Kot bedeckt, blutend, in zerfetztem Hemde, stürzt hervor. Es rennt zur Pforte, stolpert jedoch und fällt auf etwas Warmes, das sich kaum merkbar bewegt und in einer dampfenden roten Pfütze liegt. An der entgegengesetzten Seite der. Straße ist Feuer ausgebrochen. Der blutige Schein gießt sein Licht über die Gegend ringsum und erhellt den verhängnisvollen Ort . . . Ein erneuter, verzweifelter Aufschrei erfüllt die Luft. Vater! Vater! . . , Zu Hilfe! . . . Doch es ist vergebens. — „Laß mich!" brüllt über ihr der besinnungslose Bauer, die Fetzen des an ihr hängenden Hemdes herunterreißend und mit Wut in ihre entblößten Schultern beißend . . . Auf dem Hofe war niemand mehr zu sehen ..." Der Haufen war weiter gezogen. Sie war allein, mutterseelenallein an der Leiche ihres verblutenden, greisen Vaters, in der Gewalt des rohen trunkenen Gesellen. Und in der kalten Flut des kleinen Flüßchens hat sie die ihr widerfahrene Schmach versenkt. Da hat sie die Träume und Hoffnungen ihres kaum erblühten -Lebens begraben. Galizien haben möchte, um Moschko-Rabbiner zu erziehen. Wir haben den Ministerpräsident Beck mehrmals überzeugt, daß der galizische Statthalter gegen Gesetz und, Konstitution gehandelt hat, und demgemäß hat er auch einigemale energisch eingegriffen. So war es z. B. mit den jüdischen Fleischern von Krakau und den jüdischen Krämern von Kutz in betreff der verschärften Sonntagsruhe. Ministerpräsident Beck hat uns auch konkrete Dinge versprochen. So z. Bdie baldige Insichtnahme der Forderung der Anerkennung der jüdischen Nationalität, des Hebräischen und des Jargon (Beifall). Vieles werde auch in den Kommissionen geleistet, wo viel Ungünstiges,' wie z. B. die Beschränkungen des Hausierhandels, der Schenken und der Sodawasserfabrikation noch im Keim erstickt werden konnten. Redner schließt mit einem warmen Appell an das Volk um > weitere, kräftige Unterstützung seiner Vertreter (Beifall und Händeklatschen). Mit unbeschreiblicher Begeisterung und mit förmlichem Jubel wird Adolf Stand, der die Tribüne besteigt, empfangen. Das Gros der Versammlung, jüdische Bürger und Arbeiter, zwingen den Redner, seine polnisch begonnene, und darum ihnen schwer verständliche Rede, deutsch fortzusetzen. Redner zählt in seiner gewohnten, formvollendeten Redeweise die Einzelfälle auf, in welchen der jüdische Klub für jüdische Angelegenheiten eintrat. Und er weiß den trockenen Stoff so vorzutragen, daß er die ganze AUS DER BEWEGUNG