Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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r ■ v>T>V' »J-i<-NK»"r7 ^■»■»■•v.-pp« 4^-*ar-»—^^J-~<" No. -4 D1E3 bloß eine Redewendung während des Wahlkampfes sein. Sie soll verwirklicht werden. Es handelt sich, zur Erläuterung sei es gesagt, um die bürgerliche Ebenbürtigkeit. Die Nationaldemokraten sind nicht geneigt, den Juden nationale Rechte zuzugestehen. Sie folgen dem Beispiele ihrer Parteimassen in Russisch-Polen, die in ihrem der zweiten Duma unterbreiteten Autonomieentwarfe die Rechte auch der winzigsten nationalen Minoritäten wehren, zwei Millionen Juden jedoch rechtlos und mundtot machen wollen. An die einst in der polnischen Republik zu Recht bestandene Nationalautonomie der ' Juden denkt keine einzige polnische Partei. Die Polen, ■ selbst national unterdrückt, scheuen nicht den Widerspruch mit sich selbst und den eignen Prinzipien. Sie führen den Juden gegenüber eine Assimilationspolitik. Die kommende polnische Republik soll ein nationaler Einheitsstaat sein. Dies muß vorausgeschickt werden, um die Landespolitik der jüdischen Parteien Galiziens würdigen zu können. Austrianus. Die unerbittliche Göttin der Assimilation gönnt ihren treuen Dienern keine Seelenruhe. Wie lange her ist es denn, daß die böhmischen Juden ein Bollwerk des Deutschtums waren? Nun müssen sie sich beeilen, um den neuen Attraktionsmittelpunkt zu kreisen. Das Erstarken des Czechentums auf ökonomischem und gELT - , 13 kulturellem Gebiete rief eine neue Generation von sich nunmehr den Tschechen assimilierenden Juden ins Leben. Natürlich sind sie fortschrittlich! Ihr bürgerliche Namen ist: „ceski zydi" — tschechische Juden. Jetzt heißt es aber den „Anschluß" an eine tschechische „fortschrittliche" Partei zu finden, die des Antisemitismus nicht verdächtig ist Von diesen Schmerzen der „Tschechen-Juden" erzählt folgende uns aus Prag zukommende Nachricht: Das jungtschechische Exekutivkomitee hielt eine Sitzung, in welcher die bevorstehenden Neuwahlen für den Landtag besprochen wurden: Es wurde beschlossen, der Einladung des Verbandes der fortschrittlichen Juden für Böhmen, Mähren und Schlesien Folge zu leisten und zu dem Vortragszyklus des Verbandes über die politischen Parteien einen Redner zu entsenden, der über die jungtschechische Partei sprechen wird. Diese Mission wurde dem Mitgliede des Exekutivkomitees, Dr. Tobolka, übertragen. Die ungarische israelitische Gesellschaft hat aus der in ihrer Verwaltung stehenden Kunewalder-Stiftung eine Preiskonkurrenz ausgeschrieben. Es wird die „Geschichte Palästinas von der Zerstörung dez zweiten Tempels bis zu unserer Zeit mit besonderer Berücksichtigung seiner jüdischen Bevölkerung und seiner Beziehung zur jüdischen Diaspora" als Thema vorgeschrieben. Der Preis beträgt 100 Dukaten und kann nur einem Juden zufallen. O [(□□□□□□ FEUILLETON EIN FRÜHES GRAB Von S. FRUQ Übersetzt aus dem Russischen von A. K-o. Ein lautes, verworrenes Geschrei vieler Menschenstimmen drang über das Flüßchen zur kleinen Kreisstadt hinüber .... Sie hat sich ertränkt! Das waren die verhängnisvollen Worte, die von Mund zu Mund gingen. Die Strömung hatte sie bis an das Rad der alten,_ eingefallenen Mühle hinabgerissen. Ein Schauer er-" faßte alle beim Anblick dieses verunstalteten, aufgedunsenen Körpers. An der rechten Schulter waren an mehreren Stellen Spuren von Zähnen zu sehen. Unter den langen, schwarzen Haaren, die an ihrem Gesicht klebten, blickten ein Paar weitgeöffnete, starre Augen hervor. Furchtbar war der Ausdruck dieser Augen. Aber noch schrecklicher; noch furchtbarer waren die verzerrten Lippen, auf denen mit dem letzten krampfhaften Atemzuge die Frage erstarrt zu sein schien: „Was habt ihr aus mir gemacht?" Hier bringen wir in kurzen Worten das Lebensbild dieses, in der Blüte seiner Jahre, und Hoffnungen hingeknickten, unschuldigen Wesens. Unbemerkt waren für sie die drei Jahre in der Residenz verstrichen.. Es eröffnete sich ihr nun eine neue Welt, neue Menschen, neue Bücher und die ersten Schritte zur Erfüllung ihrer sehnlichsten Wünsche, die sie so lange in ihrer jungen Brust gehegt und gepflegt hatte. Und mit der ganzen Leidenschaft ihres jungen, von Streben und Hoffen erfüllten Herzens tauchte sie unter in dem Gewühle dieses, ihr fremden Lebens. Sie wird Arzt sein, sie wird die Armen, besonders die unglücklichen hungernden Bauern, unentgeltlich heilen. Sie ist ja erst 21 Jahre alt und hat noch eine ganze Zukunft vor sich liegen! Auf edle und ehrliche Weise will sie ihren Beruf ausüben. Sie wird für das Wohl der Menschheit und für die Wissenschaft arbeiten. Und sie wird glücklich sein! Nur zwei Jahre noch, — und dann ist sie am Ziele! Ihr Vater ist alt und arm; seine Kraft reicht nicht mehr hin zum Arbeiten, mit jedem Tage wird es ihm schwerer, das Rad an der Drehbank zu bewegen, 4 an der er die besten Jahre seines ärmlichen Lebens und mühevollen Daseins zugebracht hat. Jedoch noch zwei Jahre nur, dann wird auch er ausruhen können. Er wird nicht mehr arbeiten müssen, da er selbstverständlich bei ihr leben wird. Und ihr Sascha? Ihr herzensguter Sascha? . . . Er liebt sie so sehr! Nach einem Jahre wird er ins Leben treten, ein unermüdlicher, ehrlicher Arbeiter . . . Hand in Hand werden sie den Pfad ihres arbeitsreichen, glücklichen Lebens wandeln. Sie wollen um dieses Leben kämpfen und ringen. Nichts soll die Willenskraft dieser zwei Menschen hemmen, die beseelt sind von dem Eifer des Strebens. Und sie werden glücklich sein! Diese erhebenden Ideale und lichten Hoffnungen keimten und blühten in den hellen, klaren Sommernächten im kleinen, ärmlichen Stübchen der jungen Studentin. Hier in der glänzenden, lärmenden Residenz hat sie ihre Arbeit und ihre Hoffnungen, dort im entlegenen Städtchen ein liebendes Vaterherz. Arbeit, Hoffnung, Liebe! ... Eine friedliche, stille Glückseligkeit überkommt das junge, feurige Herz bei diesen Gedanken. Und nun ist sie 'daheim! Und so wohl fühlt sie sich bei ihrem guten alten Väter, in diesem friedlichen Winkel, wo sie die glücklichen Jahre ihrer Kindheit