Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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allgemeinen Charakters, aber auch jüdischen Anstalten sind größere Summen zugedacht worden. Die Handwerksschule (Ecole de Travail) hat 200 000 fr., die „Israelitischen Schulen in Paris" 200000 fr. und die Unterstützungskasse für Rabbiner 50000 fr. bekommen- In den Nekrologen .wird der Umstand mit besonderem Nach, druck hervorgehoben, daß die Verblichene in einem überaus intimen Verkehr mit gekrönten Damen stand —, nicht mit den glücklichen, sondern mit den Märtyrerinnen des Diadems. Sie war mit der österreichischen Kaiserin sehr befreundet und blieb, seitdem sie die herzerschütternde Kunde von dem hochtragischen Tode derselben vernommen, ungetröstet. Sie hing auch, ganz wie ihr verstorbener Mann, an der neapolitanischen Königsdynastie bourbonischer Linie? die durch die Vereinigung Italiens entthront worden ist. Baron Adolphe de Rothschild hatte sofort nach dem Fall dieser Dynastie sein Bankhaus in Neapel aufgegeben und ließ sich durch nichts bewegen, das Geschäft in Italien wieder aufzunehmen. Und man wagt noch zu behaupten, Juden seien nicht traditionsfest! Noch eine Kleinigkeit — pour la bonne bouche. Herr Albert Guinon, der antijüdische Dichter der „Decadence", ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. Und es verlautet mit aller Bestimmtheit, daß die Anregung zu dieser Auszeichnung von einem jüdischen Journalisten und einem jüdischen Schauspieler ausgegangen ist Ein Mitarbeiter eines hiesigen französisch-jüdischen Blattes nennt dieses Großmut. Ja, es ist die Großmut der Gaukler und Poseure, eine in grotesker Verzerrung parodierte Quasi-Selbstlosigkeit... _ Wiener Brief Zu den Landtagswahlen in Galizien Die Neuwahlen in den galizischen Landtag finden auf Grund des alten Wahlrechts statt. Die Vertreter der Großgrundbesitzerkurie und das katholische Zentrum unter Führung des Pater Stojalowsky, des einstigen Rebellen, der sich zur Staatsweisheit der konservativen Schlachta hat bekehren lassen, haben die Reform wohl nicht vereitelt, aber verzögert Die Wahlen werden daher voraussichtlich keine Überraschungen bringen. Die Großgrundbesitzer werden konservativ, die Handelskammern schlachzizischallpolnisch wählen. Das klerikale Zentrum wird freilich in der Landgemeindenkurie von der aufstrebenden Stafinskischen Volkspartei (Ludowcy) hart bedrängt und wird manchen Sitz einbüßen. Das städtische Bürgertum der Städtekurie ist der sichere Besitz der allpolnischen national-demokratischen Partei, der die Mehrheit des Polenklubs angehört, aus deren Mitte der nunmehrige Klubobmann, Prof. Glombinski, hervorgegangen ist. Diese führende polnische Partei scheint auch im Begriffe zu sein, die jüdische Städtebevölkerung zu erobern. Wir werden zwar in Galizien das Schauspiel eines Kampfes zwischen polnischen Parteien erleben. Das soll aber niemanden täuschen. Mit Ausnahme der vorbehaltlos und ehrlich demokratischen Partei der „Ludowcy" sind alle anderen bürgerlichen polnischen Parteien, auch wenn sie sich scheinbar bekämpfen, einig in der Aktion. Sie besitzen in dem Lemberger Nationalrat (Rader nerodowa) eine gemeinsame repräsentative und exekutive Körperschaft sie beugen sich vor den eisernen, jeden Widerspruch, jedes Minoritätsvotum ausschließenden Paragraphen der Geschäftsordnung, ihres, sie alle fest umklammernden Reichsratsklubs. Ist jedoch eiu unbedingt gemeinsames Vorgehen möglich, dann sind wohl die programmatischen Differenzen überbrückbar. Alle Polenklubsparteien führen selbstredend die „nationalen" Farbenstreifen in ihren Bannern. Sie stimmen alle so ziemlich in ihrem Verhältnis zur katholischen Kirche überein. Die konservativen Schlachzizen, die sogar im österreichischen Herrenhaus auf der extremen Rechten zu sehen sind, stehen in bezug auf Ergebenheit der Kirchenobrigkeit gegenüber dem katholischen Zentrum nicht nach. Die Kirchenobrigkeit, die im letzten das große Wort führt, zeigt sich erkenntlich und gerät in ihrem sozialen Programm gewiß in keinen Gegensatz zu den frommen Großgrundbesitzern. Schließlich hat auch die „linke" national-demokratische Gruppe im Wahlaufruf des Nationalrates die Unerschütterlichkeit der „Grundsätze der' christlichen Moral" verkündet. Nun, wir sind nicht schuld daran, daß man heutzutage das, was in der hochpolitischen Sprache der Wahlaufrufe als „Treue zum Altar", Hochhaltung der „christlichen Moral" und wie das halt heißt, gepriesen wird, in die gewöhnliche Umgangssprache mit „Herrschaft des Klerus" zu übersetzen pflegt Fühlen sich also die polnischen Parteien in ihren nationalen, religiösen und sozialpolitischen Ideen — eins, so ist der ganze Wahlkampf nicht-ein Ringen von Gedanken und Prinzipien nach Geltung und Vorherrschaft, es sind nur Scheingefechte. Und auch diese hören auf, wo es gilt den „äußeren Feind" zurückzudrängen. Der „äußere, Feind" — das waren bis nun die Ruthenen. Die Juden blieben Jahrzehnte hindurch ein widerstandsloses Werkzeug in den Händen der Kahalsbeherrscher, der polonisierten Intelligenz und der um die Gunst des Schlachta im Schweiße ihres Angesichts kämpfenden Oberschicht emporgekommener Geldparvenus und Großpächterprotzen. Seitdem die jüdischen Massen dem Polenklub die Gefolgschaft verweigert haben, gehören auch sie — die Zionisten — zu den „Erbfeinden", „Vaterlandsverrätern" und „bedrohen das Polentum." Die Terminologie ist eine getreue polnische Obersetzung der gegen die Polen der Ostmark im preußischen Abgeordnetenhaus von der Rechten geschleuderten Beschuldigungen. Denn auch die polnische Schlachta Galiziens hat „ihre Ostmark, — das Ruthenenland, östlich von Przemysl und Lemberg, wo auch die Mehrheit der 811 000 Juden Galiziens zusammengedrängt ist Wir spielten bis vor kurzem eine erbärmliche Rolle in der polnischen Ostmarkenpolitik. Wir mußten den polnischen Politikern dazu verhelfen, das zur Majorisierung des Landes und, was die Hauptsache ist die der gesetzgebenden Körperschaften' fehlende Quantum von Polen zu liefern. Es gibt nämlich in Galizien rund 3500 000 Polen gegenüber 3 000 000 Ruthenen, — ein Zahlenverhältnis, das. das bestehende Machtyerhältnis, die Beherrschung des gesamten administrativen Apparats durch Polen nicht genügend rechtfertigt. In der Not sollten wir Juden der polnischen Adelsoligarchie und dem antisemitisch-klerikalen Bürgertum behilflich sein. Die Transformation von rund 625000 Juden in waschechte Polen ergab das notwendige Kräfteverhältnis, —Galizien wird ein überwiegend polnisches Land. Von dieser Lüge des XIX. Jahrhunderts, deren eiserne Bestandteile die Verfälschung der Statistik und die bedingungslose Negierung des jüdischen Volkstums sind, will auch die neue führende Polenklubspartei, — die national-demokratischen Allpolen — nicht lassen Man behauptet sie seien Antisemiten. Wahr' ist daß sie im Reichsrat mit den Christlichsozialen den Bruderkuß getauscht unter freundlicher und liebenswürdiger Mitwirkung der Herren Abg. Dr. Löwenstein und Gold. Die Nationaldemokraten sind jedoch nicht mehr Antisemiten als die anderen polnischen Parteien- Es ist in Galizien überhaupt nicht notwendig,, eine Partei zu begründen, die den Antisemitismus in ihrem Programm festlegt Den Antisemitismus unterscheidet von nationaler Feindseligkeif die Nuance der Verachtung. Nirgends ist aber die gesellschaftliche Atmosphäre von dieser feindseligen Verachtung derart durchsetzt, wie in polnischen Landen. Es entspricht dem Wesen der Schlachta, die auf alle sozial tiefer stehende, wie auf „Cydlo", mit souveräner Verachtung herabblickt. Mit der Politik hat es scheinbar nicht viel zu tun. Man spricht in Galizien nur polnisch-patriotisch, nie antisemitisch. Aber man regiert ohne Rücksicht darauf, daß die jüdischen Massen wirtschaftlich' zermalmt werden. Auch im Wahlaufruf des polnischen Nationalrats .wird erklärt die jüdische Gleichberechtigung werde nicht mehr