Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Man kann zwar nicht wie Samuel den neuen Israeliten vorhersagen, daß der zu wählende „König sie unterjochen wird, aber dieser Offizialismus wird kaum etwas Gutes bringen. Sind die französischen Juden wirklich um den „culte* so besorgt, so brauchen sie keinen „grand rabbin" mit großem Pomp und bedeutendem Gehalt anzustellen. Die kleinen „rabbins", die ebenso fromm oder ebenso unfromm wie der „grand" sind, befinden sich in einer materiell sehr prekären Lage. Die Entziehung der Regierungssubvention hat einer großen und reichen jüdischen Gemeinde wie der Pariser nicht viel schaden können. Die Rothschilds sind immer da, wo es sich um die Aufrechterhaltung jüdischer Institutionen handelt. Aber die kleineren Gemeinden, wie Nancy, Lyon, Tours, und der ganze Süden sind wirklich kaum imstande, die Mittel aufzutreiben. Sie sind auch, wie ein Konsistoriumsmitglied sich unlängst äußerte, „zu stolz, um zu betteln". Die große Geldsumme, die zur Neueinrichtung eines „Großrabbinertums für Frankreich" nötig ist, wäre also viel besser zur Unterstützung der kleinen Gemeinden zu verwenden. Aber der Größenwahn lenkt den Blick von den tatsächlichen Bedürfnissen ab, und läßt ihn nur an den Äußerlichkeiten haften. Die Leute halten sich für fortschrittlich, *aber im Grunde sind sie in ihrer Weise verknöchert orthodox. Sie haben sich an eine Form gewöht, die jetzt jedwede Existenzberechtigung verloren hat, aber diese Form wurde schon eine Tradition, eine ganz eigenartige Tradition! Die Epoche des Unverstandes und des Massenfanges, die durch die nationalistische rietzpresse gefördert worden ist, gehört der Vergangenheit, aber .man hat immer noch nicht mit der Rehabilitation der Wahrheit genug. Es vergeht kaum ein längerer Zeitraum, ohne daß irgendeine Ernennung, irgendeine Denkmalsenthüüung, oder irgendeine andere Kundgebung nach dieser Richtung stattfindet. Noch fletschen die Nationalisten und die Antisemiten ihre Zähne, aber sie werden von Tag zu Tag schwächer und zahmer. Die bevorstehened Enthüllung eines Denkmals für Scheurer-Kestner im Luxemburgischen Garten wird Herrn Clemenceau die Gelegenheit zu einer großen triuniphatorisch-dreyfusistischen Rede bieten. Das Denkmal selbst, ein Werk des berühmten Bildhauers Dalon, ist eine rein dreyfustische Tendenzleistung. Mit dem Medaillon Scheurer-Kestners an der Mitte, stellt es an einer Seite die Figur der Wahrheit — eine nackte Frauengestalt — und an der anderen die Figur der Gerechtigkeit — auch eine Frauengestalt — antik drapiert — dar. Es wäre vor einigen Jahren undenkbar gewesen, ein solches Denkmal zu errichten. Nicht nur in plastischer Form, aber auch in rhetorischer Redewendung durfte man nichts Ähnliches andeuten. Nun haben sich die Leidenschaften ausgetobt und man ist ganz indifferent geworden. Daß Herr Clemenceau bei dieser Gelegenheit noch den Rest des Anti-Dreyfuissmus zerfetzen wird, — unterliegt kaum einem Zweifel. All dies wäre schön und erbauend, würde der Sieg nicht ein wenig theatralisch-aufdringlich wirken. Es war ein - Sieg der „Affäre* an sich, aber ob dieses ein Sieg des sittlichen Prinzips und der absoluten Wahrheit und Gerechtigkeit rm öffentlichen Leben und in der Politik Frankreichs war, das läßt sich kaum mit Bestimmtheit behaupten. Dieselben Männer, die, bevor sie die Zügel der Macht in ihre Hände bekommen, mit demokratischer Unbekümniertheit um alle Rücksichten einer sogenannten Staatsraison den Humanismus verfochten, machen jetzt eine Politik der Expansion und befestigen die unwürdigen Allianzen ganz so. wie es die anderen zu tun pflegten. Wenn man immer und immer wieder von der Ehrung Zolas und von den Erfolgen Piquarts hört, so taucht zugleich die Frage-auf: Ist das nicht wieder eine neue „blague" geworden, ein „frou-frou", ein Schaustück mit raffiniertem Aufputz? Handelte es sich denn wirklich nur um einen Dreyfus, um die MärtyrerroHe. eines Zola, oder — um das Durchdringen des unverfälschten, humanitären Prinzips im Gesamtleben Frankreichs? Anstatt den Dingen auf den Grund zu kommen, bleibt man bei den Ehrungen und Denkmälern. . . . Eine wesentliche Bedeutung, auch im Zusammenhange mit den Affäre-Oberresten, wird die bevorstehende Debatte in der Kammer wegen der Reform der Militärjustiz haben. Als Referent wird für diese Frage Herr Labori auftreten, ein Mann, der diese Angelegenheit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch gründlich erforscht hat. Was noch von geiferndem Nationalismus in Frankreich übrig geblieben ist, wird wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit aus der alten Rüstkammer wieder hervorgeholt werden. Aber es wird den Dunkelmännern nichts helfen. Auch die sensationelle Mitrailleuse der „Patrie", die wiedermals Anklagen gegen ein „jüdisches Syndikat*4 schleudert, wirkt nicht mehr. Die Zeiten sind vorüber. Wie ein Klang aus längst verschwundener Zeit lautet die Kunde von dem Ableben der 77jährigen Greisin, Lia Felix, einer Schwester der berühmten, großen Rachel. Lia war schon lange vergessen; sie lebte in stiller Weltabgeschiedenheit, in ihren großen Erinnerungen ganz eingesponnen. Sie war nicht so genial, wie Rachel — nicht so graziös, nicht so geliebt, aber, wie ihr biblischer Prototyp - - fruchtbar, rollen- und tatenfruchtbar. Sie glänzte in den Rollen des „Angelo", der „Jenny l'Ouvriere", der „Noces Venitiennes". des „Richard d'Arlington" und der „Cioserie des Genets". Alles versunken und in den Orkus der Vergangenheit verloren. Im Lamartineschen Drama „Toussaint Louverture" hatte Lia die Hauptrolle. Das Drama und die Glanzrolle sind jetzt ganz vergessen. Ihre letzte Leistung war die „Jeanne d*Arc"-Rolle im Barbierschen Stück. Man sagte damals in Paris, niemand vermag die „Jeanne d'Arc**-Rolle so darzustellen wie diese Jüdin. War sie eine Jüdin? National, dh. der Herkunft nach zweifellos, aber das jüdische Wesen, das Rachel noch in so künstlerisch-sentimentaler Weise an den Tag legte, kam bei Lia viel weniger zum Vorschein. Sie war die dritte Schwester Rachels, und die Assimilation schreitet rasch vorwärts. Rachel trug noch bekanntlich jüdische Amulette und flüsterte „Schma-Israel", bevor sie die Bühne beschritt. Lia verbarg ihr Judentum tief im Herzen. Ich habe gerade jetzt im letzten „Gaulois du Dimanche" eine . Reihe bisher unveröffentlichter Briefe Rachels gelesen, die die edle Seele der größten Tragödin, die gelebt hat, im hellen Glänze erscheinen lassen. Einer dieser Briefe ist an Michel Levy gerichtet, der damals infolge eines Gerichtsprozesses, den sein Freund gegen den alten Dumas angestrengt hatte, sich in argen Geldnöten befand. Rachel bietet ihm ihre Hilfe an. Es mutet einen ganz eigenartig an, wie der zukünftige Chef der größten Verlagsfirmen Frankreichs, einem armen Studenten gleich, von Rachel eine kleine Subvention empfängt. Der Brief ist so herzlich, so einf ch, so jüdisch. Aber von der jüdischen Hochfinanz wußte Rachel nicht viel. In einem Briefe, den sie an den Marquis de Custins im Jahre 1839 schrieb, zählt sie viele Bekannte und Verehrer auf, denen sie manche Anregung verdankt. Sie erwähnt unter anderen, aber ganz in letzter Reihe : M. Rodchille. Das soll Rothschild heißen. Sie kannte nicht einmal die Orthographie dieses Namens. Ein halbes Jahrhundert ist seit dem Tode Rachels verflossen, — sie starb am 3. Januar 1858 in Cannes, — und nun ist ihre Schwester Lia in jenes Land gefolgt, von dem niemand zurückkehrt. Diese beiden Jüdinnen haben ein Stück Frankreich, ein Stück anmutiger, französischer Illusion geschaffen: Der Rest der Familie gehört uns nicht mehr. Im Sturm des Lebens verweht. Come foglie — wie die Blätter! Die Leiter hiesiger jüdischer Anstalten stürzten sich gierig auf das Studium - des Testaments der unlängst verstorbenen Baronin Adolphe de Rothschild, das in den letzten Tagen veröffentlicht worden ist. Es enthält eine lange Liste von Legaten, meistens