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Die Welt · 1908-01-24 · 4 (24.1.1908) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIE^ELT No. 4 als die seine. Anders als die seine — denn im letzten Ende bleibt ihm der Übergang zum Echtjüdischen versagt, ob er ihn nun bewußt nicht sucht oder nicht findet. Seine Gewohnheiten, seine Gesellschaftsanschauungen, seine kulturellen Neigungen wurzeln tief im Deutschtum, sein Verstand und Gerechtigkeitssinn (vielleicht weit mehr als sein Gefühl), ziehen ihn in die Xot, den Kampf und — die Aktivität der Juden. So arbeitet er in eines deutschen Staatsbürgers vergittertem und für unseren Geschmack sehr engen Bereich, der aber viele Türen hat, durch die er oft ausgeht dem Größeren zu, um immer wieder zurückzukehren. Ein deutscher Jude, der für alle Juden arbeiten will, daher auch oft für die jüdischen Juden arbeitet, gerne mit ihnen, ungern, aber doch manchmal unvermeidlich auch gegen sie. Und so ist auch seine theoretische Anschauung. Wesentliche Tatsachen stellt er nur fest, er entscheidet sie nicht. Er tritt nicht für Aufgaben ein, er hat mildernde Umstände ganz besonderen Fällen der Taufe zuzubilligen, aber er verurteilt sie in der üblichen Erscheinungsform, er bezweifelt die Möglichkeit eines Judenstaates unter den uns jetzt bekannten politischen Verhältnissen. Seine Hoffnungen muß er also in eine recht ferne Zukunft verlegen: Kosmopolitisch in dem gewöhnlichen europäischen Sinne, hofft er auf eine Ausgleichung der Brutalitäten nicht durch die Entwicklung der Gefühle, sondern durch die Macht der die Kontraste ausgleichenden internationalen Tatsachen. Die Judenfrage kategorisiert er dabei unter die nach seit er Meinung analogen Völkerfragen der Armenier. Iren. Polen usw. Diese letztere Schabionisierung ist eigentlich von einem, der die Stürme, die die Judenheit erschüttern, zu übersehen Gelegenheit hat, nicht zu erwarten gewesen. Eine Antwort in dem Buche (S. 171) könnte in ihren einleitenden Worten wie gegen ihn geschrieben erscheinen. Es heißt dort: „Die Judenfrage ist nicht eine Nationalitätenfrage wie die Dänen- und Polenfrage. Es steht in ihr nicht ein Volk einem andern, sondern ein Volk allen andern gegenüber." Oder: Alle einem Volke gegenüber. Und das ist der Kern. Sieht ihn Dr. Nathan nicht? Doch! Aber er kann die letzten Folgerungen nicht ziehen das Konservative ist ein Stück seines Selbst... .*) Auch mehrere Zionisten sprechen in dem Buche. Sie sagen das Ihre einfach und gut: Dr. Moses (Mannheini) argumentiert schlicht, Richard Huldschiner temperamentvoller. Des letztern Schlußsätze seien in ihrer eindringlichen, schönen Prägnanz hier wiedergegeben: ..Wer sich assimilieren will, ist nicht mit Gründen zu überzeugen. Wer aber das Fortbestehen seiner Rasse als eine selbstverständliche Forderung seiner Überzeugung von einer spezifizierten Besonderheit seines Blutes ansieht, wer so naturwissenschaftlich zu denken vermag, daß er das Aussterben seiner Art schmerzlich empfindet, ganz gleich, ob es sich um den Vogel Kiwi oder um ein Volk handelt, wer zuguterletzt an die hervorragende Begabung des Volkes glaubt, dem er angehört, der kann nur in einer Renaissance dieses Volkes im eigenen historischen Lande die Lösung des Problems erblicken." Wenn es in dem Buche — infolge der Auswahl +} Wie weit aber Dr. Nathan gegenüber dem Durchschnitt vorgerückt, um wieviel er trotz allem reifer und reicher ist als andere seiner Sphäre, das zeigt eine Durchsicht des blutarmen, hoffnungslos pathetischen Aufsatzes von Professor Philippson. der Mitarbeiter — sonst an jüdisch-zionistischen Stimmen gebricht (Max Viola ist noch zu erwähnen), so haben manche Christen doch noch etwas vom und für den Zionismus zu sagen. Allerdings auch gegen ihn, d. h. gegen das Judentum überhaupt. Doch darüber ein andermal. Criticus. Pariser Brief (Von unserm Spezialkorrespondenten) Die Wahl eines „grand rabbin". — Wie ist diese Institution ' entstanden? — Ein Anachronismus. — Nachklänge des Wahrheitssieges. — Lia Felix. — Das Testament der Baronin Adolphe Rothschild. — Jüdische Großmut — Wie ehemals die Israeliten in Kanaan vom Propheten Samuel einen König verlangten, so verlangen jetztdie Israeliten Frankreichs von ihrem Zentralkonsistorium einen .. - „grand rabbin"! Sie können nicht ohne „grand rabbin1" leben, sie halten es einfach nicht mehr aus... Es muß also das Zentralkonsistorium eine Delegation wählen, Versammlungen veranstalten, Kandidaturen erwägen, Qualifikationen prüfen, Direktiven erteilen, ein Skrutinium vorbereiten, und das französische Israel hetzt sich förmlich mit dieser aufregenden Riesenarbeit ab. Würde jemand die Frage aufwerfen: wozu eigentlich ein „grand rabbin" nötig sei, so würde er die jüdische öffentliche Meinung in Verlegenheit bringen. Diese Frage ist leichter zu stellen als zu beantworten. Ein „rabbin" — ja, diese Notwendigkeit kann man schon verstehen. Er entscheidet zwar keine Speisegesetzfragen (Schaaloth) und schlichtet keine Streitigkeiten (Din-ThoFa), er hält zwar keine Vorträge (Schiur) vor den „Bochurim" wie im Ghetto, aber er muß in der Synagoge beim Gottesdienst zugegen sein und manchmal ein paar französische Phrasen mit hebräischen Brocken hersagen. Der „rabbin" ist also unentbehrlich, wo immer nur eine „communeaute" oder ein „temple" vorhanden ist Aber wozu ein „grand rabbin"? Ist der „grand rabbin" ein größerer Gesetzeslehrer, eine höhere religiöse Instanz? Und empfindet das französische Judentum tatsächlich das Bedürfnis nach einer solchen Instanz? Man wäre schier versucht, letzteres anzunehmen, aber ein tieferer Einblick in die Organisation der französischen Judenschaft genügt, um zu zeigen, daß es sich hier nur um eine leere Phrase handelt. Der „grand rabbin" ist keine jüdische, er ist eine französische Institution. Sein Ursprung steckt in der Synhedrion-Epoche von der Zeit Napoleons, und er ist ein integrierender Teil jenes Abklatsches des Konkordats, der die Basis zu einem geregelten Verhältnis zwischen Staat und Synagoge bildete. Es war eine künstlich geschaffene Hierarchie von Konsistorien und einem Zentralkonsistorium, von „rabbins" und „grand rabbins", nicht in ihren Beziehungen zu den Gemeinden, sondern zum Staat. Nun ist von all diesen Einrichtungen nichts geblieben. Der Staat ist von den Konfessionen getrennt, erteilt keine Subventionen, kümmert sich um die Existenz der Gemeinden und um den Unterhalt der Kultusbeamten nicht alles bleibt jetzt also Privatsache, interne Angelegenheit. Die mächtige katholische Kirche sträubte sich, soviel sie konnte, gegen die Trennung, aber sie fügte sich schließlich und beginnt ihre Angelegenheiten im Rahmen der neugestalteten Sachlage zu regeln. Nur das Judentum hängt noch an den Rockschößen des Staats. Gewohnheitssache! Man hatte sich an den Titel „grand rabbin" gewöhnt, und' man empfindet es als eine Zurücksetzung, daß. Paris keinen „grand rabbin" hat. Ja, wäre einer da, der einen Zadoc Cahn ersetzen könnte, so wäre das Verlangen nach diesem Ersatz ganz natürlich. Faktisch ist aber kein entsprechender Kandidat da, es ist also nur eine leere Dekoration, nach der die philiströse Judenschaft so sehr dürstet.

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