Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 4 DJEH^ELT 9 singender Sigmar! Was kann bei solchen atavistischen Rückfällen dem Dr. Hirschfeld noch sein schwertklirrender Name für Trost bringen? Auch wenn er, das erhöhte Taufbecken vor Augen, dich weissagen hört: „Lockt der Passahbecher wieder? Klafft die Türe, tönt das Singen? Ach! es steigt kein Geist hernieder, Und du mußt empor dich ringen!" Nein, es ist unzweifelhaft, kein Geist, keine Spur von Geist steigt hernieder. Höchstens der deutsche Sprachgeist, der Sigmarn gehörig bei den Haaren beutelt..... Allein, es gibt keine semitisch-antisemitische Exaltation, die nicht noch übergipfelt werden könnte. Über den Ossa Hirschfeld türmt sich ein Pelion Glaser. Dr. Adolf Glaser, — wenn wir daran denken, daß es einen berühmten Glaser gab", so müßten wir nach Analogie mit 99°/o Wahrscheinlichkeit schließen, daß der uns hier vorliegende Sprosse getauft ist, — Dr. Glaser ist Taufe und Vermischung und auch wohl Hirschfelds Namenschristianisierung nicht genug radikal und nicht genügend sicher. Er verlangt gesetzliche Ahndung für jede Erinnerung an gewesenes Judentum — so ähnlich, wie man einen Verbrecher nach Abbüßung seiner Schuld nicht mehr wegen des Vergangenen schmähen darf.. Gesetzlicher Zwang löst die Judenfrage ein für allemal. „Ich denke mir," so schreibt er, „man sollte den Juden Zeit lassen: fünf, auch zehn Jahre. Wer bis dahin nicht freiwillig dem Judentum entsagt, sollte zur Auswanderung genötigt werden, — sei er Rothschild oder ein armer Schacherjude. Dann aber sollten die Übergetretenen gesetzlich geschützt werden. Jede Hindeutung auf jüdische Geburt sollte streng geahndet werden, wenn es in dem Sinne einer Schmähung geschieht." Angenehme Brüder, wie? " Gegenüber solchen unfreiwilligen Humoren — man darf ja wirklich derartige Zynismen nicht weniger lächerlich nehmen, als sie es verdienen — hat natürlich ein zünftiger Humorist von vornherein einen schweren Stand. Julius Stettenheim, der kluge Wortwitzspötter, versucht auch der Judenfrage ein — „Wippchen" zu schlagen in sechs Verszeilen, die also lauten: „Nichts ist immer leichter gewesen, Als die Judenfrage zu lösen: Man schaffe nur alle Vorurteile, Die Intoleranz, die Jagd nach dem Geld Und Neid und Unkultur aus der Welt, Und die Frage verschwindet in aller Eile." Vielleicht soll sich hinter diesen paar Reimen eine feine, abgeklärte Resignation verbergen, vielleicht soll die Auflösung des Problems in eine Reihe von vorläufigen absoluten Unerreichbarkeiten, den einfachen „Witz der Umschreibung" erzeugen, — jedenfalls meinen wir: es ist nicht gut, die Judenfrage im ganzen oder im kleinsten durch das Spiel von Worten zu lösen. Und wenn auch das kleine Gedichtchen, das sein Autor offenbar aus Gutmütigkeit beisteuerte, weil ihm nichts Besseres in den Sinn kam, sicher ohne Prätention geschrieben wurde und auch so aufgenommen werden will, — es kann einem wirklichen Ärger bereiten, wenn es gewisse Gedankenassoziationen auslöst. Wenn man einen Augenblick an unsere klugen und geistreichen Köpfe denkt, an die überklugen und geistreichelnden, zumal bis herunter zum verse- und anekdotenwitzelnden Schmock, die ihr Talent oder ihre Talentlosigkeit, so oft sie auf den Judenpunkt kommen (und sie tun das nur zu oft ohne übergroße Veranlassung), nicht besser verwenden zu können glauben, als daß sie einem grinsenden oder blökenden oder schmunzelnden jüdischen und nichtjüdischen Publikum zuliebe aus unsern heißesten Schmerzen ihre blendendsten Bonmots machen. Wahrhaftig, man möchte sich da manchmal den großen Hammer Mosche Rabbenus wünschen . . . Kehren wir zurück von den Theater- und Variete- Assoziationen zu den übrigen unserer Brüder! Gott sei Dank, die besten sind uns für den Schluß übrig geblieben. Da sind zunächst ein paar feine Bemerkungen eines kampfmüde Gewordenen, der den Weg des höheren Judentums zu finden weiß und zu gehen wußte, wär er nicht eben zu müde und verzweifelte er nicht allzugründlich an Zeit und Menschen. Wir kennen den Typus, den Josef Popper repräsentiert (er ist viel zahlreicher, als man oberflächlicherweise vermuten könnte), den Typus des stolzen, das Höhere, Reinere, Echte erstrebenden Juden, der aber den Brutalitäten des Alltags nur ein Gefühl, keinen revolutionären Willen entgegensetzen kann, der den Zionismus mit seinem Inhalt an sittlichen Werten versteht und schätzt, aber zum Glauben nicht die Kraft der Tat hat und dessen letzte Resignation: „Die Juden haben soviel überstanden; sie werden auch weiteres Unheil überstehen", doch wieder in eine letzte Hoffnung ausklingt: Vielleicht aber wird doch ein Mann aufstehen wie Moses oder Napoleon, der alle die enorme Klugheit und Energie des jüdischen Volkes zusammenzuraffen versteht. . . . Menschen, die zwischen der alten und neuen, oder neben der neuen Generation stehen und die trotz aller beklagenswerten Inaktivität doch eine Funktion erfüllen, unscheinbar und ihnen selbst oft unbewußt, den Wellengang der Gefühle zu verstärken, stille Mitbildner an dem Geist der Zeit zu sein. Einer der interessantesten Aufsätze ist der Dr. Paul Nathans. Die Persönlichkeit des Verfassers ist politisch bekannt, psychologisch erscheint sie allerdings komplizierter. Paul Nathan ist weder der jüdische Philanthrop, noch der jüdische Assimilant, noch der Staatsbürger jüdischen Glaubens, noch der „gute Jude", . obwohl er sicherlich von allem — soweit man die Begriffe schabionisiert hat — mehr oder minder viel an sich hat. Er ist auch einer, der zwischen alter und neuer Generation steht, aber in einem andern Sinne als der oben geschilderte Typus der Passiven. Er ist zu. konservativ, um das Alte der „Staatsbürgerschaft" abzustreifen, zu impulsiv, aktiv und scharfsinnig, um nicht eine Strecke Weges mit dem Neuen zu gehen. „Ein Stück Weges", — das waren seine eigenen Worte anläßlich der Brüsseler Konferenz. Dieses „Stück Weges" ist allerdings kein kleines, denn er ist im öffentlichen jüdischen Leben Realpolitiker im besten Sinne des Wortes, und ich möchte ihn in dieser Hinsicht unbedenklich in die erste Reihe der jüdischen Männer der Öffentlichkeit setzen. Seine Tätigkeit für die Augenblicksnot der bedrängten russischen Juden z. B. ist von einer seltenen modern-politischen Konsequenz, großzügig und gestützt durch eine musterhaft hingebungsvolle Energie. Seine Beziehung zu den kulturellen Bedürfnissen der Orientjuden zeugt von ernstem Eingehen auf die Volkspsychologie, die — anders ist